Terres des Femmes-Aktivistin zu Beschneidungen

„Wir können den Kampf gewinnen“

Dr. Idah Nabateregga erklärt, warum Frauen beschnitten werden, wie sie auch in Deutschland darunter leiden und wie der Kampf gegen die Beschneidungen gewonnen werden kann.
04.02.2020, 20:38
Lesedauer: 3 Min
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Von Philipp Hedemann
„Wir können den Kampf gewinnen“

Idah Nabataregga

Terres des femmes

Warum werden Mädchen und Frauen beschnitten?

Idah Nabateregga: Das hat viele Gründe. In manchen Kulturen ist die Beschneidung ein Initiationsritus. Anschließend gelten die Frauen als erwachsen. Das hat für sie oft schlimme Folgen. Sie dürfen anschließend nicht mehr die Schule besuchen, werden jung und teilweise gegen ihren Willen verheiratet und bekommen zu früh Kinder. Bei der krassesten Form der Beschneidung werden Mädchen bis auf eine winzige Öffnung für Urin und Menstruationsblut zugenäht und erst in der Hochzeitsnacht von ihrem Ehemann oder einer Verwandten wieder geöffnet. So soll die Jungfräulichkeit der Braut garantiert werden. Viele Kulturen gehen davon aus, dass die Beschneidung das Lustempfinden der Frau senkt und sie ihrem Ehemann deshalb besonders treu sein wird. Unbeschnittene Frauen gelten deshalb in manchen Kulturen als schwer verheiratbar. Teilweise wird die Beschneidung auch mit falschen Hygiene- und Reinlichkeitsvorstellungen begründet. Und schließlich wird der Eingriff oft religiös legitimiert. Dabei fordert weder der Koran noch die Bibel eine Beschneidung. Kein Wunder: Schließlich wurden die Eingriffe schon lange, bevor es diese Religionen gab, durchgeführt.

Welche Folgen haben Beschneidungen für die Betroffenen?

Bei der Beschneidung selbst leiden die Mädchen und Frauen unter starken Schmerzen, Blutverlust, und viele erleiden einen Schock. Immer wieder kommt es zu Todesfällen. Oft finden die Eingriffe unter unhygienischen Bedingungen statt. So können Krankheiten wie HIV übertragen werden, und die Wunden können sich entzünden. Später können die Beschneidungen zu starken Schmerzen beim Wasserlassen und zu Menstruationsbeschwerden führen. Bei Geburten kann es zu Unterleibsverletzungen kommen. Im schlimmsten Fall können Mutter und Kind sterben, wenn das Baby im Geburtskanal stecken bleibt. Hinzu kommen psychische Folgen wie Depressionen, Traumata, Angstzustände und Vertrauensverlust. Das kann bis zum Suizid führen.

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Gibt es auch bei uns beschnittene Frauen und Mädchen?

Deutschland ist ein Zuwanderungsland. Terre des Femmes geht deshalb davon aus, dass in Deutschland 70 000 beschnittene und 17 000 gefährdete Frauen und Mädchen leben. Weil Beschneidungen in Deutschland illegal sind, finden die Eingriffe entweder heimlich statt, oder die Mädchen werden dafür in ihre Heimatländer oder zu ihren Communitys im europäischen Ausland gebracht. In Deutschland tätige Gynäkologen, Hebammen und Ärzte sind mit beschnittenen Frauen und Mädchen oft überfordert, da das Problem in ihrer Ausbildung keine Rolle spielte und sie bislang nur selten damit in Berührung kamen.

Was muss getan werden, um weibliche Genitalverstümmelung zu bekämpfen?

Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung! Und zwar durch Mitglieder der betroffenen Gemeinschaften. Wenn Außenstehende aus einer fremden Kultur kommen und sagen. „Was Ihr da seit vielen Generationen macht, ist falsch. Das muss sofort aufhören!“, hat es keine Aussichten auf Erfolg. Zudem müssen die bestehenden Gesetze zum Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung endlich rigoros umgesetzt werden. Kenia ist da ein positives Beispiel. Dort wurden Beschneiderinnen und Eltern, die ihre Kinder verstümmeln ließen, festgenommen. Das hat abschreckende Wirkung.

Glauben Sie, dass der Kampf zu Ihren Lebzeiten gewonnen werden kann?

Ja! Wir können den Kampf gegen Beschneidungen gewinnen. Aber nur mit Hilfe der betroffenen Gemeinschaften. Die Zahl der Aktivistinnen steigt weltweit, und in vielen Kulturen wird das Thema enttabuisiert. Aber es bleibt noch sehr viel zu tun.

Das Gespräch führt Philipp Hedemann.

Idah Nabataregga hat zum Thema weibliche Genitalverstümmelung promoviert und ist Referentin der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes in Berlin.

++ Anmerkung der Redaktion: In einer vorigen Version hatten wir Dr. Nabateregga zu einer Ärztin gemacht. Sie hat jedoch ein geisteswissenschaftliches Fach studiert und darin promoviert. ++

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