500 Jahre Reformation Wittenberg – das Rom der Protestanten

Martin Luther prägte die Alltagssprache der Deutschen wie kaum ein anderer. Der Mönch aus Wittenberg sprach ein „Machtwort“, nahm „kein Blatt vor den Mund“, erkannte die „Zeichen der Zeit“, erfand den „Lückenbüßer“, prüfte auf „Herz und Nieren“, manchmal litt er unter „Gewissensbissen“ und wurde „aus Schaden klug“.
19.03.2017, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Peter Gärtner

Martin Luther prägte die Alltagssprache der Deutschen wie kaum ein anderer. Der Mönch aus Wittenberg sprach ein „Machtwort“, nahm „kein Blatt vor den Mund“, erkannte die „Zeichen der Zeit“, erfand den „Lückenbüßer“, prüfte auf „Herz und Nieren“, manchmal litt er unter „Gewissensbissen“ und wurde „aus Schaden klug“. So treffend, so klar und so pointiert wie viele seine Redewendungen und Sprachbilder war auch seine Handschrift. Matthias Piontek legt ein paar Bücher auf den großen Tisch der Bibliothek des Wittenberger Predigerseminars. Zwei Bände stammen aus der privaten Bibliothek Luthers, die Initialen „M“ und „L“ sind gut auf dem abgegriffenen, schwarzen Einband zu erkennen. Der Theologe trägt Baumwollhandschuhe und schlägt in einem anderen, in braunes Leder gebundenen Band eine Seite auf. Am Rand hat Luther mit dunkelblauer Tinte eine kurze lateinische Anmerkung gemacht. „Er hat sehr eng, sehr konzentriert und ordentlich geschrieben,“ sagt Piontek. Man sehe noch immer den ­Ansatz der Feder. „Luthers Handschrift ist gut wiedererkennbar“, sagt der Leiter der Bibliothek, der diese von der seiner Zeitgenossen leicht unterscheiden kann.

Für Piontek ist es längst eine „selbstverständliche Normalität“, die alten, etwas muffigen, mit uralten Druckflecken versehenen Bände aus den langen Regalen zu ziehen. Mehr als 40 000 Bücher aus dem 16. und 17. Jahrhundert lagern in der Bibliothek. Doch manchem Besucher stocke vor Ehrfurcht fast der Atem, sagt der Hüter dieser ­Schätze, wenn sie auf Luthers Handschrift stoßen, die er vor rund 500 Jahren auf den altertümlichen rauen Seiten vor allem in Form von Kurzkommentaren hinterlassen hat. Plötzlich wird Reformationsgeschichte ganz authentisch erlebbar.

Tatsächlich kann man sich inmitten der alten Bücher leicht in Luthers Welt zurückversetzen. Wittenberg war damals, ähnlich wie später Weimar, eine Zeitlang das Zentrum des deutschen Geisteslebens für Theologen, Philosophen, Wissenschaftler und Künstler. Sie nannten die Universitätsstadt an der Elbe: das Rom der Protestanten. Heute leben rund 45 000 Menschen in der Kleinstadt im deutschen ­Osten. In der Altstadt haben inzwischen die schmuck renovierten Häuser gegenüber den vernachlässigten Fassaden deutlich die Oberhand gewonnen. An jedem zweiten oder dritten Gebäude erinnert eine schlichte Tafel an einen der vielen Gelehrten, die hier einmal wohnten und wirkten. Manche Geschäfte stehen leer, andere haben sich fein herausgeputzt. Nicht wenige Läden haben ihr Angebot eher auf das untere Preissegment zugeschnitten. Auf den verkehrsberuhigten Straßen geht es gemächlich zu, viele ältere Menschen sind unterwegs. Neben den Bürgersteigen rauschen kleine Bäche, ein Blickfang nicht nur für Kinderaugen. Der verzweigte Stadtgraben, an dem in der wärmeren Jahreszeit Cafés und Restaurants ihre Tische im Freien aufbauen, gehört zu den Resten der mittelalterlichen Kanalisation. Die Stadt habe sich für das Reformationsjubiläum „schick gemacht“ , sagt Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) dem WESER-KURIER. „Dank der herausragenden Zusammenarbeit aller Beteiligten erstrahlen die geschichtsträchtigen Stätten bereits in neuem Glanz. Dennoch gibt es noch Einiges zu tun.“ Das gilt beispielsweise für das Lutherhaus, in dem die Bauarbeiter gerade zum Endspurt blasen. Hier hat der Sohn eines Hüttenbesitzers aus der Bergwerksstadt Mansfeld gewohnt – zuerst allein, als Mönch und Theologieprofessor, später als evangelischer Christ mit seiner Frau Katharina und den Kindern. In dem Museum, das in Kürze samt Sonderausstellung wieder eröffnet werden soll, ist der alte Kachelofen im einstigen Wohnraum noch original erhalten. Das Nebenhaus mit seinem Arbeitszimmer ist hingegen schon im vorletzten Jahrhundert abgerissen worden. Den Ausgrabungen nahe des Hauses, darunter zahlreiche Gänseknochen, ist zu entnehmen, dass Luther sowohl ein großer ­Esser wie auch ein fleißiger Trinker war. Seine Frau braute hier auch Bier; jährlich verbrauchte die Familie nebst Luthers Studenten viele,viele Liter.

