Bremerin will keinen Müll produzieren

Zero Waste: Da geht noch weniger

Katarzyna Swendrowski lebt seit zwei Jahren nach der Zero-Waste-Philosophie. Das bedeutet, sie verzichtet auf Müll oder Plastik. Einen Masterplan für diesen Lebensstil gibt es aber nicht.
22.06.2018, 22:22
Lesedauer: 8 Min
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Zero Waste: Da geht noch weniger
Von Lisa-Maria Röhling
Zero Waste: Da geht noch weniger

Als Zero-Wasterin baut Katarzyna Swendrowski Kräuter und Gemüse in ihrem Garten selbst an.

Christina Kuhaupt

Der Oberkörper der jungen Frau ist komplett in einer Abfalltonne verschwunden. Mit einer Hand hält sie sich an der Öffnung der Tonne fest, die andere streckt sie nach ein paar Kartoffeln aus, die auf Gemüseresten und welken Blumen liegen. „Der Ekel entsteht im Kopf“, sagt Katarzyna Swendrowski, als sie mit hochrotem Gesicht wieder aus der Tonne auftaucht. Die schulterlangen hellbraunen Haare fallen ihr in Strähnen ins Gesicht.

Es ist Mittwochnachmittag. Die meisten Händler des Findorffer Wochenmarktes haben ihre Waren schon in Transporter verladen und räumen ihre Stände leer. Während sie Feierabend machen, fängt nur wenige Meter weiter Swendrowskis Arbeit erst an. Fliegen kreisen um die Container der Müllsammelstelle des Marktes. Statt dem fruchtig-süßen Duft von frischem Obst steigt der stechend süßliche Geruch von Fäulnis in die Nase. Doch was Swendrowski gefunden hat, ist frisch: Eine dünne Erdschicht bedeckt die goldgelbe Schale der Kartoffeln. Sie umschließt jede Knolle einmal mit der Faust, drückt vorsichtig an einigen Stellen mit dem Daumen darauf.

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Einige haben Druckstellen, bei manchen ist die Schale eingerissen. Swendrowski packt sie in einen ausgebeulten Pappkarton, der sogleich im Anhänger ihres Fahrrades verschwindet. „Manchmal frage ich mich, was die Leute über mich denken“, sagt sie mit ihrer tiefen, warmen Stimme und schaut den Passanten hinterher, die an ihr vorbeilaufen. Sie hält eine der Kartoffeln hoch, dreht sie ein paar Mal in der Hand hin und her. „Ist eben eine Frage der Perspektive, ob man das als Müll oder als Essen sieht.“

Was treibt jemanden an, im Müll zu wühlen, um dort nach gutem Gemüse und Obst zu suchen? Swendrowski lebt seit knapp vier Jahren nach der Zero-Waste-Philosophie; sie versucht, so wenig Abfall wie möglich zu hinterlassen, kauft keine Produkte in Plastikverpackungen und nie mehr als das, was sie auch wirklich braucht. Mit dem Begriff Zero Waste, also Null-Müll, tut sie sich schwer. „Ich bin Müllvermeiderin“, korrigiert sie. Damit lebt sie anders als der durchschnittliche Deutsche, der im Jahr 2016 etwa 462 Kilogramm Haushaltsabfälle produzierte, davon etwa ein Drittel Wertstoffe wie Glas, Kunststoffe oder Textilien.

Bilder von Müllbergen in der Wildnis und plastikverseuchten Meeren strömen durch Medien und Internetplattformen. Zero Waster wollen die Umweltbelastung stoppen und reduzieren ihren Konsum. In extremen Fällen passt ihr jährlicher Müll in ein Einmachglas. Viele demonstrieren ihren Verzicht auf Blogs und Social-Media-Kanälen, als Gratwanderung zwischen Nachhaltigkeit und exzentrischem Hobby. Aber einen Masterplan für ein Leben ohne Müll gibt es nicht.

