Kommentar über das Fernsehen Wieso die Einschaltquote längst Quatsch ist

Die Einschaltquote hat eine unglaubliche Macht. Sie entscheidet auch darüber, ob ein Programm weiterlaufen darf oder abgesetzt wird, meint Aljoscha-Marcello Dohme.
26.01.2018, 21:58
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Wieso die Einschaltquote längst Quatsch ist
Von Aljoscha-Marcello Dohme

Normalerweise ist es ein Grund zur Freude, wenn technische Probleme behoben werden und anschließend alles wieder funktioniert. Anders verhält es sich jedoch bei der Einschaltquote. Eine Woche lang musste die Fernsehbranche auf ihr morgendliches Zeugnis verzichten, weil die Daten nicht korrekt übermittelt werden konnten. Zurecht zeigten sich die betroffenen Sender nach dieser Meldung gelassen. Aussagekräftig ist die Einschaltquote schon lange nicht mehr. Eine Reform der Fernsehforschung ist längst überfällig.

In rund 5000 Haushalten befinden sich Messgeräte, die das Fernsehverhalten von etwa 10 000 repräsentativ ausgewählten Bundesbürgern erfassen. Aus diesen Daten wird mittels einer Hochrechnung Tag für Tag die Einschaltquote berechnet. Die Geräte messen allerdings nur Sendungen, die über die klassischen Empfangswege geschaut werden. Zwar erfassen die Messgeräte neben Kabel, Satellit, DVB-T und zeitversetzt geschauten Sendungen via Festplattenrekorder mittlerweile auch das sogenannte „IPTV“, das die Programme über das Internet auf den Fernseher bringt. Nicht berücksichtigt hingegen werden die Mediatheken als Verbreitungsweg von Fernsehsendungen. Inzwischen werden zwar auch solche Abrufe erfasst und ausgewertet. Sie werden jedoch derzeit nur einmal in der Woche als sogenannte Hitliste von der zuständigen AGF Videoforschung veröffentlicht, die auch die Einschaltquoten ermittelt. Wann sich daran etwas ändert, steht noch nicht fest. Zeitgemäß ist etwas anderes.

Die Onlinestudie 2017 von ARD und ZDF zeigt: 60 Prozent der 14 bis 29-Jährigen und immerhin 18 Prozent der über 70-Jährigen nutzen die Mediatheken der Fernsehsender im Internet. Zudem schaut fast die Hälfte der jungen Leute Fernsehen im Livestream. Dass sich dieser Trend in Zukunft wieder umkehrt, ist unwahrscheinlich. Eher ist davon auszugehen, dass noch mehr Menschen in der Straßenbahn oder am See über ihr Smartphone fernsehen. Entsprechend müssen auch diese Empfangswege in der Fernsehstatistik berücksichtigt werden. Ansonsten beschummeln sich die Sender als Auftraggeber der Untersuchung selbst.

Ende letzten Jahres präsentierte das ZDF stolz die positive Bilanz seiner Online-Angebote. Im November und Dezember wurde die Mediathek mehr als 2,5 Millionen Mal am Tag aufgerufen. Allein der Jahresrückblick der „Heute-Show“ verzeichnete bis Ende Dezember 903 000 Abrufe. Im Januar stieg die Zahl sogar auf fast 1,15 Millionen Zugriffe. Weitere 3,7 Millionen Menschen sahen die Sendung im klassischen Fernsehen. Wenn es um den Erfolg einer Sendung geht, ist allein diese Zahl ausschlaggebend. Die Zugriffszahlen, die die Sender über ihre Mediatheken verzeichnen, spielen aber unverständlicherweise keine Rolle. Das Hauptproblem ist der zeitliche Rahmen. Der „Tatort“ beispielsweise ist nach der Ausstrahlung einen Monat lang in der ARD Mediathek abrufbar. Endgültige Nutzerzahlen stehen somit erst am Ende dieser Periode zur Verfügung.

Hier stehen die Verantwortlichen der Fernsehsender vor einem Dilemma. Wollen sie schnell wissen, wie viele Zuschauer sie mit ihren Programmen erreicht haben, müssen sie auch weiterhin mit der bisherigen Berechnung der Einschaltquote leben. Wenn sie allerdings eine aussagekräftige Statistik haben wollen, müssten sie mitunter relativ lange auf ihr endgültiges Zeugnis warten. In diesem Fall lohnt es sich aber, zu warten.

Die Mediatheken bieten ihren Nutzern im Gegensatz zum klassischen Fernsehen viel Freiheit. Zu jeder Zeit und an jedem Ort lassen sich die Lieblingssendungen sehen. Muss man um 20.15 Uhr noch arbeiten, so kann man die Sendung genau dann gucken, wenn es einem passt. Sinken die Einschaltquoten, ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass das Fernsehprogramm in letzter Zeit schlechter geworden ist. Gucken die Zuschauer weniger im Fernsehen und stattdessen mehr in der Mediathek, sinkt aber die Einschaltquote. Diesem Mechanismus müssen die Sender entgegenwirken.

Die Einschaltquote hat eine unglaubliche Macht. Sie entscheidet nicht nur darüber, wie viel Geld die Fernsehsender für ihre Werbeblöcke verlangen können. Die Zahl entscheidet auch darüber, ob ein Programm weiterlaufen darf oder abgesetzt wird. Umso wichtiger ist es, dass alle Verbreitungswege für die Berechnung Einschaltquote berücksichtigt werden.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+