Gastbeitrag über Flüchtlingsrettung Wir retten weiter

Die einzige Alternative zur Seenotrettung derzeit ist, die Menschen ertrinken zu lassen, schreibt Florian Westphal, Geschäftsführer von „Ärzte ohne Grenzen“.
10.05.2017, 19:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Florian Westphal

Die einzige Alternative zur Seenotrettung derzeit ist, die Menschen ertrinken zu lassen, schreibt Florian Westphal, Geschäftsführer von „Ärzte ohne Grenzen“.

Der Horror in Libyen begegnet unseren Mitarbeitern auf dem Mittelmeer oft unerwartet: „Vor mir saß ein Mann, der über Schmerzen am ganzen Körper klagte“, erzählte mir jüngst eine Krankenschwester vom Rettungsschiff „Aquarius“. „Plötzlich kamen ihm die Tränen. Er schilderte, wie sein Bruder in Tripolis vor seinen Augen erschossen wurde. Er wurde geschlagen, als er darauf anfing zu weinen.“

Nach der Flucht aus Libyen folgt der Überlebenskampf auf See. Mehr als 13000 Menschen sind seit 2014 im Mittelmeer ertrunken. Schiffe – auch von Nichtregierungsorganisationen (NGO) – versuchen, diese Todesfälle zu verhindern. Doch es sind zu wenige Helfer: Dieses Wochenende waren 20 Flüchtlingsboote gleichzeitig in Seenot, erneut waren viel zu wenige EU-Schiffe vor Ort. Nur die NGO haben Schlimmeres verhindert.

Diskussion nur mit Fakten

Doch wir müssen uns immer öfter Vorwürfe anhören. Ohne konkreten Beweis wirft der Staatsanwalt von Catania ungenannten Organisationen vor, mit Schleppern zu kooperieren. Ärzte ohne Grenzen hat er ausgenommen. Doch indirekt treffen die Anschuldigungen auch uns. Der österreichische Außenminister hat erklärt: „Der NGO-Wahnsinn muss beendet werden.“

Hochrangige deutsche Regierungsbeamte sagten dem „Spiegel“ anonym, es sei eine Art „Taxi-Service nach Europa“ entstanden, der den Anreiz zur Flucht erhöhe. Wir sind bereit, diese Diskussion zu führen. Aber bitte mit Fakten, nicht mit unbelegten Beschuldigungen oder pauschaler Verunglimpfung.

Wir kooperieren eng mit der Seenotrettungszentrale in Rom und informieren die Bundesregierung und die Öffentlichkeit regelmäßig. Der Vorwurf, dass Rettungsschiffe erst dafür sorgen, dass Flüchtlinge in die Boote steigen, ist nach unserer Erfahrung unhaltbar.

Viel mehr als zuvor ertranken

Die Menschen wollen nur weg aus Libyen. Es ist gut dokumentiert, dass viele dort getötet, vergewaltigt, gefoltert und zu Arbeit gezwungen werden. Die Zustände, die unsere Teams in Internierungslagern in Tripolis sehen, sind unmenschlich. Und Wissenschaftler haben festgestellt, dass nach dem Ende des Rettungsprogramms „Mare Nostrum“ 2014 nicht weniger Bootsflüchtlingen kamen, sondern mehr. Aber viel mehr als zuvor ertranken.

Die EU und ihre Mitgliedsstaaten schaffen durch die Verweigerung legaler Fluchtwege erst eine entscheidende Geschäftsgrundlage für die Schleuser. Die EU-Mitglieder sind verantwortlich, endlich für Seenotrettung zu sorgen. Pauschale Angriffe auf NGO, die diese tödliche Untätigkeit ausgleichen, müssen aufhören. Denn das spricht keiner der Kritiker offen aus: Die einzige Alternative zur Seenotrettung derzeit ist, die Menschen ertrinken zu lassen.

politik@weser-kurier.de

Zur Person:

Florian Westphal ist seit 2014 Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland. Zuvor war der 50-Jährige stellvertretender Leiter der Kommunikationsabteilung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Genf.

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