Dunkles Starkbier gehört ebenso wie ­Luther-Liköre, T-Shirts mit dem Konterfei des Reformators und Stadtmotiven zu den zahlreichen Souvenirs, die in vielen Läden der Altstadt angeboten werden. Im „Sündikat“, im Schatten der Stadtkriche St. Marien, gibt es auch noch Mönchskutten, das Gotteshaus als Sparbüchse, Stiche und Zeichnungen der mittelalterlichen Stadt, in der zu Luthers Zeiten gerade mal rund 2000 Menschen lebten. Die meisten von ihnen trafen sich zum Gottesdienst in der jetzt wunderschön restaurierten Kirche, in der 1521 die ersten evangelischen Messen nicht mehr auf Lateinisch, sondern auf Deutsch gelesen wurden; ab 1523 von Luthers Weggefährten Johannes Bugenhagen als erstem evangelischen Stadtpfarrer.

Johannes Block, der Bugenhagen-„Nach-nachfolger“ dieser Tage, ist sichtlich stolz über dieses Unesco-Welterbe. Luthers Kirche, geschmückt mit originalen Werken Lucas Cranachs, ist zwar baulich rechtzeitig fertig geworden, aber es gibt einen Wermutstropfen: Noch sind nicht alle Rechnungen bezahlt. Der Pfarrer muss auf Spenden hoffen – in einer nicht gerade glaubensfreundlichen Umgebung. Mit rund 3600 Mitgliedern ist die Wittenberger Gemeinde zwar eine der größten in Sachsen-Anhalt. Bezogen auf die Einwohnerzahl sind es heute aber nicht einmal zehn Prozent der Bürger der Lutherstadt, die sich zum evangelischen Glauben bekennen. „Wir erleben hier zwar keinen aggressiven Atheismus“, sagt Block, „es ist eher eine freundliche Gleichgültigkeit.“ Doch der 51-jährige Pfarrer ist gleichwohl hoffnungsvoll. „Es wächst eine neue Generation heran, die unverkrampfter in Berührung mit der Religion ist.“ Aktuell bereitet er 23 Konfirmanden vor; schätzungsweise die zehnfache Anzahl von Jungen und Mädchen wird in diesem Jahr die atheistische Jugendweihe empfangen.

Stadtpfarrer Block, der ursprünglich aus Niedersachsen stammt, hört von vielen Wittenbergern, es habe sich so viel im Leben seit der Wende verändert, da sei die Konfessionslosigkeit ein Haftpunkt der Identität. Im Herbst 1989 waren hingegen in der gesamten DDR die Gotteshäuser rappelvoll. Die Öffnung für Bürgerrechtler und Aus-­reisewillige und die Gewaltlosigkeit der friedlichen Revolution fand ihre Orientierung auch in der Bergpredigt. Doch die ­Pfarrer, erklärte einmal Friedrich Schorlemmer, viele Jahre Dozent am Wittenberger Predigerseminar und heute Ehrenbürger der Stadt, „haben nicht gemerkt, dass die Menschen im Grunde unchristlich waren“. Nach 40 Jahren antikirchlicher Propaganda habe in Ostdeutschland bereits eine „erhebliche Entfremdung vom Christentum eingesetzt“.