Es soll um die sinnvolle Wiederverwendung von Ressourcen gehen, damit weniger Abfall auf Mülldeponien oder in Müllverbrennungsanlagen landet. Viel Spielraum. Manche kaufen in Unverpackt-Läden, mischen ihre eigenen Kosmetikprodukte und nutzen wiederverwendbare Dosen und Becher. Swendrowski hat durch sinnvolle Ressourcennutzung ihren eigenen Weg gefunden: „Mein Alltag dreht sich ums Essen.“

Katarzyna Swendrowski sucht in Mülltonnen nach verwertbarem Essen.

Katarzyna Swendrowski sucht in Mülltonnen nach verwertbarem Essen.

Foto: Röhling

Swendrowski ist 31 Jahre alt, hat einen achtjährigen Sohn, ernährt sich seit einigen Jahren vegan, kauft regionale Produkte. Ihre Kleidung kommt aus Sozialkaufhäusern oder Second-Hand-Läden, ihre Möbel sind gebraucht oder vom Sperrmüll. Alles für einen nachhaltigen Lebensstil. Doch die meiste Zeit frisst das sogenannte Containern, also das „Retten“ von Lebensmitteln aus dem Müll. Ihr Engagement bestimmt ihren Tagesrhythmus, klassisch berufstätig ist sie nicht. „Das ist praktisch mein Job“, sagt sie. Wenn sie erzählt, schweift ihr Blick manchmal ab. Auf der Suche nach den richtigen Worten bewegen sich ihre Finger konstant, als wolle sie den richtigen Begriff aus dem Nichts heranziehen.

Klar, sagt Swendrowski, auch sie habe oft einen Kaffeebecher oder eine Tupperdose dabei, um verpackungsfrei einzukaufen. Aber für sie sei wichtig, zunächst auf das zurückzugreifen, was da ist – zum Beispiel in Mülltonnen. „Wenn wir das erstmal aufbrauchen, wäre uns schon geholfen.“ Die intensive Vorbereitung auf Mahlzeiten und Einkäufe, mit der andere Zero Waster ihren Müll reduzieren, sei nicht ihr Ding. „Ich möchte es so einfach wie möglich“, sagt sie.

Swendrowski hat die meisten Tonnen inzwischen durchsucht. Die Händler, die ihren Abfall zu den Containern bringen, grüßen sie, einige drücken ihr einen Salatkopf oder ein paar Weintrauben in die Hand. Sie wissen, dass Swendrowski die Produkte, die am Stand nicht mehr verkauft werden können, verwenden kann. Ihr Anhänger ist voll: Salat, Kartoffeln sowie einige Pflanzen, die sie aufpäppeln will. Ihre Hände sind schmutzig, Erde bildet schwarze Ringe unter ihren Fingernägeln. „Ich kann nachvollziehen, dass Menschen sich vor sowas ekeln.“

"Plastikkonsum ist dominant in unserer Gesellschaft"

Während Swendrowski die „geretteten“ Lebensmittel im Anhänger ihres Fahrrades verstaut, sagt sie: „Es fängt hier drin an.“ Dabei führt sie die Fingerspitzen zueinander und weist damit auf ihre Brust. Einen Schlüsselmoment, ab dem sie sich für das Zero Wasting entschied, habe es nicht gegeben. Es habe sich einfach entwickelt, sagt sie. Natürlich gehe sie auch in den Supermarkt und kaufe dort Lebensmittel. Und wenn sie ein Produkt nur in einer Plastikverpackung bekommt? „Dann bin ich bereit, darauf zu verzichten.“ Deswegen wisse sie im Supermarkt immer genau, was sie brauche – und was nicht. „Diese Sachen sind wie grau gefärbt.“ Für sie stelle sich vor jedem Kauf die Frage, wie lange sie tatsächlich von dem jeweiligen Produkt leben könne.

Verpackungsfrei einkaufen - Zero Waste - Kasia Swendrowski

Die Zero-Wasterin lagert in ihrem Küchenschrank fast alles in wiederverwendbaren Behältern.

