Wissen Wie sich Kinder die Welt erschließen

Nach der Geburt haben Kinder zunächst viel mit sich selbst zu tun. Erst im Alter von wenigen Monaten fangen sie an, ihre Umgebung genauer zu erkunden.
28.08.2017, 22:41
Lesedauer: 7 Min
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Wie sich Kinder die Welt erschließen
Von Jürgen Wendler

So müssen sie zum Beispiel einen Schlaf-wach-Rhythmus entwickeln. Erst im Alter von wenigen Monaten fangen sie an, ihre Umgebung genauer zu erkunden. Haben sie das erste Lebensjahr hinter sich, sind sie häufig nicht nur in der Lage, durch die ganze Wohnung zu krabbeln, zu stehen oder auch erste Schritte zu machen, sondern bilden zudem einfache Wörter.

Mit der Sprache erschließen sie sich eine besondere Möglichkeit des Weltverständnisses. Dank ihrer Lautsprache können Menschen Beziehungen und Vorgänge beschreiben, Gedanken und Gefühle mitteilen. Ohne die Sprache wäre der Mensch nicht zu dem geworden, was er ist.

Vor diesem Hintergrund versteht sich von selbst, dass sich Entwicklungspsychologen und andere Forscher dafür interessieren, wie Säuglinge sprachliche Fähigkeiten erwerben und wie sie vorgehen, um mit der Flut von Eindrücken beziehungsweise Reizen zurechtzukommen.

Blickkontakt mit Babys ist besonders wichtig

Neue Veröffentlichungen liefern unter anderem Aufschluss darüber, warum der Schlaf die Sprachentwicklung fördert und der Blickkontakt mit Babys besonders wichtig ist. Welche Ziele ältere Kinder mit bestimmten Handlungen verfolgen, lässt sich leicht ermitteln. Man kann ihnen Fragen stellen oder sich ihre Bewegungen ansehen.

Bei sehr kleinen Kindern besteht diese Möglichkeit jedoch nicht. Sie können noch nicht sprechen und müssen außerdem erst lernen, ihre Gliedmaßen geschickt einzusetzen. Ehe ein Kind beispielsweise ein Spielzeug mit einer Hand in die andere geben kann, muss es die Fähigkeit erlangen, die Arme zusammenzuführen.

Fachleute drücken es so aus: Erst muss die Grob-, dann die Feinmotorik entwickelt werden. Für Wissenschaftler, die sich mit der Entwicklung von Babys beziehungsweise deren gezielten Handlungen befassen, bedeutet das, dass sie sich zunächst nicht auf Bewegungen verlassen können, etwa darauf, dass das Kind bei Experimenten gezielt auf etwas zeigt oder gar einen Knopf drückt.

Frühe Orientierung an anderen Menschen

Die Experten haben allerdings einen anderen Weg gefunden, um Informationen über die kindliche Entwicklung zu erhalten. Sie nutzen den Umstand, dass schon wenige Monate alte Babys in der Lage sind, ihre Augenbewegungen genau zu kontrollieren. An diesen lässt sich zum Beispiel ablesen, was das Interesse des Kindes erregt.

Wie wichtig Augen für das Bemühen von Kindern sind, sich die Welt zu erschließen, zeigen nicht zuletzt Forschungsergebnisse, von denen kürzlich Wissenschaftlerinnen des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und der Universität Heidelberg im Fachjournal „Scientific Reports“ berichtet haben.

Um sich in der Flut von Eindrücken zurechtzufinden, orientieren sich Babys schon sehr früh an anderen Menschen, und dabei spielen die Augen eine entscheidende Rolle. Die Kinder lassen sich von den Augen ihres Gegenübers leiten. Belege hierfür haben Experimente geliefert, bei denen vier Monate alte Babys auf einem Bildschirm unter anderem zwei weiße Ellipsen mit jeweils einem schwarzen Punkt darin zu sehen bekamen.

Neu für die Kinder

Sie erlebten, wie der Blick dieser an Augen erinnernden Gebilde plötzlich zur Seite in Richtung eines Stapels mit Bauklötzen wanderte. Die Kinder folgten aufmerksam dem Blick und ließen die bunte Rassel auf der anderen Seite der virtuellen Augen unbeachtet. Dies änderte sich jedoch, als die Gegenstände nach kurzer Unterbrechung nochmals auf dem Bildschirm auftauchten.

