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Die EM-Starter: Nordirland
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Die Nordiren setzen auf ihren starken Zusammenhalt

07.06.2016 0 Kommentare

Northern Ireland v Belarus - International Friendly
Gemeinsam stark: Chris Baird (rechts) und Aaron Hughes nach einem Testspiel im Mai. (CLODAGH KILCOYNE, REUTERS)

Norman Whiteside ist noch gar nicht so alt. Auch wenn viele glauben, der ehemalige Mittelstürmer von Manchester United und der nordirischen Nationalmannschaft wäre so einer wie der ewige Methusalem im Alten Testament. Der Fußball Nordirlands ist ein bisschen in Vergessenheit geraten und mit ihm auch Norman Whiteside, der nach George Best bekannteste Fußballer des Landes. Als die Nordiren 1982 in Spanien erstmals an einer Weltmeisterschaft teilnahmen, löste der Hüne aus Belfast den legendären Pele als jüngsten WM-Spieler aller Zeiten ab. 17 Jahre und 49 Tage jung war Whiteside bei seiner WM-Premiere, und als die Nordiren 1986 bei der WM in Mexiko das letzte Mal an einem großen Turnier teilnahmen, war er erst 21. Nach mehr als 30 Jahren sind die Nordiren in Frankreich wieder einmal bei einer großen Fußballmesse dabei. Zum ersten Mal bei einer Europameisterschaft. Und mit ihr kehrt auch Whiteside zurück auf die internationale Bühne, als Experte für einen englischen TV-Sender. 51 Jahre ist er – nun ja – jung.

Der Fußball in Nordirland hat tiefe Täler durchschritten in den letzten drei Dekaden, nun muss der EM-Novize in der Gruppe C gegen Deutschland, die Ukraine und am 12. Juni in Nizza zum Auftakt gegen Polen antreten. Whiteside glaubt zu wissen, wem der Fußball seiner Nationalmannschaft die Renaissance zu verdanken hat: Trainer Michael O‘ Neill. Whiteside sagt: „Michael hat es geschafft, aus einer Ansammlung von Spielern eine Mannschaft zu formen.“ Nicht nur Whiteside lobt den Trainer, auch die Medien des Landes sind sich des Anteils des 46-jährigen O‘Neill bewusst. Im Team herrsche dank des Trainers eine Atmosphäre wie in einer Vereinsmannschaft, heißt es.

Ganz so wie zu Whitesides Zeiten aber dann doch nicht. Die Helden von Spanien und Mexiko waren der Legende nach auch Dauergäste im Pub. Ihre Nachfolger, die fast alle in Englands erster und zweiter Liga ihr Geld verdienen, haben sich den Erfordernissen im Profifußball des 21. Jahrhunderts angepasst. Trainer O’Neill steht für Disziplin und ist bekannt dafür, aus Underdogs Helden machen zu können. Mit den Shamrock Rovers aus der Republik Irland gelang ihm vor fünf Jahren sensationell der Einzug in die Europa-League-Gruppenphase. Ähnlich wie die Rovers haben auch die Nord­iren keinen Spieler, der sich über die Landesgrenzen hinaus großer Bekanntheit erfreut. Es ist eine weitere Pointe, dass O’Neill sogar einen Drittligaspieler nominierte. Will Grigg, 24, schoss Wigan Athletic mit 25 Toren zurück in Liga zwei. Ein Song über den Stürmer schaffte es im Vereinigten Königreich unter die Top Ten der iTunes-Downloads. Dass er kein One-Hit-Wonder ist, würde Grigg gerne beweisen.

Grigg dürfte allerdings zunächst nur als Joker im Angriff eine Rolle spielen. Die zentrale Offensivposition im bevorzugten 4-2-3-1-System besetzt Kyle Lafferty. Der 1,93 Meter große Stürmer kam in der vergangenen Runde zwar fast gar nicht für Norwich City in der Premier League zum Einsatz und überzeugte auch nicht nach der Ausleihe bei Birmingham City in der 2. Liga. Aber mit sieben Toren schoss er die Nordiren fast im Alleingang zur EM. Früher ein Hallodri auf und neben dem Platz, wirkt Lafferty durch die Anleitung O’Neills und nach der Heirat eines schottischen Models deutlich fokussierter.

Die Qualigruppe der Nordiren war nicht die schwerste mit Rumänien, Ungarn, Finnland, Färöer und Griechenland. Als Erster verloren die Nordiren nur ein Spiel. „Wir geben nie auf“, sagt Lafferty und betont damit die Stärke der Mannschaft, die allerdings nur krasser Außenseiter in Frankreich ist. Dass die Nordiren mehr von ihrem außergewöhnlichen Teamspirit als von ihrer Klasse leben, weiß Kapitän Steven Davis. Der 31-Jährige Mittelfeldmann spielte eine starke Saison beim FC Southampton und hat mit 81 Länderspielen auch viele Enttäuschungen mit der Landesauswahl erlebt. Nun sagt er: „Wir genießen uns und wir glauben an uns.“

Dass die Republik Irland und Nordirland an der EM teilnehmen, ließ wieder die Debatte aufflammen, warum nicht eine gesamt­irische Mannschaft im Fußball denkbar ist. In anderen Sportarten wie Rugby, Cricket oder Golf spielen die Sportler aus dem Norden und der Republik schon lange zusammen. Aber im Fußball sind die politischen Differenzen und auch die Eitelkeiten der Offiziellen groß. Auch im eigenen Land folgen nicht alle der nordirischen Auswahl. Katholische Republikaner in der Provinz stören sich daran, dass vor den Spielen des Nationalteams im geschichtlich belasteten Windsor Park die englische Nationalhymne gesungen wird. Wie sich die Fans in beiden Teilen des Landes zur jeweils anderen Mannschaft verhalten während des Turniers, ist eine spannende Frage.

Der alte Haudegen Norman Whiteside will sich am Sport erfreuen. Er sagt: „Man sollte diese Mannschaft nicht abschreiben.“ Und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Es ist ja eine leichte Guppe.“


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