Foto: Kuhaupt

Anstrengend sei das nicht. „Ein bisschen Aufwand für ein bisschen weniger Müll.“ Was Swendrowski als essenziellen Beitrag für ein besseres Leben ansieht, bezeichnet Sigrid Kannengießer vom des artec Forschungszentrum Nachhaltigkeit als Nischenhandeln. „Kapitalismus, Plastikkonsum, Umweltverschmutzung, das ist immer noch dominant in unserer Gesellschaft“, sagt sie. Trotzdem gebe es immer mehr konsumkritische Praktiken. Ihren Ursprung könne man kaum ermitteln. Gerade das Wiederverwenden und Reparieren von Nutzgegenständen sei schon immer typisch im Alltag gewesen, eine Anti-Plastikbewegung habe auch schon in den 1970er-Jahren viele Anhänger gehabt. „Was neu ist, ist die Politisierung dieser Projekte.“

Es ist Freitagmittag, die Sonne knallt auf den Asphalt in der Münchener Straße in Findorff. Niemand ist draußen, zu hoch sind die Temperaturen, zu stickig die Mittagsluft. Hinter einer Ladentür verbirgt sich die Leuchtturmfabrik, ein gemeinnütziges Projekt, zu dem auch ein Reparatur-Café und ein Tauschladen gehören. Swendrowski engagiert sich dort mit einer Gruppe von Freiwilligen, „um die Beziehung der Gesellschaft zu ihrer Umgebung zu untersuchen und Möglichkeiten zu schaffen, weniger Spuren zu hinterlassen“, sagt sie. Zero Wasting steht dabei im Mittelpunkt.

Trotz der Hitze brodelt es im Hinterzimmer der Leuchtturmfabrik in mehreren Töpfen. Das sogenannte Restefest steht an, vier Stunden hat Swendrowski zusammen mit dem Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins, Marco Schöling, geschnitten, gekocht und abgeschmeckt. Das machen sie jeden Freitag; Zero Waste beschränkt sich für Swendrowski nicht nur auf sie selbst, sie will auch anderen damit helfen. „Nicht jeder hat die Zeit oder die Muße, in Mülltonnen zu wühlen.“ Dann macht sie es eben.

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Im kleinen Eingangsraum steht ein Sammelsurium aus ramponierten Sesseln und Sofas, durch das große Schaufenster brennt die Sonne herein. Einige Gäste haben es sich schon gemütlich gemacht, Swendrowski und Schöling servieren vegane Quiche, Salate, eine Blumenkohlsuppe und unterschiedliche Dips. Die Zutaten: alle aus Containern. Der Geschmack: völlig normal. „Das sieht super aus“, sagt ein Gast, der zum ersten Mal dort ist. Was Swendrowski findet, wird für das Restefest verkocht, alle überschüssigen Lebensmittel gibt sie gegen kleine Spenden ab. „Hier habe ich die Zeit, den Menschen zu helfen“, sagt sie. „Sich Inseln schaffen“ nennt sie das. Während andere mit handwerklichem Geschick im Reparatur-Café der Leuchtturmfabrik aushelfen, koche sie eben. So entstehe ein Netzwerk für Nachhaltigkeit, von dem alle profitierten. Die Gäste, die sich am Büffet bedienen, nicken.

"Manchmal frage ich mich, was die Leute über mich denken"

Diese Netzwerke hat auch Kannengießer in ihren Forschungen untersucht. Das Zero Wasting entwickele sich gerade weltweit zu einem Trend. Allerdings sei genau das ein Problem: „Durch den Lifestyle-Aspekt wird es widersprüchlich.“ Manchmal sei das Alltagsverhalten zwiespältig und inkonsequent: „Manche verzichten auf Plastik, um die Umwelt zu entlasten, und fliegen dann in den Fernurlaub.“ Auch bei anderen Projekten seien diese Effekte erkennbar. Die steigende Zahl von Car-Sharing-Diensten habe beispielsweise dazu geführt, dass wieder mehr Menschen Autofahren, anstatt den Straßenverkehr zu entlasten. Ähnlich sei es, wenn Zero-Waste-Anhänger zwar nachhaltige Produkte kauften, die aber im Netz bestellten. Wenn diese Produkte dann zu ihnen geliefert würden, sei die Energieeinsparung hinfällig. „Die meisten Projekte sind Versuche“, erklärt Kannengießer.

