Woodstock: Elliott Landy im Interview

„Woodstock war ein Moment der Utopie“

Er war der offizielle Woodstock-Fotograf. Auch wenn niemand in den Sechzigern das Wort „offiziell“ gut fand. Im Interview spricht Elliott Landy über Bob Dylan, Janis Joplin und den Spirit seiner Heimatstadt.
29.06.2019, 05:55
Lesedauer: 7 Min
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„Woodstock war ein Moment der Utopie“
Von Alexandra Knief
„Woodstock war ein Moment der Utopie“

Woodstock-Fotograf Elliott Landy im Jahr 1970.

Elliott Landy

Herr Landy, ich denke, Sie sind einer von wenigen Menschen auf der Welt, die von sich behaupten können, einmal Katzenfutter für Bob Dylan gekauft zu haben.

Elliott Landy: Das stimmt. Auch wenn ich das nie als große Auszeichnung betrachtet habe (lacht). Als ich 1969 ziemlich spät noch zum Supermarkt in Woodstock ging, sah ich sein Auto und ging hin, um Hallo zu sagen. Er fragte mich, ob ich für ihn reingehen könnte – er hatte schließlich immer schnell eine Traube Menschen um sich herum. Also habe ich das gemacht. Das war normale Nachbarschaftshilfe.

Sie haben in den Sechzigern viel Zeit mit Dylan verbracht. Wie kam es dazu?

Aufgrund meiner Arbeit verbrachte ich viel Zeit in Woodstock. Später kaufte ich mir dort auch ein Haus. Die Stadt machte sich damals einen Namen als Musik-Mekka. Es waren viele Künstler da, und ich war der einzige, der Fotos machen durfte. Bob kannte die Bilder, die ich von The Band gemacht hatte. Als er selbst ein Foto für ein Magazin-Cover brauchte, war es naheliegend, dass er mich fragte. Vorher hatten wir uns nur einmal kurz auf einer Party getroffen. Aber durch das Shooting haben wir uns besser kennengelernt und auch privat viel Zeit miteinander verbracht.

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Er war kein großer Fan des Woodstock-Festivals und seiner Rolle als politischer Revolutionär, oder?

Er hat sich selbst nie zu einem politischen Führer gemacht. Er hat lediglich Songs geschrieben, die politische Inhalte hatten. Er sagte einmal zu mir, dass er nicht einmal sehr interessiert an Politik sei. Ich fragte ihn, wie er dann Songs wie „Masters of War“ schreiben könne. Er sagte, dass er nur aufgreife, was sowieso schon in der Luft liege.

Sie selbst leben auch heute noch in Woodstock. Die Stadt war in den Sechzigern und schon lange davor vor allem eine Kolonie für Künstler und Musiker. Wie hat sich das Leben dort in den vergangenen 50 Jahren verändert?

Für mich ist es irgendwie noch immer so, wie es immer war. Die Stadt hat einen ziemlich guten Flächennutzungsplan, es darf nicht jeder bauen, was und wie er will. Auch das Stadtzentrum darf nicht verändert werden. Das Aussehen und die Atmosphäre in der Stadt sind also noch in etwa so wie damals. Ich würde Woodstock als spirituellen Ort beschreiben. Wenn man von New York aus hierher fährt, sieht man die Berge und bekommt dieses ganz bestimmte Gefühl, das schwer zu beschreiben ist. Jedes Land, jede Stadt hat ganz eigene Schwingungen und löst ganz individuelle Gefühle aus. Deutschland fühlt sich zum Beispiel anders an als Frankreich oder Spanien. Woodstock gibt einem ein gutes Gefühl. Darum lebe ich hier.

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Einige Jahre, bevor Sie nach Woodstock gingen, haben Sie Friedensdemos in den USA fotografiert. Warum gerade dieser Schauplatz?

Ich wollte mich für das Ende des Vietnamkriegs stark machen. Zuerst wollte ich selbst nach Vietnam gehen, um dort Fotos zu machen und allen zu zeigen, wie schlimm dieser Krieg ist. Ich entschied mich aber dagegen, weil ich kein Interesse daran hatte, erschossen zu werden. Also zeigte ich, wie in den USA für den Frieden demonstriert wurde und machte darauf aufmerksam, dass es keinen Grund für unser Land gab, sich an dem Krieg zu beteiligen.

