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Reportage: Die Frauen Nigerias. Teil Eins
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Von Nigeria nach Bremen

Alice Echtermann 12.05.2017 0 Kommentare

Eine Landstraße im Südwesten Nigerias. Tausende Nigerianer verlassen ihr Land, um eine bessere Zukunft in Europa zu suchen - unter ihnen sind auch viele Frauen.
Eine Landstraße im Südwesten Nigerias. Tausende Nigerianer verlassen ihr Land, um eine bessere Zukunft in Europa zu suchen - unter ihnen sind auch viele Frauen. (Alice Echtermann)

Dies ist die Geschichte von drei starken Frauen. Zwei leben in Lagos, der Mega-Stadt im Südwesten Nigerias. Die dritte hat ihre Heimat verlassen und will in Bremen ein neues Leben beginnen. Die Frauen kennen sich nicht - und doch gehören ihre Geschichten zusammen. Sie handeln von alltäglichem Leid, von Sorgen und Existenzängsten, und auch von Gewalt. Man kann viel über ein Land lernen, wenn man sich anschaut, wie seine Frauen leben. Auch, weshalb Jahr für Jahr Tausende Nigerianer die verzweifelte Flucht über das Mittelmeer wagen.

Teil Eins: Flucht aus Nigeria

Fayolas liebste Tageszeit ist früh morgens, so um fünf Uhr, wenn es draußen noch ganz dunkel und kühl ist. Den Sommer mag sie gar nicht, sagt sie. Deshalb liebt sie Bremen. Es ist so anders als Nigeria, wo die Hitze alles beherrscht. Wenn die Sonne aufgeht, zieht Fayola die Vorhänge im Wohnzimmer fast ganz zu und sperrt das Licht aus. Manche Gewohnheiten bleiben noch nach vielen Jahren. 

Zehn Jahre ist es her, dass die 29-Jährige ihre Heimat Nigeria verlassen hat. Ihren richtigen Namen möchte die junge Frau nicht nennen. Sie möchte nicht erkannt werden. Im dämmrigen Wohnzimmer läuft der Fernseher, eine bunte Zeichentrick-Sendung für Kinder. Die sechsjährige Kyra und ihr kleiner Bruder Tayo sitzen am Esstisch, vor sich Schüsseln mit Cornflakes. Das Baby, sieben Monate alt, trägt Fayola immer mit sich herum. Es ist Sonntagmorgen – für die Familie ein Tag wie jeder andere, denn die Kinder gehen noch nicht zur Schule. Das ist ihr größtes Problem, das möchte sie schnell ändern, sagt Fayola.

Die Wohnung ist geräumig und renoviert, aber sie passt nicht recht zu ihr. Im weiß gestrichenen Flur liegen nur ein paar Schuhe auf dem Boden. Im Wohnzimmer steht ein riesiges, beigefarbenes Sofa, Fernsehschrank und Vitrine mit dunklem Holzfurnier. Alles ist leer. An der Wand hängt nur eine gläserne Uhr mit einem aufgedruckten New-York-Motiv. Die Möbel hat Fayola ihrem Vormieter abgekauft und seitdem nichts verändert.

Nigeria wird in Politik und Wissenschaft oft der
Nigeria wird in Politik und Wissenschaft oft der "Riese Afrikas" genannt - nicht wegen seiner Größe, sondern wegen seiner Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft. (WK Grafik)

Vor drei Monaten ist sie in diese Wohnung eingezogen. Raus aus der Notunterkunft in Kattenturn, in der sie mit ihren Kindern ein halbes Jahr gelebt hatte. Sie kam im Juni 2016 in Bremen an – ihr Baby, ein kleines Mädchen, ist hier geboren. Vorher lebte Fayola acht Jahre in Italien. „Eine Freundin erzählte mir, in Europa sei es besser“, sagt die 29-Jährige. „Aber das war nicht wahr. Wir hatten dort kein Leben. Es gab keine Arbeit in Italien.“ 