Für Swendrowski ist das Zero Wasting ein Prozess. In ihrer kleinen Wohnung in Findorff probiert sie immer wieder neue Wege, nachhaltig zu leben. Im Vorgarten blühen Pflanzen, die sie aus den Containern gerettet hat. Daneben sprießen Zucchini und Auberginen, deren Samen eigentlich für den Müll bestimmt waren. Was sie dort heran zieht und selbst nicht braucht, gibt sie dann im Tauschladen der Leuchtturmfabrik weiter. Hauptsache, sie landen nicht im Müll.

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Swendrowski lehnt am offenen Küchenfenster und schaut in den Garten. Sie hat nur wenige Möbel, in den Küchenschränken stapeln sich alte Marmeladengläser, die mit Kichererbsen, Linsen oder Zucker befüllt sind, daneben Tupperdosen. Unter ihrem Spülbecken ist ein großer Plastikkanister mit Seife verstaut, die sie sowohl zum Abwaschen als auch zum Haare waschen nutzt. Auf einem Regal steht eine alte Thermoskanne mit grell-orangem Blümchenmuster, ein Modell aus den 1960er-Jahren. „Ich verteufele Plastik nicht“, erklärt sie. Aber sie versuche, den Kunststoff, den es in ihrem Haushalt gibt, so lang und so sinnvoll wie möglich zu nutzen. „Drei Paprika in einer Plastikhülle bringen mich nicht durch einen Tag. Da lohnt sich die Energie für das Recycling nicht“, erklärt sie.

Swendrowski geht ins Wohnzimmer, setzt sich im Schneidersitz auf ihr Sofa und schaut erneut aus dem Fenster. Ihre Mülltonne muss sie nur noch selten raus stellen. Plastikmüll gibt es kaum. Was kaputt geht, repariert sie. Nur manchmal landet Kunststoff in ihrem Einkaufswagen, wenn sie sich Hafermilch für ihren Kaffee kauft, oder wenn ihr Sohn sich bestimmte Nudeln wünscht, die es nur in einer Plastiktüte gibt. „Komplett Zero Waste, das geht nicht. Wenn wir auf diesem Planeten leben, werden wir Abdrücke hinterlassen.“ Für sie gehe es mit der geringen Müllproduktion darum, so wenig Schaden wie möglich anzurichten. Die Weltmeere, die Plastikteppiche dort, das sei alles sehr weit weg. „Der Flecken Erde genau hier ist wichtig. Ich möchte keine Plastikflasche in meinem Beet liegen haben.“

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Eine radikale Veränderung wird Swendrowski alleine nicht herbeiführen können. So sieht es Forscherin Kannengießer. „So den Klimawandel aufzuhalten, das sehe ich noch nicht.“ Damit Zero Waster auch Erfolg haben könnten, müsste es gesetzliche Rahmenbedingungen geben. Kann Müllvermeidung Einzelner überhaupt etwas bewirken? Dazu gebe es bisher keine Erhebungen, sagt Kannengießer. Wofür also der Aufwand? Swendrowski denkt lange über diese Frage nach. „Weil ich gerne hier bin. Weil ich hier zu Hause bin“, antwortet sie schließlich. In die Tonne, aus dem Sinn, das will sie nicht. „Wenn man anfängt und sieht, dass es geht, gibt es keinen Weg zurück.“ Am Ziel ist sie aber noch lange nicht. „Da geht noch weniger.“

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