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Nach dem EM-Finale
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Portugal-Sieg: Ironie des Schicksals

Florian Haupt 11.07.2016 0 Kommentare

Euro 2016 Champions Return Home
Cristiano Ronaldo hat zum ersten Mal den EM-Titel nach Hause getragen – und lässt sich dafür in Lissabon feiern. (Setven Governo, dpa)

Cristiano Ronaldo machte sich natürlich schnell den Oberkörper frei, aber er war nicht der Einzige. Renato Sanches, der künftige Bayern-Profi, war auch schon halbnackt, als er sich auf dem Fahrgestell mit der riesigen Nachbildung des Europameisterpokals über den Rasen des Stade de France chauffieren ließ. Während die anderen vor ihrer Fankurve feierten, wurde der 18-Jährige über die Anzeigentafel zum besten Jungprofi des Turniers ernannt. Abwehrchef Pepe erhielt die Auszeichnung als bester Spieler des Finales. Ronaldo bekam keinen persönlichen Preis. Nie war es ihm so egal.

In der Ehrenloge stemmte er den EM-Pokal in die Luft, er strahlte wie ein Kind, ohne dieses Maskenhafte, Inszenierte, Beleidigte, das sein Jubel sonst manchmal hat. Ein völlig emotionalisierter Mensch, der an diesem Abend durch die Hölle gegangen und jetzt im Himmel war. „Vamos” rief er immer wieder, die Augen feucht, aber nicht mehr vor Schmerz, wie nach seiner Verletzung in der ersten Halbzeit. Die sah man nur noch, als er danach die Treppen von der Tribüne hinunterhumpelte.

Anspielung auf die Auswanderer

Grün-rotes Konfetti flog über den Platz, die Farben Portugals. Vielleicht dachte Ronaldo in diesem Moment auch an den Abend zurück, als er in Lissabon durch blauweißes Konfetti waten musste, als 19-Jähriger, geschlagen im ersten Finale der portugiesischen Geschichte vom krassen Außenseiter Griechenland. Mit einer großartigen Mannschaft – Figo, Deco – verpasste Portugal 2004 zu Hause den Titel. Er schien für ewig zum Verlieren verdammt, zur „saudade“, der berühmten portugiesischen Schwermut, der Sehnsucht nach vergangener Größe, der Melancholie der Millionen Portugiesen, die ihr Glück in fernen Ländern suchen mussten, weil ihre Heimat sie nicht ernähren konnte.

Nicht für alle Teilnehmer war die Fußball-Europameisterschaft 2016 ein Fest. Zlatan Ibrahimovic spielte mit Schweden sein letztes großes Turnier. Über die Vorrunde kamen er und seine Mannschaftskameraden allerdings nicht hinaus. Ohne eigenes Tor schied Schweden als Gruppenletzter aus. Das einzige Tor beim 1:1 gegen Irland erzielte ein Ire per Eigentor. Immerhin aber: auf Vorarbeit von Ibrahimovic. 
Auch für Gianluigi Buffon, den 38-jährigen Keeper der Italiener, war es wohl die letzte EM. Nach starker Leistung musste er sich im Elfmeterschießen des Viertelfinals Deutschland geschlagen geben. Gut für Deutschland, bitter für Buffon: Er ahnte meist, wohin die Deutschen beim Elfmeter zielten, war in der richtigen Ecke, kam aber nicht an die Bälle heran. Am Ende also zog Deutschland ins Halbfinale ein.
Großen Sport gab es natürlich auch. Einen der schönsten Treffer der EM landete Xherdan Shaqiri. Ob es ein Seitfallzieher oder ein Fallrückzieher war - darüber wurde im Anschluss viel diskutiert. Vielleicht war es eine Mischung aus beidem. Am Ende zählte: Der Schuss von der Strafraumkante zum 1:1 im Achtelfinale gegen Polen war drin. Und er sah toll aus. Genützt hat es dennoch nichts. Im Elfmeterschießen des Spiels unterlagen die Schweizer.
Mit der Zunge schnalzten die Zuschauer auch bei den Aktionen des französischen Stürmers Antoine Griezmann. Grizou, wie die Franzosen ihren schmächtigen Publikumsliebling nennen, schoss Frankreich mit sechs Toren ins Finale. Gegen Irland im Achtelfinale, Island im Viertelfinale und Deutschland im Halbfinale war er an sieben von neun Toren der Franzosen direkt beteiligt. Fünf erzielt er selbst, zwei bereitete er vor. Im Finale bliebt er torlos, Torschützenkönig wurde er mit insgesamt sechs Treffern dennoch.
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Die Anspielung auf die Auswanderer fehlte in kaum einer Siegerrede. In Frankreich hatten die Spieler die Geschichte ihres Landes besonders deutlich vor Augen geführt bekommen. Die Portugiesen stellen dort die größte Einwanderergruppe nach den Algeriern, bis nachts um vier Uhr standen die Fans am Teamquartier am Stadtrand von Paris, um ihre Helden nach der Rückkehr von den EM-Spielen zu feiern. Wie stark die Identifikation auch in der zweiten Generation der portugiesischen Franzosen noch ist, zeigt sich daran, dass der in Frankreich geborene Linksverteidiger Raphael Guerreiro das Land seines Vaters repräsentiert, obwohl er nicht mal dessen Sprache spricht.