Der heute 72-jährige Theologe war einer der führenden Köpfe der DDR-Opposition. Im Hof vor dem Lutherhaus ließ er 1983 symbolisch ein Schwert zu einer Pflugschar umschmieden; es wurde das (Hoffnungs-)Zeichen der Friedensbewegung-Ost. Stadtpfarrer Block betrachtet jetzt das Reformationsjubiläum, an dem sich die Gemeinde mit zahlreichen Aktivitäten beteiligt, als Riesenchance, der er mit Vorfreude entgegenblickt. „Es ist eine große Ehre, als Pfarrer im Auge des Orkans zu stehen.“ Auch manche unangenehme Frage wird auf den Geistlichen zukommen, denn dass sich Luther auch dezidiert antisemitisch geäußert hat, ist allgemein bekannt. Nicht von ungefähr hatten die ­Nationalsozialisten ­Wittenberg 1938 zur ­Lutherstadt erklärt. Die NS-Ideologen setzten neben den antijüdischen Ausfällen des Reformators auch auf ein Sandsteinrelief unterhalb der Traufkante von St.Marien. Die im Volksmund „Judensau“ genannte Abbildung zeigt ein Schwein und einige ­Juden, die mit ihm auf verschiedene Weisen Geschlechtsverkehr ausüben. Das Relief ist ­älter als Luther und sollte Juden, für die Schweine als unrein gelten, öffentlich demütigen. Unterhalb der „Judensau“ hat die Gemeinde zwischen dem holprigen Pflaster der Stadtkirche vor Jahren ein Mahnmal in den Boden gelassen, das an die Millionen Holocaust-Opfer erinnert.

Vom nahen Café „Klatschmohn“ kann man gut beobachten, wie viele Besucher bereits in diesen Tagen über den originalgetreu wieder hergerichteten Kirchhof schlendern und ihre Kameras und Smartphones bereithalten. „Ich kann mich nicht erinnern“, sagt die Kellnerin, „dass hier um ­diese Jahreszeit schon mal so viel los war.“ Besonders fällt dies in der weltberühmten Schlosskirche auf, in die eine Busladung nach der nächsten strömt. Hier soll sich unter einer massiven Metallplatte Luthers Grab in zwei Metern Tiefe befinden. Ob er an der Tür tatsächlich die 95 Thesen angeschlagen hat, gilt bis heute als umstritten. Es gibt zwar die spätere Randnotiz von seinem Privat-­sekretär Georg Rörer im Jahr 1540 („Am Tag vor Allerheiligen (am 31.Oktober, die Red.) wurden von Dr. Martin Luther im Jahre des Herren 1517 Thesen über den Ablass an die Türen der Wittenberger Kirchen angeschlagen.“). Doch die heutige Pforte hat damit gewiss nichts zu tun. Die damalige Kirche ist im Siebenjährigen Krieg weitgehend zerstört worden, der folgende Gotteshaus-
Neubau dann erneut 1814; die heutige neugotische Schlosskirche stammt von 1892.

Den meisten Besuchern, besonders viele Lutherpilger kommen neben dem Altbundesgebiet aus den USA und Südkorea, ­dürfte dies egal sein. Eine der Stadtführerinnen ahnt bereits, dass die Altstadt in wenigen Wochen kaum mehr wiederzuerkennen sein wird. Während des Evangelischen Kirchentags in Berlin Ende Mai, ein Teil des Programms findet wie der Festgottesdienst hier auf den Wittenberger ­Elbwiesen statt, rechnet die Bahn mit der „umfangreichsten Verkehrsleistung seit dem Mauerfall“.

Am 28. Mai sollen ­allein aus Berlin 130 Sonderzüge hin- und 130 wieder zurückfahren – im Zehnminuten-Takt. „Da macht man sich schon Sorgen“, sagt die Frau nachdenklich, „auch um die Sicherheit der vielen Menschen.“ Oberbürgermeister Torsten Zugehör sieht seine Stadt – weltoffen und gastfreundlich – in den nächsten Monaten mit dem Gäste-Ansturm zur „kleinsten Großstadt der Welt“ wachsen. „Wir freuen uns auf zahlreiche Begegnungen, die in diesem Umfang einmalig sein werden“, sagt der Oberbürgermeister.

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