Sexueller Missbrauch in der Kirche

Wie eine Bremerin ihr Trauma mit einem evangelischen Pastor erlebte

Katarina Sörensen wurde in ihrer Jugend mehrmals vom Pastor ihrer Gemeinde sexuell missbraucht. Doch erst zwei Jahre nach dem Tod des Geistlichen war die 46-Jährige in der Lage, über ihre Erlebnisse zu sprechen.
01.03.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Benjamin Lassiwe
Wie eine Bremerin ihr Trauma mit einem evangelischen Pastor erlebte

Sexueller Missbrauch in der Kirche betrifft in Deutschland beide Konfessionen. Die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch, von dem in zurückliegenden Jahrzehnten viele Hundert Kinder in katholischen wie in evangelischen Einrichtungen betroffen waren, weist bis heute Lücken auf, weiß die Bremerin Katarina Sörensen aus eigener Erfahrung.

Friso Gentsch/dpa

Wir waren auf einer Konfirmandenfahrt“, erinnert sich Katarina Sörensen. „Wir schliefen in einem christlichen Freizeitheim auf einer Bühne.“ Als alle in ihren Schlafsäcken waren, schickte der Pastor die damals 17-Jährige, die sich ehrenamtlich in der Konfirmandenarbeit engagierte, zur Seite, um das Licht auszumachen. „Als ich zurückkam, war seine Hand in meinem Schlafsack.“ Es hat lange gedauert, bis Katarina Sörensen über dieses Erlebnis sprechen konnte. Heute ist sie 46 Jahre alt, lebt in Bremen und möchte ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen – „Katarina Sörensen“ ist ein Pseudonym.

Auch über den Namen des Pastors spricht sie nicht. Er ist mittlerweile verstorben. Als er anfing, Sörensen zu missbrauchen, war er verheiratet und hatte Kinder. Katarina Sörensen dagegen war eine Jugendliche, das einzige Kind einer alleinerziehenden Mutter, aus einem Dorf in Niedersachsen. Sie stand am Rand der dörflichen Gesellschaft. „Für mich war es sehr wichtig, in der Kirchengemeinde Anschluss zu finden“, sagt Sörensen. „Mir war es wichtig, dazuzugehören.“

Massagen vom Pastor

Der Pastor nutzte das eiskalt aus. Es begann schon im Konfirmandenunterricht. Kennenlernspiele wurden gespielt. Auf Freizeiten wurde getanzt, es gab viele Umarmungen. In der Jugendgruppe initiierte der Pastor Massagen. „Er machte selber mit und hat mich am Oberschenkel massiert“, sagt Sörensen. „Irgendwann auf einer Konfirmandenfahrt haben wir wieder eine Feier gemacht, eine Party, und da hab ich mit dem Kopf auf seinem Schoss gelegen und er hat mir unters T-Shirt gegriffen.“

Wenn Experten heute über Missbrauchsfälle in der evangelischen Kirche in jener Zeit sprechen, sind es oft solche Situationen, über die sie reden. Missbrauchstäter, die unter dem Deckmantel einer modernen und liberalen Kirche Grenzen verschoben. „Die Institution Kirche ist verantwortlich, weil wir einfach völlig ohne Regeln auf diese Freizeiten fahren konnten“, sagt Sörensen.

Andere Konfirmanden und Jugendliche wussten von den Neigungen des Pfarrers. Es gab jede Menge Gerüchte. Doch der Kirchenvorstand unternahm nichts. Als Katarina Sörensen 17 war, war sie von dem Pastor „emotional abhängig“. Sie sagt rückblickend dazu: „Der war mein ein und alles. Ich habe den total bewundert.“

Der Theologe wusste das. Er manipulierte die Jugendliche in eine sexuelle Beziehung hinein. „Meine Welt hat sich auf diesen Mann reduziert, und es war ein massives Abhängigkeitsverhältnis, was er immer weiter manipuliert hat“, sagt Sörensen. „Er war wie mein Vater, wie Gott und wie der wichtigste Lehrer – und er hatte die Macht, mich aus der Gruppe auszuschließen.“ Damals sprach der Pastor von einer Liebesgeschichte. Selbst als Sörensen ins Ausland zog, reiste der Pastor hinterher. Sörensen wurde schwanger – und trieb ab. Erst als Sörensen zum Studium nach Bremen ging, gelang es ihr, den Kontakt endlich abzubrechen.