Aber das wusste Fayola nicht, als sie Nigeria den Rücken kehrte. Sie war 19 Jahre alt und träumte vom Leben in Europa. Seitdem war sie nur einmal wieder in der Heimat. Ihre Eltern sind tot; ihre Mutter schon seit vielen Jahren, der Vater seit Kurzem. Über ihre Kindheit erzählt Fayola nichts Negatives. „Wir wuchsen in einem Haus auf, wir waren okay. Nigeria war okay.“ Sie und ihre Geschwister gingen alle zur Schule. Ihre Eltern verdienten ganz gut; der Vater hatte einen Laden, in dem Medikamente verkauft wurden. Die Mutter betrieb ein Lebensmittelgeschäft mit einer Art Restaurant, wo die Leute gebratenes Fleisch kaufen konnten. Fayola besuchte sogar die Universität. Sie habe einen Abschluss in Internationalen Beziehungen und Diplomatie, sagt sie. Es sei allerdings nie ihr Wunschberuf gewesen, sondern der ihrer Eltern. Sie möchte lieber als Krankenpflegerin arbeiten, sich um alte Menschen kümmern. In Bremen hofft sie auf eine Ausbildung.  

Flucht nach Italien

Es ist schwierig, Fayolas Geschichte vollständig zu erzählen, denn nichts lässt sich überprüfen. Sie sagt, ihre Familie habe in Benin-Stadt gelebt, der Hauptstadt des Bundesstaates Edo im Süden Nigerias. Benin-Stadt gilt als Hochburg des Menschenhandels, des Handels mit Frauen als Sexarbeiterinnen. Seit Jahren wird über junge Nigerianerinnen berichtet, die in Italien als Prostituierte arbeiten, oft unter Zwang, durch einen Voodoo-Schwur gefügig gemacht. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind geschätzte 80 Prozent der nigerianischen Frauen, die als Bootsflüchtlinge nach Italien kommen, Opfer von Menschenhandel. Fayola sagt, ihr sei das nicht passiert – aber sie wisse davon, Freundinnen von ihr wurden zur Prostitution gezwungen. „Die meisten von ihnen sind inzwischen draußen und haben geheiratet.“

Nach Bremen kommen eher wenige nigerianische Flüchtlinge. Laut Sozialbehörde lebten im April 108 Nigerianer in den Flüchtlingsunterkünften, von ihnen 88 weiblich. Anders als bei Ländern wie Syrien oder Afghanistan, aus denen meist junge Männer kommen, ist der Anteil der Frauen unter den afrikanischen Flüchtlingen viel höher. 

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Fayola ist nicht per Boot nach Italien gereist, sondern mit dem Flugzeug. Zuvor machte sie sich von Nigeria aus auf den Weg nach Ghana und weiter nach Abidjan an der Elfenbeinküste. Von dort ging ihr Flug nach Europa – mit dem Pass einer Ghanaerin, die ihr zufällig ähnlich sah. Ganz freimütig gibt Fayola zu, dass sie illegal eingereist ist.

In Italien wohnte sie zuerst bei einer Freundin. Sie fand einen Job bei einer Firma, die Rohschinken herstellt. „Prosciutto“ – das Wort fließt ihr von den Lippen, während sie sich bei deutschen Begriffen die Zunge verknotet und verzweifelt mit den Augen rollt. In den acht Jahren in Italien hat Fayola sehr gut Italienisch gelernt. Aus dem Fernsehen, sagt sie und lächelt stolz. Mit Deutsch klappt das aber nicht so gut – sie reden hier viel zu schnell, erklärt die junge Mutter. In der Notunterkunft bekam sie Sprachunterricht und weiß noch ein paar einfache Sätze. „Guten Morgen“ sagt sie zu jeder Tageszeit.

