Stand der Forschung

Wie sich das Wissen um die Coronaviren verändert hat

Corona-Regelungen werden mit der Zeit immer weiter gelockert. Das Wissen um die Verbreitung des Virus hat sich seit Beginn der Pandemie weiter entwickelt. Ein Überblick.
27.05.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Richard Friebe

Mit zunehmenden Lockerungen im öffentlichen Leben, in Freizeit und Berufsalltag sollen alle Bürger jetzt selbst Verantwortung für ihren eigenen Schutz und den anderer Menschen übernehmen. Das Wissen um die Verbreitung des Virus hat sich seit Beginn der Pandemie Anfang des Jahres weiter entwickelt.

Ansteckung

Anfangs bezweifelten Wissenschaftler, dass das Virus überhaupt in bedeutsamem Maße von Mensch zu Mensch übertragen wird. Man ging davon aus, dass der Ausbruch in Wuhan vor allem durch Infektionen direkt durch tierischen Überträger zustande gekommen war. Ein früh nachgewiesener Fall war der eines Webasto-Mitarbeiters im bayerischen Stockdorf, der sich bei einem Gast aus China ansteckte. Das war Ende Januar. Noch am 20. Januar sagte John Oxford, einer der erfahrensten Virologen weltweit, er sei „nicht sehr besorgt“.

Da es sich um ein Coronavirus handele, so wie Sars, könne man davon ausgehen, dass Händewaschen und das Reinigen von Oberflächen die Verbreitung des Virus sehr effektiv eindämmen werde. Es wurde lange angenommen, dass nur Erkrankte andere infizieren können und dass der Erreger sich kaum in den oberen Atemwegen vermehrt, sondern nur tief in der Lunge. Das hätte alltägliche Ansteckungen unwahrscheinlicher gemacht. Heute gelten winzige Tröpfchen als wichtigster Übertragungsweg. Auch Personen, die kaum oder keine Symptome haben, können Überträger sein. Das Virus vermehrt sich in der ersten Krankheitsphase vor allem im oberen Rachenraum. Von dort kann es leichter zu anderen Menschen gelangen, als wenn es nur tief in der Lunge säße.

Lesen Sie auch

Immunität

Normalerweise wird davon ausgegangen, dass, wer eine Krankheit überstanden hat, danach immun gegen sie ist. Dieser Schutz durch einen Vorrat an Antikörpern im Immunsystem, die sich an den Erreger erinnern und bei erneutem Befall schnell wieder eine Immunreaktion lostreten können, hält aber nur in Ausnahmefällen lebenslang. Die Sicht, inwiefern Genesene immun gegen Sars-Cov-2 sind, hat sich im Laufe der vergangenen Wochen immer wieder leicht geändert. So gab es Befunde, wo bei solchen Personen gar keine Antikörper gefunden wurden, zudem Einzelfälle, in denen Genesene offenbar neu erkrankten.

Dies bleibt ein offener Punkt der Forschung, um beurteilen zu können, ob sich mit der Zeit in der Bevölkerung eine Herdenimmunität verbreitet, die die Ausbreitung des Virus verlangsamen würde. Auch, ob man Impfstoffe findet, die viele oder alle Geimpften immun machen, hängt mit davon ab. In Schweden wurde damit gerechnet, dass bei einer Stichprobe deutlich mehr als gut sieben Prozent der Bürger Antikörper im Blut hätten. Weil die Epidemie erst wenige Monate dauert, ist es auch unmöglich zu sagen, wie lange die Abwehrmoleküle – per Infektion oder später vielleicht per Impfung entwickelt – einen Immunschutz bieten.

Lesen Sie auch

Masken

Nichts hat sich im Verlauf der Epidemie so geändert wie die Verlautbarungen über Sinn und Unsinn des Tragens von Schutzmasken. Einer der Gründe, warum anfangs auch von offizieller Seite Masken als praktisch wirkungslos eingestuft wurden: Es gab schlicht nicht genug – und die, die zu haben waren, brauchte man für die medizinische Versorgung. Inzwischen gelten auch selbst gemachte Masken als so sinnvoll, dass sie akzeptiert werden, wo die inzwischen eingeführte Maskenpflicht gilt. Der medizinische Mund-Nase-Schutz (Chirurgenmaske) schützt bei richtiger Anwendung Personen in der Nähe sehr effektiv. Die Träger schützt er weit weniger gut. Ähnliches gilt für Stoffmasken, wenn sie gut sitzen. FFP-2- und FFP-3-Masken sind konzipiert, um das Einatmen kleinster Partikel – auch Viren – durch den Träger zu reduzieren. Wenn sie ein Ausatmungsventil haben, können von Infizierten aber relevante Mengen Keime in die Außenluft geraten. Auf allen Masken können sich beim Gebrauch Keime absetzen.

Lesen Sie auch

Organe

Anfangs galt Covid-19 als reine Lungenkrankheit. Experten leiteten aber aus Erfahrungen mit Sars ab, dass das Virus bei schweren Verläufen auch andere Organe befallen kann. Zudem werden sie durch Nebenwirkungen der Intensivtherapie und Effekte der massiven Immunreaktion des Körpers belastet. Hochwahrscheinlich sind Schäden an Herz und Gefäßen, bedingt wohl vor allem durch massive Immunreaktionen und infarktartige Gefäßverstopfungen, die auf eine veränderte Produktion von Gerinnungsfaktoren durch das Virus zurückgehen und etwa die Nieren stark beeinträchtigen können. Auch Nervenzellen können geschädigt werden. Selten kommt es auch zu Entzündungen im Gehirn. Ein Befall der Bereiche im Hirnstamm, die die Atmung regulieren, könnte dafür verantwortlich sein, dass manche Patienten einen Atemstillstand erleiden. Auch Hautreaktionen sind beschrieben worden. Nach einem schweren Verlauf erholen sich viele Patienten nur sehr langsam. Über Langzeitfolgen weiß man wenig. Viele Erkrankte scheinen vollständig zu genesen.

Lesen Sie auch

Virulenz

An dem Tag, als in Stockdorf die erste Ansteckung von Mensch zu Mensch in Europa nachgewiesen wurde, twitterte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), das Risiko einer Ausbreitung sei gering. Er berief sich auf Experten aus Virologie und Epidemiologie. Heute ist klar, dass die Krankheit hochansteckend ist. Ohne Maßnahmen wie Social Distancing, Hygiene und Atemschutz kann eine Person im Schnitt deutlich mehr als zwei weitere anstecken – was ungebremst zu einer massiven Epidemie führen würde.

Zukunft

Die Prognosen haben sich mit dem sich ändernden Wissen über die Krankheit ebenfalls geändert. Nachdem mit einer weltweiten Pandemie nicht gerechnet wurde, sind mittlerweile Fälle aus fast allen Staaten der Welt bekannt. Die Vorhersage des Harvard-Epidemiologen Marc Lipsitch, dass sich über zwei bis drei Jahre 70 Prozent der Weltbevölkerung infizieren könnten, ist nach wie vor plausibel – wenn die damit erhoffte Immunisierung nicht schon vorher über Impfungen möglich wird. Sicher ist wohl, dass die unmittelbare Zukunft der Menschheit in vielen Bereichen anders aussehen wird, als wenn es die Pandemie nicht gegeben hätte.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+