Nun fand die Rassel Beachtung und wurde länger betrachtet. Offensichtlich war sie neu für die Kinder und erregte deshalb ihre Aufmerksamkeit. Diese war zuvor von den schwarzen Punkten gelenkt worden, und zwar in der gleichen Weise, wie es beim Blick von Menschen geschieht.

Dass die Ähnlichkeit mit Augen entscheidend war, zeigte sich, als die Forscherinnen den Kindern erneut sich bewegende Gebilde präsentierten, nun allerdings in Gestalt von weißen Kreisen auf schwarzem Untergrund. Die Aufmerksamkeit war deutlich geringer, und als später abermals die Spielzeuge auf dem Bildschirm auftauchten, fand keines davon deutlich mehr Beachtung als das andere.

Vorliebe für Gesichter bei Neugeborenen

Sie hatten schon zuvor genügend Aufmerksamkeit bekommen, unabhängig von der Bewegungsrichtung der weißen Kreise. Die Wissenschaftlerinnen ziehen aus den Experimenten den Schluss, dass bei der Lenkung der Aufmerksamkeit von Kindern der charakteristische Kontrast von dunkleren und helleren Bereichen im Auge – dunkle Pupille, helleres Umfeld – maßgeblich ist.

„Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig gerade in den ersten Monaten der direkte Blickkontakt im Umgang mit Babys ist. Schaut man sie bewusst an, bevor man ihnen etwas zeigt, kann man gezielt ihre Aufmerksamkeit darauf lenken“, erklärt Stefanie Höhl, eine der Autorinnen der Studie.

Unklar ist bislang, ob die Fähigkeit, Augen eines Gegenübers als Signalgeber zu nutzen, angeboren ist oder ob sie in den ersten Lebensmonaten erlernt wird. Endgültige Antworten erhoffen sich Stefanie Höhl und ihre Kolleginnen von weiteren Studien. Dass Neugeborene eine Vorliebe für Gesichter haben, ist schon länger bekannt.

Mithilfe von Ultraschall

Im Juni hat eine Forschergruppe um Vincent M. Reid von der University of Lancaster im Fachjournal „Current Biology“ eine Studie veröffentlicht, die nahelegt, dass die Wurzeln dieser Vorliebe weiter zurückreichen als bis zur Geburt. Schon bei Föten gibt es demnach Anzeichen dafür.

Reid und seine Kollegen präsentierten Föten im letzten Drittel der Schwangerschaft durch die Bauchdecke der Mutter Lichtreize, die so gestaltet waren, dass sie an Gesichter mit Mund und Augen erinnern konnten. Mithilfe von Ultraschall beobachteten die Wissenschaftler, wie die Föten reagierten, wenn das Muster bewegt wurde.

Wie sich zeigte, drehten die Föten bei Mustern, die Ähnlichkeit mit Gesichtern hatten, den Kopf. Wurde das Muster hingegen andersherum präsentiert, blieb diese Reaktion aus. Bereits lange vor den ersten Versuchen, Silben zu Wörtern wie Mama oder Papa zu verknüpfen, scheinen Kinder ein besonderes Verhältnis zu ihrer Muttersprache zu haben.

Starker Einfluss der Muttersprache

Die Professorin Kathleen Wermke vom Universitätsklinikum Würzburg hat dazu über viele Jahre immer wieder Studien veröffentlicht. So gehört sie zum Beispiel zu den Autoren von Arbeiten, die 2016 in der Fachzeitschrift „Speech, Language and Hearing“ und im „Journal of Voice“ vorgestellt wurden und sich mit Lautäußerungen von Babys aus China und Kamerun befassen. Sie belegen, dass schon das Geschrei von Neugeborenen Spuren der Muttersprache enthält.

Die chinesischen und afrikanischen Kinder eigneten sich gut für die Untersuchung, weil ihre Muttersprachen zu den tonalen Sprachen gehören. Bei deren Merkmalen spricht einiges dafür, dass sie sich früh bemerkbar machen. Von Sprachen wie Deutsch, Französisch oder Englisch unterscheiden sich tonale Sprachen dadurch, dass die Bedeutung von Silben oder Wörtern auch von den Tonhöhen abhängt.