Leid schweißt zusammen

Nichts schweißt stärker zusammen als Leid, und am Sonntag wurde es zu Leidenschaft. Man spürte sie in den Anfeuerungen aus der Fankurve, die mit weniger als 10.000 Leuten die überwältigende französische Mehrheit zumeist klar überstimmte. Man sah sie in der Weigerung, sich vom Schock durch den frühen Ausfall Ronaldos überwältigen zu lassen, und in der Entschlossenheit, die Chance zu suchen, als sie sich bot. Es war just der künftige Dortmunder Guerreiro, der einen – unberechtigten – Freistoß an die Latte setzte und damit die Konfusion auslöste, die dem eingewechselten Eder in der 109. Minute sein Solo zum 1:0 ermöglichte. 

Aber am schönsten sah man die Leidenschaft an Trainer Fernando Santos, der sehr technokratischen Fußball spielen lassen kann, aber ein sehr emotionaler Mensch ist. Der 61-Jährige schien noch Stunden später nur aus Wasser zu bestehen, Schweiß und Tränen, sein Haar war klatschnass. Als er sich vor die Weltpresse setzte, nahm er eine Brille hervor und las eine Erklärung von Blatt ab, so altmodisch und romantisch wie seine Heimatstadt Lissabon. Er dankte Gott, seiner Mutter, seiner Frau, seinen Enkeln, den Spielern, allen und natürlich Portugal, der Nation, die so viel gelitten und verloren hat. „Die Nation der Seele“, wie nun Santos sie taufte.

Krönung der Karriere

Später kam dann Ronaldo zum TV, völlig aufgekratzt immer noch. „Schau ich gut aus, schau ich gut aus, was denkst du mein Freund?“, lachte er den Interviewer an. „Ich glänze ... ha ha. Weil ich heute viel geweint habe“. Als er verletzt vom Platz getragen wurde, da schien sie ja schon wieder verschoben, die Krönung der Karriere eines Jungen mit einer eigenen Auswandergeschichte.

Mit zwölf kam er aus prekären Verhältnissen auf der Atlantikinsel Madeira nach Lissabon, wo sie ihn wegen seines Akzents auslachten. Mit 18 ins kalte, verregnete Manchester, ohne ein Wort Englisch. „Ich bin sehr, sehr glücklich“, sagte er nun, „diesen Moment habe ich seit 2004 gesucht. Es ist ein einzigartiger Moment für mich und für alle Portugiesen, zu Hause und anderswo.“

Turnier der eingestürzten Mythen

Die Ironie, dass sich die Laufbahn eines der größten Fußballers aller Zeiten an einem Abend vervollständigte, an dem er kaum mitspielen konnte – sie passte letztlich wunderbar in ein Turnier der eingestürzten Mythen. Deutschland schlug erstmals Italien in einem großen Spiel, Frankreich schlug erstmals Deutschland, und am Ende schlug Portugal erstmals Frankreich und brachte den Gastgebern ihre erste Turnierniederlage vor eigenem Publikum seit 18 Spielen bei. Dass das Siegtor mit Eder ein Stürmer erzielte, der im gesamten Turnier zuvor nur 13 Minuten auf dem Platz gestanden hatte – brachte das diese EM nicht umso perfekter auf den Punkt?

Wie natürlich auch die historische Ironie, dass die Portugiesen, einst als „Brasilianer Europas“ gefeiert, ihren ersten Titel mit kompaktem Defensivfußball gewannen, der ihnen auf dem Kontinent viel Kritik eintrug. Ausgerechnet der Finalbezwinger von 2004, Griechenland, war in den letzten Wochen zum portugiesischen Vorbild gereift, zumal es ja diese Fernando-Santos-Connection gibt – der Trainer hatte lange in Griechenland gearbeitet. Mit seinen letzten Worten dankte er nun „dem griechischen Volk“. In der Kabine wurde derweil schon ein neuer Schlager zum Besten gegeben: „Ob wir gut spielen oder schlecht / ist doch ganz egal / wir bringen den Pokal / in unserer Portugal“.


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