Fayolas Tochter Kyra kann fehlerfrei auf Deutsch bis zehn zählen. Sie sitzt nach dem Frühstück am Esstisch und malt Blumen und Buchstaben mit einem Kugelschreiber auf Papier. In Italien ist sie zur Schule gegangen. Ihr Bruder springt auf der Couch herum, schlägt Purzelbäume über dicke Kissen. Tayo ist drei Jahre alt und langweilt sich. Wenn er es zu wild treibt, herrscht ihn seine Schwester auf Italienisch an. Ihre Mutter spricht mit ihnen Englisch, aber Tayo scheint sich mit Italienisch wohler zu fühlen.  

Allein und unabhängig

Anfangs hatte Fayola in Italien noch ein paar kleine Jobs, in einem Laden und als Babysitterin. Später arbeitete sie nicht mehr. Sie lernte einen Mann kennen, einen Nigerianer. Er ist der Vater von Kyra und Tayo. Sie lebten zusammen, heirateten aber nicht. Ihr Mann habe auch keine Arbeit gefunden, erzählt Fayola. Irgendwann gingen sie getrennter Wege. Vielleicht war es, weil sie einen anderen Mann kennen lernte. Er lebte bereits viele Jahre in Bremen und machte Urlaub in Italien. Fayola wurde schwanger und folgte ihm nach Deutschland.

In ihrer Wohnung lebt sie mit den Kindern allein. „Ich komme gut klar“, sagt sie. „Ich brauche hier keinen afrikanischen Mann, der mir den ganzen Tag sagt, was ich tun soll.“ Sie sagt es selbstbewusst und ein wenig trotzig. „Weiße Männer umsorgen ihre Frauen und Kinder. Sie sorgen dafür, dass sie sich wohlfühlen.“ Afrikanische Männer seien anders. Nein, das wolle sie nicht. „Ich bevorzuge es, frei zu sein.“

Ein neues Leben in Bremen

In der Notunterkunft war Fayola hoch motiviert. „Ich war sehr schnell bei allem. Ich bin wissbegierig und nett zu den Leuten.“ Deshalb habe sie schnell eine Wohnung gefunden. Doch jetzt, da sie hier lebt, hat sie keinen rechten Grund mehr, raus zu gehen. Einmal nahm eine Freundin sie mit zu einem Kurs für afrikanische Frauen, den der Verein „Human and Environment“ in Kattenturm organisiert. Die meisten Frauen dort kommen aus Somalia. Fayola brachte einen Brief der Grundschule mit, an die ihre Tochter gehen soll. Darin wurde Kyra zu einem Schnuppertag eingeladen; der Brief war auf Deutsch und Fayola verstand kein Wort. Nach dem Kurs versprach sie, regelmäßig zu kommen, doch beim nächsten Treffen war sie nicht da. 

„Ich möchte wirklich zur Schule gehen“, sagt sie. „Aber was ist mit den Kindern?“ Sie streicht ihrem Baby über den Kopf mit den kurzen, krausen Haaren. Fayolas Aufenthaltserlaubnis gilt für zwei Jahre. Sie muss warten, bis die Kinder in die Grundschule und den Kindergarten gehen, bevor sie einen Sprachkurs machen kann. Anderenfalls hätte sie niemanden, der sich um sie kümmert.

Fayola ist entschlossen, ihr Leben in Bremen neu zu beginnen. Sie macht den Eindruck einer Frau, die weiß, was sie will und wie sie es bekommt. Falls sie Nigeria und ihre Familie vermisst, zeigt sie es nicht. Doch wenn sie durch ihre dämmrige, halbleere Wohnung schlurft, wirkt es, als sei sie noch nicht wirklich angekommen.

Warum fliehen die Menschen aus Nigeria nach Europa? Wir haben uns auf die Suche nach Antworten gemacht. In Teil Zwei lesen Sie von dem harten Leben der Frauen in Lagos, der größten Stadt Nigerias.

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Leserkommentare
werderfan am 23.10.2019 21:15
Ich versuche das mal kurz für die Demokratiefreunde zu erläutern:
1. Der Umweltausschuss des Beirats Blumenthal tagt am nächsten Montag ...
IhrenNamen am 23.10.2019 21:02
Ich bin mal sehr gespannt wie sich das auf die Spendensumme auswirkt.
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