Der gleiche Laut kann unterschiedliche Dinge bezeichnen – abhängig davon, ob er in einer hohen oder tiefen Tonlage oder mit einem besonderen Tonverlauf ausgesprochen wird. „Das Weinen von Neugeborenen, deren Mütter eine tonale Sprache sprechen, zeigt eine deutlich stärkere melodische Variation, verglichen beispielsweise mit deutschen Neugeborenen“, erläuterte Kathleen Wermke.

Vertraute melodische Muster

Bei den afrikanischen Kindern seien der Abstand zwischen dem tiefsten und dem höchsten Ton und die Intensität beim Auf und Ab von Tönen während einer Lautäußerung deutlich größer als beispielsweise bei deutschen Babys. „Ihr Weinen glich mehr einem Singsang.“ Ähnlich sei das Ergebnis bei den chinesischen Kindern ausgefallen.

Durch die Sprache der Mutter vertraute melodische Muster zu übernehmen ist eine Sache, um die Bedeutung von Wörtern und deren Gebrauch zu wissen eine andere. Der Spracherwerb ist ein langwieriger Prozess. Aus der Untersuchung der Hirnströme von Säuglingen hat eine Forschergruppe um die Professorin Claudia Friedrich von der Universität Tübingen den Schluss gezogen, dass bereits drei Monate alte Babys Gesprochenes zerlegen.

Dabei achteten sie auf Silben und deren Betonung. Manche im Alltag gebrauchte Wörter verstehen Kinder schon mit einem halben Jahr, aber ehe sie selbst die verschiedenen Aspekte der Sprache so verbinden können, dass sie einen bestimmten Sinn ergeben, benötigen sie noch weitere Monate.

Schlaf ist wichtig für das Lernen

Mit etwa neun Monaten sind Kinder nach den Erkenntnissen der Gruppe um Claudia Friedrich in der Lage, Betonung und Laute zu verknüpfen. Warum dies für das Verständnis von Sprache unerlässlich ist, zeigt das Wort Konstanz. Es kann eine Stadt bezeichnen, aber auch für Unveränderlichkeit stehen. Die Bedeutung hängt davon ab, wo die Betonung liegt.

Wie wichtig der Schlaf für das Lernen ist, hat in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Forschungsarbeiten gezeigt. Er hilft, neue Informationen zu verarbeiten und im Langzeitgedächtnis zu speichern. Erfahrungen werden miteinander in Beziehung gesetzt und in Form von Kategorien verallgemeinert.

Dass der Schlaf auch für das Erlernen der Bedeutung von Wörtern eine zentrale Rolle spielt, legen Forschungsergebnisse nahe, die eine Gruppe um Manuela Friedrich und die Professorin Angela D. Friederici vom Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften vor wenigen Wochen im Fachjournal „Current Biology“ veröffentlicht hat.

Ähnliche Objekte erhalten gleiche Namen

Danach gelingt es Kindern im Alter von sechs bis acht Monaten, Wörtern im Schlaf eine Bedeutung zuzuordnen. Um sicherzustellen, dass die Kinder nicht bereits vorhandenes Wissen nutzen konnten, konfrontierten die Wissenschaftler sie mit Fantasieobjekten und Fantasienamen. Ähnliche Objekte erhielten den gleichen Namen, so wie dies auch im Alltag geschieht.

Katzen werden unter dem Begriff Katzen zusammengefasst, das heißt einer Kategorie zugeordnet, obwohl sich die einzelnen Tiere unterscheiden. An den Hirnreaktionen der Kinder lasen die Forscher ab, dass sie neue Objekte der gleichen Kategorie zunächst nicht mit den entsprechenden Namen verbanden. Dies änderte sich jedoch nach dem Mittagsschlaf. Nun konnten die Kinder zwischen den richtigen und falschen Benennungen neuer Objekte unterscheiden.

Das Fazit: Kinder können Wörtern früher im Schlaf Bedeutungen zuordnen als gedacht. Oder anders ausgedrückt: Auch Schlaf hilft, sich die Welt zu erschließen.

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