In Hamburg-Harvestehude werden Hörspiele produziert

Wo die Hobbydetektive von TKKG ermitteln

TKKG ist Kult, als Buch, als Serie, im Kino und eben als Hörspiel, letzteres seit 36 Jahren.
17.06.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Mona Adams

Fünf Schauspieler sitzen um einen kleinen Tisch herum und sprechen in die von der Decke herabhängenden Mikrofone. Obwohl Gestik und Mimik bei einer Hörspielproduktion keine Rolle spielen dürften, fuchtelt Schauspieler Manou Lubowski wild mit den Händen. Er spielt Klößchen, einen von vier Hobbydetektiven. Er ist der dicke Junge, der Kumpel, der besonders gerne Schokolade isst. Seine Kinderrolle ist dem Schauspieler rein körperlich nicht anzusehen – dem erwachsenen Mann mit dem breiten Kreuz und den muskulösen Oberarmen. Als er sich das erste Mal in Klößchen verwandelte, war er gerade mal elf Jahre alt: „Damals war ich wirklich dick und habe viel Schokolade gegessen“, erzählt er.

TKKG ist Kult

Mittlerweile ist Manou Lubowski 47 Jahre alt. Auch Klößchen müsste mittlerweile längst erwachsen sein, doch bei TKKG ist die Zeit stehen geblieben. Seit 38 Jahren legen TKKG so manchem Verbrecher das Handwerk. TKKG, das sind die vier Freunde Tim (Sascha Draeger), Karl (seit 2006 Tobias Diakow), Klößchen und Gaby (seit 2009 Rhea Harder), erschaffen von dem Buchautor Stefan Wolf. Die Freunde sind mutig und neugierig – einmal stecken sie mitten in den Nachforschungen zu einem Juwelenraub, ein anderes Mal retten sie einen Popstar vor einer Entführung. TKKG ist Kult, als Buch, als Serie, im Kino und eben als Hörspiel, letzteres seit 36 Jahren. Manou Lubowski und Kollege Sascha Draeger alias Tim sind von Anfang an dabei. Seit 1981, seit mehr als 200 Folgen und 33 Millionen verkauften Tonträgern. „Natürlich haben sich unsere Stimmen verändert. Aber die Dialoge sind kindlich geblieben, die Kinder stellen uns und unser Alter nicht infrage. Die Erwachsenen erst recht nicht. Für die sind wir Kult.“

Rund zehn Prozent der TKKG-Hörer sind älter als 25 Jahre. „Viele Hörer sind mit uns mitgewachsen“, so Heikedine Körting. Sie ist es, die die Rollen besetzt, sie ist die Produzentin, die Mama der Hörspiele, ohne sie geht nichts im Hause „Europa“, dem Hörspiel-Label von Sony Music. In ihrer fast 50-jährigen Karriere hat sie schon mehr als 3000 Stücke produziert, schätzungsweise, so genau weiß sie das gar nicht. Von Hui Buh über Hexe Lilli und Bob der Baumeister bis zu den Klassikern TKKG, Die drei ??? und Fünf Freunde. Der Branche geht es gut, wieder. „So vor 15 Jahren, zu Zeiten von Tamagotchi und Nintendo, da wurde es weniger. Heute ist das anders. Gerade die Kleineren hören wieder Hörspiele.“

Nicht mehr auf Kassette, dafür auf CD

Nicht mehr auf Kassette, dafür auf CD oder über Streamingdienste. Ganz oben auf dem Regal an der Wand türmen sich noch die Trophäen und Auszeichnungen aus vergangenen Zeiten. Darunter stapeln sich Kassetten und CDs, liebevoll per Hand beschriftet. Im Studio von Heikedine Körting ist alles selbst gemacht. Auch die Hintergrundgeräusche, die sie alle selbst aufgenommen hat. Der Nebenraum zeigt das Ausmaß. Regale voll mit Requisiten, die alles können. Die Geräusche von einem „nassen Lappen“, einem „flatternden Papagei“, selbst das Geräusch von „Fuß aus Beton ziehen“ und einem „U-Boot, das ein Fischerboot rammt“ sind hier aufgehoben, im Regal und als Tonspuren auf Magnetband, aufgelistet und irgendwo im Auftrag von Heikedine Körting entstanden.

Alles, was die Schauspieler können, machen sie direkt bei den Aufnahmen im Tonstudio. Seufzen, klatschen, klimpern. In anderer Besetzung sitzen sie am Tisch.
Sascha Draeger atmet laut, dann gibt es ein Gerangel mit einer Nebenrolle. Statt sich gegenseitig zu raufen, fassen sich die Schauspieler selber am Kragen und zerren an sich. Heikedine Körting und Autor André Minninger beobachten die Szene durch die Scheibe und sind sichtlich angetan von Dialog und Geräuscherzeugung. „Gut, prima“, ruft sie. Er herrscht eine entspannte Stimmung, konzentriert, aber familiär. Zwischen den Szenen, im Idealfall nur da, wird viel gelacht. Manchmal aber auch in der Aufnahme. Dann heißt es „noch einmal“.

„Wir sind uns untereinander sehr vertraut“, erzählt Manou Lubowski. Vier Mal im Jahr treffen sich die Schauspieler, um gemeinsam einen neuen Fall zu lösen, eine neue Folge einzusprechen. Das ist unüblich in der Branche, das gibt es sonst kaum noch. „Heutzutage werden die Stimmen einzeln aufgenommen, aus Kosten- und organisatorischen Gründen. Ich halte da gar nichts von“, so Hörspiel-Granddame Körting. „Ich finde das Zusammenspiel ganz wichtig, das schafft bei uns die Lebendigkeit.“ Das dauert aber auch. So warten im Nebenraum vor Häppchen und Kaffeegedeck Synchronspieler und Schauspieler auf ihren Einsatz für die 202. Folge TKKG. Sie wuseln durch das Dachgeschoss der prächtigen Villa im edlen Stadtteil Harvestehude. Es ist das Haus von Heikedine Körting, ihr Zuhause, das Herz des Hörspiels. Die imposante Holztür ist stets geöffnet, die knarrenden Holzdielen mit stilvollen Läufern ausgelegt, der elektrische Staubsauger dreht seine Runden.

„Wo ist denn jetzt Klößchen? Manou, wo bist du?“, hallt es durch die Etagen. „Der ist bestimmt wieder draußen“, ruft sie. Irgendjemand hat ihn gefunden. Manou Lubowski hüpft die vielen alten Holztreppen empor, als wäre er noch der kleine Junge von damals. „Außer seiner Mama, habe ich ihn letztendlich am längsten durchs Leben begleitet. Das macht mich stolz.“ Nicht viel hat sich verändert. Sie duzt ihn, er siezt sie. So wie früher, als Manou Lubowski noch jung und rundlich war und Schokolade in Massen aß.

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