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Die EM-Starter: Türkei
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Türkei: der Star ist der Trainer

Olaf Dorow 26.05.2016 0 Kommentare

Istanbul. „Heute haben sich Spieler, die in der teuersten Liga der Welt spielen, mit unseren türkischen Spielern auf Augenhöhe bewegt”, sagte Fatih Terim nach dem 1:2 seiner Elf gegen England stolz.

Die Türkei wird von Fatih Terim trainiert.
Die Türkei wird von Fatih Terim trainiert. (dpa)

Der Nationaltrainer der Türkei nahm die erste Pleite nach 13 Spielen ohne Niederlage gelassen. Die erstaunliche Entwicklung, die die Milli Takim 2015 genommen hat, gab auch in dem EM-Test einen Vorgeschmack, was die Gegner an guten Tagen von der Türkei zu fürchten haben: große Unberechenbarkeit und spielerische Klasse.

Terim (62) coacht zum dritten Mal die Landesauswahl – und er wirkt selbstbewusster denn je. Dass er die Türkei nach einem völlig verpatzten Qualifikationsstart noch zur EM führte, füttert die Legende vom großen Imperator, der wie kein anderer für die großen Erfolge des türkischen Fußballs steht – aber auch wie kein anderer für seine Verfehlungen. Terim führte Galatasaray in drei Amtszeiten zu sechs Meisterschaften und als bisher einzigen Klub des Landes zu einem Europapokalsieg (Uefa-Cup 2000). Mit der Nationalelf zog er bei der letzten Teilnahme an einem großen Turnier 2008 ins EM-Halbfinale ein, das die Türken mit 2:3 gegen Deutschland verloren.

Terim aber steht auch für das skandalöse Scheitern in den Playoffs zur WM 2006 gegen die Schweiz, als er mit nationalistischen Parolen die Stimmung vergiftete und türkische Spieler und sein Assistent nach dem Aus Schweizer Spieler und Offizielle schlugen. Auch sein seltsames Vorgehen in der sogenannten „Pistolen-Affäre“ verstand niemand. Gökhan Töre und ein Begleiter hatten Hakan Cahlhanoglu und Ömer Toprak nach einem Spiel im Hotel mit einer Pistole bedroht. Terim aber nominierte Töre nach einer Pause wieder, worauf Calhanoglu und Toprak aus der türkischen Elf zurücktraten. Calhanoglu ist mittlerweile wieder dabei und schoss am Sonnabend das erste Tor eines Türken in einem Spiel gegen England. Toprak, der beste Innenverteidiger der Türken, aber ist nicht im EM-Kader.

Zudem überschatteten die skandalösen Verhältnisse in der Süperlig die Qualifikation. Nach dem Manipulationsskandal von 2011 ist der Hass der Fangruppen untereinander noch gewachsen. Als Fenerbahce-Torwart Volkan Demirel vor dem Qualifikationsspiel gegen Kasachstan 2014 zum Warmmachen im Stadion des Rivalen Galatasaray auflief, wurde er vom Publikum so massiv beschimpft, dass der Torwart Platz und Stadion vor Anpfiff verließ und seither nicht mehr im Nationaltrikot aufgelaufen ist. Erster Torwart ist seither Volkan Babacan von Istanbul Basaksehir FK.

Angesichts dieser chaotischen Verhältnisse ist das Erreichen der EM-Endrunde als bester Gruppendritter eine jener Heldengeschichte, die Terims Ruf mystifizieren. „Ich gebe nie auf”, sagt er. Terim ist immer dann ganz bei sich, wenn sich scheinbar die ganze Welt gegen ihn und sein Team verschworen hat – und ein Happy End kaum mehr möglich scheint. Bei der EM 2008 stand seine Elf oft kurz vorm Aus, drehte aber die Spiele dann spät. Das brachte ihr den Beinamen die „Comeback-Türken“ ein. Terim ist ein Trainer, der das Momentum nutzen kann, er ist für seine Spieler leidenschaftlicher Mitreißer, lieber Onkel und zorniger Zuchtmeister in einer Person.

Auch die wundersame Serie, die die Türken noch zur aktuellen EM brachte, hat viel mit der Führungskraft Terims zu tun. Durch die zuletzt guten Ergebnisse ist in der Türkei der Glaube gewachsen, dass die Auswahl weit kommen kann. Experten glauben, dass alles möglich sei, sollte die Elf die starke Gruppe mit Spanien, Kroatien und Tschechien überstehen. Klasse hat der Kader vor allem im Mittelfeld, wo Selcuk Inan (Galatasaray) der Leader ist und die Bundesliga-Profis Nuri Sahin (Dortmund), Yunus Malli (Mainz) und Calhanoglu (Leverkusen) um die Plätze kämpfen.

Star des Teams aber ist Arda Turan vom FC Barcelona. Der Stern des Dribbelkünstlers, der wohl vor einem Wechsel zum FC Arsenal steht, ging bei der EM 2008 auf. Der eigentliche Star der Türken aber bleibt Fatih Terim. Der muss nun beweisen, dass seine Elf nicht doch nur ein Scheinriese ist.

Türkei
 
Gruppengegner: Spanien, Tschechien, Kroatien Größte
 
Erfolge: WM-Dritter 2002 EM-Halbfinale 2008
 
Trainer: Fatih Terim
 
Beste Torschützen: gesamt – Hakan Sükür (51) aktuell – Burak Yilmaz (19)
 
Meiste Einsätze: gesamt – Rüstü Recber (120) aktuell – Emre Belözoglu (93)
 
Gründung des Verbandes: 1923
 
Spitzname: Ay-Yildizlilar (Die Halbmond-Sterne)
 
Amtierender Meister: Besiktas Istanbul

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