2015 wurde bei ihr eine schwere posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Über lange Zeit war sie nur eingeschränkt arbeitsfähig. Und jetzt erst wandte sich Sörensen an die Kirche. Der Pfarrer war da schon zwei Jahre tot. „Ich weiß es nicht, wie es gewesen wäre, wenn er nicht gestorben wäre“, sagt Sörensen. „Das Thema wurde lange nur mit katholischen Pfarrern in Verbindung gebracht, und es hat Jahre gedauert, bis ich in der Kirche Ansprechpartner fand.“ Dann aber wollte sie reden.

In Hannover traf sie sich mit der Gleichstellungsbeauftragten der Landeskirche. Sie stellte einen Antrag auf Anerkennungsleistungen. Am Ende standen 35.000 Euro, die ihr die Kirche als „Anerkennung des geschehenen Leides“ bezahlte. Doch als Sörensen danach noch weitere Aufarbeitung verlangte, wurde es schwierig. Vieles musste Sörensen alleine machen. Zum Beispiel die Suche nach anderen Mädchen und Frauen, die von dem Mann missbraucht wurden. „Er hatte eigentlich immer und in jeder Gemeinde, in der er war, mindestens eine Jugendliche, der es so ging wie mir“, sagt Sörensen heute.

Landesbischof reagierte erst sehr spät

Von den zuständigen Stellen in der Hannoverschen Landeskirche sah sie sich unprofessionell behandelt. Auf ihre Bitte um eine Stellungnahme des Landesbischofs Ralf Meister kam erst nach Monaten eine Reaktion seines Vorzimmers. Der Landesbischof sei zu beschäftigt, sich der Sache anzunehmen. Andere in der Kirche, etwa die Pastorinnen von Sörensens alter Gemeinde, der Superintendent des Kirchenkreises und auch der Leiter der Rechtsabteilung der Landeskirche, Oberlandeskirchenrat Rainer Mainusch, hätten sich dagegen sehr für ihren Fall interessiert und auch viel Empathie gezeigt, sagt Sörensen

Seit 2019 berät sie nun die EKD im Aufarbeitungsprozess, und auch für den geplanten Betroffenenbeirat der EKD hat sich die Bremerin beworben. Mit der Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs, die als EKD-Beauftragte in der evangelischen Kirche für die Themen Missbrauchsaufarbeitung und Prävention zuständig ist, steht sie in gutem Kontakt. Und als im vergangenen Jahr zum ersten Mal eine von Missbrauch Betroffene vor der in Dresden tagenden Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland sprach, war sie im Raum und leitete anschließend einen Workshop für die Synodalen.

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„Die Kirche muss erkennen, dass es ihr ureigenstes Interesse ist, dass Betroffene an der Aufarbeitung mitarbeiten, um künftigen Missbrauch zu vermeiden“, sagt Sörensen. „Die Kirche muss erkennen, dass sie gute Leute braucht, die sie da beraten.“ Und die Betroffenen, die sich für Aufarbeitung engagieren, hätten heute nicht nur die eigene Betroffenheit, sondern auch Expertise aus anderen Kontexten zu bieten.

Wie sie zur Forderung nach Entschädigungszahlungen steht? „Die muss es auf jeden Fall geben“, sagt Katarina Sörensen. „Und die müssen auch höher ausfallen, als es bisher Praxis war.“ Neben der finanziellen Entschädigung ist der Bremerin allerdings etwas anderes wichtig: „Wir brauchen anonymisierte, aber öffentlich zugängliche Dokumentationen“, fordert Sörensen. „Damit sich Leute informieren können, damit man schauen kann, was die Strukturen waren und wie man vorbeugen kann.“

Hier könnten die Kirchen sogar eine Vorbildfunktion einnehmen, ist Sörensen überzeugt. „Denn im Sport, in der Familie und in vielen anderen Bereichen ist man bei der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs noch längst nicht so weit.“

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