Aus dem Alltag eines Gerichts-Dolmetscher Zweisprachige Wahrheitsfindung

Achim. Hanna Kokaly ist Gerichts-Dolmetscher. Er erzählt aus seinem Alltag, bei dem er neutral übersetzen muss, um dem Recht nicht vorzugreifen.
23.09.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Tina Hayessen

Justitia ist blind, zuhören muss sie umso genauer. Jedes Wort kann auf ihre Waage gelegt den Unterschied bedeuten zwischen Freispruch und Haftstrafe. Eine große Verantwortung für diejenigen, die als Dolmetscher vor Gericht agieren. Sie müssen neutral übersetzen – auch die sprachlichen Patzer. Wer der Versuchung unterliegt und einem Angeklagten helfen will, macht sich strafbar.

Manchmal dauert es nur eine halbe Stunde – kaum hat Hanna Kokaly erfahren, dass er arbeiten soll, schon sitzt er etwa auf der Polizeiwache und redet. Er sagt nicht, was er selbst denkt, immer nur, was die anderen sagen. Tut er etwas anderes, verliert er nicht nur seinen Job, er macht sich auch strafbar. Kokaly ist Gerichts-Dolmetscher und, beeidigt am Landgericht Verden, auch am Amtsgericht Achim aktiv.

„Wenn wir bestellt werden, wissen wir nicht, was passiert“, erzählt Kokaly. Klar, eine halbe Stunde Vorlaufzeit sei die Ausnahme, unterstreicht er. In der Regel seien es ein bis zwei Wochen. Mitgeteilt werden ihm zunächst nur Ort und Zeit. Wenn man länger dabei sei, räumt Kokaly ein, könne man auch daraus seine Schlüsse ziehen. Das Gerichtsgebäude, die Raumnummer, da ahne er schon, welche Art Verfahren auf ihn zukomme. Auf diejenigen, deren Worte er vom Arabischen ins Deutsche übersetzt, ist er dagegen selten vorbereitet. „Einige haben starke Dialekte, andere machen viele Fehler und wiederholen sich.“ Aber natürlich darf Kokaly nicht verbessern. „Wenn jemand sagt ,der Auto’, dann übersetze ich auch ,der Auto’ – mit falschem Artikel.“ Gar nicht so einfach für einen Akademiker, der gar nicht genug studieren konnte in seinen 20ern.

Biologie hat Kokaly in Bremen studiert, es folgte ein Aufbaustudium, ein dreijähriges Studium an einer Sprachfakultät brachte ihm die Möglichkeit, sich als Dolmetscher zu betätigen. Auch einen Lehramt-Abschluss nennt er sein eigen. Darüber hinaus saß er in allerhand Vorlesungen, die gar nicht zu seinem Curriculum gehörten, etwa zur Mineralogie. Durch seine Zeit an der Bremer Universität kam der jetzt 53-Jährige überhaupt an die ersten Dolmetscher-Jobs. Damals sei das nicht annähernd professionell verlaufen, betont Kokaly. „Immer, wenn ein Gastdozent kam, haben sie mich angerufen – und ich habe übersetzt.“

Das, was Kokaly nun tut, hat ein ganz anderes Gewicht. „Angst ist immer dabei“, sagt der Dolmetscher über die Befürchtung, bei der Arbeit etwas falsch zu machen. Deswegen frage er auch nach, wenn er etwas nicht verstanden habe. Etwas, das der eine oder andere Richter auch mal falsch interpretiere. „Der denkt dann, ich weiß nicht, wie ich übersetzen soll.“ Es ist aber nicht nur jedes Hilfsverb, das den Dolmetscher in Schwierigkeiten bringen kann. Eben weil er dieselbe Sprache wie die Angeklagten spricht, denken einige unter ihnen, dass sie in Kokaly einen Fürsprecher, einen Freund finden können. „Dann hört man so einen Satz wie: ,Wir sind doch alle Moslems.’“ Was er darauf antworte? Ganz einfach: „Ich nicht.“

Der in Bethlehem geborene Kokaly ist arabischer Christ. Daher auch der Vorname. „Hanna, das kommt von Johannes dem Täufer“, erklärt er. Und nein, das sei kein Mädchenname in seiner Heimat, unterstreicht Kokaly. Es gäbe natürlich einfach eine andere Art zu deklinieren. Auch die Grammatik sei schließlich ein Hindernis im Übersetzungsalltag. „Im Arabischen beginnt der Satz mit dem Verb, im Deutschen endet er häufig damit“, nennt er ein Problem. Ein simultanes Übersetzen mache das schwer. Und dann seien da natürlich noch die ganzen Vokabeln, die man selbst als Muttersprachler mit Dolmetscher-Ausbildung nicht kenne.

„Ein Gutachter, der medizinische oder psychologische Fachbegriffe benutzt, ist besonders schwer zu übersetzen.“ Um diese Schwierigkeit in den Griff zu bekommen, büffelt der 53-Jährige brav Vokabeln. „Man hört nie auf zu lernen“, sagt er. Außerdem gehöre zum Erfolg vor allem etwas anderes. „Wenn es einem gelingt, dass die Leute ruhig sind, dadurch, dass man selbst ruhig ist, hat man 90 Prozent geschafft.

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