Eine ganz andere Seite Ihrer Arbeit sind Ihre berühmten Fotos von Prominenten aus dieser Zeit. Sie sagten einmal: Wenn Sie die Musik eines Musikers nicht mögen, dann sieht man das an Ihren Bildern. Ist das so?

Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen: Wenn ich von jemandem die Musik nicht mochte, war ich gar nicht in der Lage, überhaupt Fotos zu machen. Ich bin so eng mit meiner Fotografie verbunden, dass ich keine Bilder machen kann, wenn ich mich unwohl fühle. Und schlechte Musik sorgt dafür, dass ich mich sehr unwohl fühle.

Wen würden Sie denn auf keinen Fall fotografieren?

Ich glaube, das sollte ich nicht verraten... (lacht).

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Dann andersherum: Wen haben Sie besonders gerne fotografiert?

Janis Joplin und ihre Band Big Brother And The Holding Company. Genauso Jimi Hendrix, The Doors, The Band und Bob Dylan. Es ist eine lange Liste.

Sie hatten die Gelegenheit, Janis Joplin persönlich kennenzulernen, bevor sie mit nur 27 Jahren an einer Überdosis starb. Wie war sie?

Sie war eine sehr ernste Person. Sie war aber auch sehr offen und freundlich. Sie hat nie eine Mauer zwischen sich und ihrem Publikum aufgebaut. Sie war schnell jedermanns Kumpel. Sie war sehr schlau, hat viel gelesen. Janis hat aber auch schon immer viel getrunken. Ob sie schon ein Problem mit Drogen hatte, als wir uns kennenlernten, weiß ich nicht. Ich saß einmal mit ihr und zwei Bandmitgliedern im Taxi, ich weiß noch, dass es draußen schneite. Wir wollten noch zu einer Party, aber Janis wollte nicht mit. Bevor sie ausstieg, sagte sie: „Ist das nicht wunderbar? Hier stehe ich als berühmte Sängerin und habe trotzdem niemanden, der auf mich wartet.“ Sie war auf der einen Seite sehr enthusiastisch. Aber auf der anderen Seite auch sehr traurig.

Joplin stand auch in Bethel auf der Bühne. Wie kam es, dass Sie 1969 der offizielle Fotograf des Festivals wurden?

Dafür war nicht mal ein Handschlag nötig: Michael Lang kam nach Woodstock, und wir wurden einander vorgestellt. Etwas später kam er auf seinem Motorrad bei meinem Haus vorbei gefahren, erzählte mir von einem Festival, das er plant, und fragte, ob ich davon Fotos machen könnte. Ich sagte ‘okay’, er sagte ‘super, ich meld mich’ und fuhr wieder davon.

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So einfach war das?

Damals war eben alles ziemlich zwanglos. Er fragte nicht: ‘Hättest du Interesse daran, der offizielle Woodstock-Fotograf zu werden?’ In den Sechzigern war es sowieso nichts Gutes, offiziell für etwas zuständig zu sein – man wollte sich ja von gewissen Strukturen lösen. Wir waren davon überzeugt, dass es besser für die Gesundheit ist, sich einfach treiben zu lassen und darauf zu vertrauen, dass schon alles gut werden wird. Ich habe erst hinterher realisiert, dass ich irgendwie offiziell unterwegs war. Ich war also wohl der inoffizielle offizielle Woodstock-Fotograf.

Mal ganz ehrlich: Haben Sie sich nur auf Ihre Fotografie konzentriert oder sich auch unters Volk gemischt und ein bisschen mitgefeiert?

Ich habe mich schon sehr auf die Fotografie konzentriert, aber ich hatte ja viel Zeit. Wenn mir danach war, bin ich ein bisschen herumgelaufen. Ich durfte aber auch durchgehend auf der Bühne sein, was dazu führte, dass ich wenig zwischen den Zuschauern war. Rückblickend hätte ich mich auch da gerne noch mehr umgesehen. Es war heiß und die Kameras damals waren sehr schwer. Also habe ich hin und wieder schon Pausen gemacht und ein bisschen mitgechillt.

