Windenergie Windkraft-Ausbau auf See: Perspektive für deutsche Werften?

Im Kampf gegen den Klimawandel wird mehr Ökostrom benötigt. Geht es nach der Bundesregierung, sollen sich deshalb künftig viel mehr Windräder auf See drehen. Dafür braucht es Offshore-Plattformen und Spezialschiffe. Aber wer soll die bauen?
24.03.2022, 17:33
Lesedauer: 3 Min
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Von dpa

Angesichts des geplanten Ausbaus der Windenergie auf See werden Forderungen nach einer deutlichen Beteiligung heimischer Werften laut. „Deutschland muss die Chance nutzen, Standort für den Bau von Offshore-Plattformen und Spezialschiffen zu werden“, sagte Heiko Messerschmidt von der IG Metall Küste. Um die Klimaschutzziele und mehr Unabhängigkeit bei der Energieversorgung zu erreichen, werde die Windindustrie gebraucht - über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. Zusammen mit der Stiftung Offshore-Windenergie hatte die Gewerkschaft am Freitag mehr als 40 Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft an den Rostocker Standort der MV Werften eingeladen.

„Die Offshore-Windindustrie als Schlüsselfaktor der Energiewende und die traditionsreichen deutschen Werften zusammenzubringen, ist eine enorme Chance, an der wir gemeinsam arbeiten wollen“, sagte Claudia Müller, Koordinatorin der Bundesregierung für maritime Wirtschaft und Tourismus. Das Treffen sei ein starkes Signal gewesen. Im Zentrum stand demnach die Frage, wie die Werften auf den erwartbar hohen Bedarf der Windindustrie vorbereitet werden können.

Benötigt werden den Angaben zufolge unter anderem Spezialschiffe für Installation, Bau, Betrieb und Wartung der Windparks. Dazu gehören etwa auch schwimmende Unterkünfte für Techniker und Ingenieure. Auf der langen Einkaufsliste der Industrie stehen aber auch Komponenten für Windräder sowie Konverterplattformen für den Abtransport der erzeugten Energie. Der Bedarf könnte sich Prognosen zufolge in den kommenden Jahren vervielfachen - ein milliardenschwerer Markt.

Neben Wind an Land und Solarenergie ist Wind vor der Küste auf See, also Offshore, eine der tragenden Säulen beim Ausbau erneuerbarer Energien. Seit der zweiten Jahreshälfte 2020 ist der Ausbau der Offshore-Windkraft aber zum ersten Mal seit vielen Jahren komplett zum Erliegen gekommen. 2021 ging keine einzige Anlage zusätzlich ans Netz. Ende des Jahres hatte die neue Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP dann in ihrem Koalitionsvertrag deutlich höhere Ausbauziele für die Offshore-Windenergie festgeschrieben.

Anstatt 20 Gigawatt (GW) bis 2030 und 40 GW bis 2040 sind nun 30 GW bis 2030, 40 GW schon bis 2035 und 70 GW bis 2045 vorgesehen. Die Dimension der Pläne wird beim Vergleich mit dem Ist-Zustand deutlich: Die Leistung aller Windparks vor der deutschen Nord- und Ostseeküste beträgt nach Angaben der Deutsche WindGuard GmbH derzeit 7,8 GW.

„Die Kapazitäten der deutschen Werften werden bei den ambitionierten Offshore-Wind-Ausbauplänen dringend gebraucht. Sie sind für die Energiewende systemrelevant“, sagte Karina Würtz, Geschäftsführerin der Stiftung Offshore-Windenergie, nach dem Fachgespräch am Freitag. Ziel der Stiftung ist es, die Rolle der Windenergie auf See im deutschen Energiemix zu festigen und ihren Ausbau voranzutreiben.

Hinzu kommt, dass Deutschland mit seinen Zielen nicht allein ist. Alle EU-Staaten, aber auch Schwergewichte wie die USA, Australien und China hätten sich einen weiteren Windkraft-Ausbau vorgenommen. Der internationale Wettbewerb wird laut Würtz immer dynamischer. So werde beispielsweise China den Zugriff auf asiatische Werften weiter intensivieren. Offshore-Plattformen mit deutschem Stahl in Dubai zu schweißen und diese dann in die Nordsee zu schleppen, könne weder klima- noch industriepolitisch gewollt sein. „Insbesondere dann nicht, wenn es heimische Möglichkeiten gibt“, so Würtz weiter.

Und die gibt es. Der Werftschiffbau in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewandelt. Das Massengeschäft mit Tankern, Fähren und Containerschiffen ist nach Angaben des Verbands Schiffbau und Meerestechnik (VSM) bereits vor langer Zeit gen Asien abgewandert. Nun konzentriere sich der Schiffbau hierzulande auf technologisch anspruchsvolle Bereiche wie Kreuzfahrtschiffe, große Jachten und Spezialfahrzeuge für Behörden und das Militär.

Nach einem Ordervolumen von durchschnittlich 4,3 Milliarden Euro pro Jahr war der Wert von Neubestellungen 2020 insgesamt auf weniger als eine Milliarde eingebrochen. Mit 49 Schiffen im Gesamtwert von 16,6 Milliarden Euro lag der Auftragsbestand des deutschen zivilen Seeschiffbaus damit auf dem niedrigsten Wert seit fünf Jahren. Aktuellere Daten liegen derzeit nicht vor.

Die IG Metall erhofft sich vom geplanten Ausbau der Windenergie auf See auch eine Perspektive für die insolventen MV Werften in Mecklenburg-Vorpommern. Diese stünden mit ihrer hoch qualifizierten Belegschaft und ihrer Erfahrung aus früheren Projekten dafür bereit, sagt Messerschmidt. So sieht das auch MV-Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD): Das hohe Potenzial der Werftstandorte im Nordosten könne sich als Schlüsselfaktor der deutschen Energiewende erweisen. „Wir haben hier die einmalige Chance, diese Synergien gemeinsam zu heben.“

Das Insolvenzverfahren für die MV Werften läuft seit dem 1. März. Zuletzt gab es dem Vernehmen nach mehrere Interessenten, darunter die Kieler U-Boot-Werft Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS).

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