Christoph Grunenberg über den Kulturstandort Bremen

Weniger Nostalgie, mehr Mut!

Was definiert eine Stadt? Geografie, Architektur, Religion, Geschichte, Menschen und natürlich Kultur im weitesten Sinne – von Essenskultur, Festen und Traditionen bis hin zu Sport, Kunst und Musik.
29.10.2015, 12:11
Lesedauer: 2 Min
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Was definiert eine Stadt? Geografie, Architektur, Religion, Geschichte, Menschen und natürlich Kultur im weitesten Sinne – von Essenskultur, Festen und Traditionen bis hin zu Sport, Kunst und Musik. Eine vornehmliche Aufgabe der Kunsthalle Bremen sehe ich darin, diese Kultur und das Image der Stadt aktiv mit zu formen.

Noch immer sind die Mehrheit deutscher Kulturorganisationen in einem Dilemma von der Verwaltung des Mangels und gut gemeinten aber wenig effektiven Aktionen der Öffnung gefangen, die nur vorsichtig an der Oberfläche des Status quo kratzen. Die Kunsthalle Bremen will ein Museum sein, das nicht aufhört sich zu hinterfragen, mutig neue Wege geht, uns Altes neu sehen lässt und dabei nicht die Vergangenheit vergisst. Wir stehen dabei erst am Anfang eines langen Prozesses der Transformation von einer traditionellen Institution der bürgerlichen Hochkultur hin zu einem demokratischen, offenen und international vernetzten Haus. Diesen Prozess wollen wir gemeinsam mit unserem gewachsenen Publikum und unseren vielen treuen Mitgliedern gehen. Wir wollen das Museum als einen Ort der Reibung und des produktiven Dialogs etablieren, an dem Tradition und Innovation produktiv zusammenkommen.

Gerade in Bremen brauchen wir mutige, ja radikale Visionen für eine Stadt – die viel mehr sein könnte. Die Stigmatisierung in den Medien während der letzten Bürgerschaftswahl war schockierend – aber vielleicht auch nicht gerade überraschend. Die Stadt steht an einem entscheidenden Wendepunkt: Krisenmanagement und Mittelmäßigkeit oder mutige Visionen und eine Neupositionierung, die in den nächsten Jahrzehnten Dividende zeigen wird? Städte, die heute in dem gnadenlosen neoliberalen Wettbewerb um Aufmerksamkeit, Investitionen und „humanes Kapital“ bestehen wollen, müssen mehr als nur sichere Arbeitsplätze bieten.

Bremen hat eine lange Tradition der globalen Vernetzung durch Handel und Migration, ein vielfältiges Stadtbild, Lebensqualität, ein breites Spektrum an kulturellen Einrichtungen und Talenten – und einmalige Rituale und Feste. Im Mittelpunkt der Neuerfindung einer Stadt und in der Entwicklung einer ambitionierten Zukunftsvision stehen zeitgenössische Kunst, eine lebendige kreative Szene, alternative Subkulturen und Freiräume, die zum Austausch über soziale Grenzen und politisches Couleur hinweg einladen. Gerade sie könnten identitätsstiftend wirken – einem aufregenden urbanen Gefüge Selbstbewusstsein geben, Zukunftsperspektiven aufzeigen und langsam eine Wende in der externen Wahrnehmung der Stadt einleiten. All dies ist möglich, aber es braucht viel mehr Mut zur Veränderung und wesentlich wenigerNostalgie.

Christoph Grunenberg ist Kunsthistoriker und seit November 2011 Direktor der Kunsthalle Bremen. Er kuratierte zahlreiche Ausstellungen zur zeitgenössischen Kunst.

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