War das Festival wirklich geprägt von Liebe, Frieden und Musik oder tragen viele Menschen heute nur eine rosarote Brille, wenn sie an damals denken?

Nein, das Festival lebte wirklich durch Liebe, Frieden und Musik. Natürlich hat es hier und da mal einen Streit gegeben, aber von richtiger Gewalt habe ich nichts mitbekommen. Das lag aber auch daran, dass für die Sicherheit auch eine „Friedens-Patrouille“ im Einsatz war, Mitglieder der Hog-Farm-Kommune. Wenn sie einen Streit beobachtet haben, haben sie nicht aggressiv reagiert oder Leute festgenommen, sie haben die Leute umarmt und beruhigt.

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Was kann die heutige Jugend von der Woodstock-Generation lernen?

Woodstock war ein Moment der Utopie. Eine halbe Million Menschen sind hier unter sehr schwierigen Bedingungen – nicht genug Essen, Regen, schlafen im Matsch – zusammengekommen. Sie sind aber alle mit der gleichen Intention nach Bethel gekommen: Sie wollten friedlich zusammen Musik hören. Die Leute teilten Dinge, halfen einander. Das fühlte sich gut an, und jeder in Woodstock wollte sich gut fühlen. Friedvoll zu sein ist eine Fähigkeit, die man erlernen kann. Das fängt damit an, sich nicht über Kleinigkeiten zu ärgern, zum Beispiel, wenn einen jemand auf der Straße anrempelt. Wer sich immer mit schlechten Dingen beschäftigt, hat weniger Zeit für die Guten. Im Denken der damaligen Generation, die vieles aus unterschiedlichen Religionen und verschiedenen spirituellen Praktiken adaptiert hat, liegt sehr viel Weisheit. Die zentrale Botschaft des Festivals, des ganzen Jahrzehnts war: Nimm die Dinge, wie sie kommen, und versuche zu verändern, was du verändern musst. Und wenn es nicht funktioniert, dann lass dich davon nicht runterziehen.

Das Gespräch führte Alexandra Knief.

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Info

Zur Person

Elliott Landy (77) ist einer der ersten Musik-Fotografen überhaupt, der als Künstler wahrgenommen wurde. In den Sechzigern fotografierte er Friedensdemonstrationen, Promipartys sowie zahlreiche Konzerte und Musiker, darunter Janis Joplin, Jimi Hendrix, The Band sowie Bob Dylan. Außerdem war er einer der offiziellen Fotografen des Woodstock-Festivals.

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Zur Sache

BUCH UND AUSSTELLUNG

Elliott Landys Bildband „Woodstock Vision“ erschien bereits 2009 in englischer Sprache, nun wurde er erstmals auf Deutsch veröffentlicht. Einige Texte habe er bereits in den frühen 90ern geschrieben, sagt Elliott Landy selbst. Als das Buch schließlich publiziert wurde, hatte er die darin enthaltenen Erzählungen selbst völlig neu entdeckt, weil er sie schon vergessen hatte. Das Buch gibt dem Leser einen Eindruck darüber, wie es war in den Sechzigern. Wie es war, ein Aktivist zu sein, Teil der Gegenkultur zu sein. Das Buch verbindet eine Vielzahl von Landys beeindruckenden Fotografien mit Geschichten über Landys Arbeit vor und während Woodstock, sowie diverse Erinnerungstexte von Zeitzeugen, darunter Festivalbesucher, Techniker, Koordinatoren, andere Helfer, die alle aus ihrer ganz persönlichen Perspektive vom Festival berichten.

Elliott Landy : Woodstock Vision. Zweitausendeins, Leipzig. 224 Seiten. 29,90 Euro.

Mit „Elliott Landy ’s Woodstock Vision“ tourt ab sofort außerdem eine Ausstellung durch Deutschland und die Niederlande. Vom 29. Juni bis zum 2. September ist sie sowohl in Papenburg als auch im niederländischen Emmen zu sehen, vom 8. August bis zum 15. September in Karlsruhe und vom 16. August bis zum 30. September in Nürnberg. Weitere Infos unter www.woodstock-exhibition.com.

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