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Interview
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"Ein FSJ ist für jeden eine gute Idee!"

02.07.2020

Lara Marx arbeitet als FSJlerin im Akazienhof in Bremen Nord.
Lara Marx arbeitet als FSJlerin im Akazienhof in Bremen Nord.

Moin Lara, vielen Dank, dass du dich für unser Interview zur Verfügung gestellt hast. Stell dich doch mal kurz vor!

Ich bin Lara Marx, 21 Jahre alt und komme ursprünglich aus Mecklenburg-Vorpommern. Eigentlich bin ich zum Studieren nach Bremen gekommen, aber das war nicht ganz das Richtige für mich und deshalb mache ich jetzt gerade ein FSJ bei der AWO, genauer: im Akazienhof in Bremen-Nord.

Super, dazu kommen wir gleich genauer. Das heißt also, du hast dich nicht, wie das viele andere tun, direkt nach der Schule für ein FSJ entschieden?

Nein, ich wünschte allerdings, ich hätte das getan! Ich habe fast ein Jahr lang Medieninformatik studiert und es hat mir leider nie wirklich Spaß gemacht. Zum Ende meines zweiten Semesters habe ich mich dann dazu entschieden, das Studium abzubrechen und lieber etwas Soziales zu machen. Das Konzept FSJ kannte ich schon von Freunden und Bekannten, die bereits dabei waren. Und ich dachte dann so bei mir, dass das sicher auch etwas für mich wäre.

Und wie bist du dann zur AWO gekommen?

Ich habe mich zunächst online informiert, was es für FSJ-Stellen gibt und welche Träger überhaupt Jobs anbieten. Ich muss sagen, ich war schon ziemlich spät dran, denn die Stellen werden meist zum 1. September vergeben und ich habe mich erst im August beworben. Wenn man sich rechtzeitig damit beschäftigt, hat man natürlich noch viel mehr Auswahl. Aber ich hatte großes Glück mit der AWO. Ich hatte verschiedene Vorstellungsgespräche, auch in anderen Einrichtungen, aber bei der AWO hat es mir einfach am besten gefallen.

Lara Marx mit Neele Kitzmann, die die Freiwilligendienste der AWO Bremen betreut.
Lara Marx mit Neele Kitzmann, die die Freiwilligendienste der AWO Bremen betreut.

Was genau hat dir gut gefallen?

Zum einen war es mir wichtig, dass ich mein FSJ bei einem konfessionslosen Träger mache. Das sprach dann also schon für die AWO. Zum andern wollte ich gern in einer Einrichtung für Menschen mit psychosozialen Erkrankungen arbeiten, also zum Beispiel Menschen mit psychischen Krankheiten oder mit Suchterkrankungen. Bei der AWO sollte die Stelle im Akazienhof frei werden. Hier werden Frauen und Männer betreut, die alkohol- oder medikamentenabhängig und in ihren körperlichen, seelischen und sozialen Möglichkeiten dadurch beeinträchtigt sind. Ich hab mich dort vorgestellt und die aktuelle FSJ-lerin hat mir bei meiner Hospitation alles gezeigt. Mir hat es prima gefallen und ich war froh, dass ich die Stelle angeboten bekommen habe.

Das klingt nach einem recht herausfordernden Job. Was genau machst du da?

Da ich im Anschluss an das FSJ gern Soziale Arbeit studieren wollte, war es mir sehr wichtig, viel Kontakt zu den Bewohnern zu haben und nicht zu viel in der Verwaltung tätig zu sein. Die Leiterin der Einrichtung hat sich schon vor meinem Eintritt die Zeit genommen, mit mir über meine Vorstellungen zu sprechen und so konnten wir das tatsächlich so einrichten! Im Klartext heißt das, dass ich als Einkaufsbegleitung tätig bin, bei Gesprächsrunden oder Freizeitaktivitäten dabei bin oder auch bei Arztbesuchen begleite.

Ist die Arbeit so, wie du sie dir vorgestellt hast?

Um ehrlich zu sein: sie ist doch anstrengender als gedacht. Im Akazienhof leben Menschen mit Korsakow-Syndrom; das bedeutet, die Bewohner leiden unter Amnesien und anderen psychischen Störungen infolge einer Alkoholkrankheit. Aber auch unter physischen Einschränkungen. Das hatte ich so nicht unbedingt erwartet. Dennoch gefällt es mir sehr gut und ich kann unheimlich viel lernen. Toll ist auch, dass ich super ins Team aufgenommen wurde und richtig als vollwertiges Mitglied anerkannt werde. In Teambesprechungen werde ich beispielsweise immer nach meiner Meinung gefragt. Ich denke, das ist nicht unbedingt selbstverständlich. Schließlich bin ich ja gar keine ausgebildete Fachkraft.

Sind denn schon Situationen aufgetreten, mit denen du nicht so gut umgehen konntest?

Ja, besonders zu Anfang kam ich nicht so gut mit plötzlichen Wutausbrüchen oder Aggressionen zurecht. Ich habe aber gelernt, damit umzugehen, etwas gelassener zu werden und diese Verhaltensweisen vor allen Dingen auch nicht auf mich zu beziehen. Diese Ausbrüche haben nämlich mit mir nichts zu tun! Aber auch das Gegenteil hat mich zunächst angestrengt: nämlich in ruhigen Momenten mit den Bewohnern allein zu sein und Gespräche zu führen. Oftmals gerieten die Unterhaltungen ganz schnell ins Stocken. Aber mittlerweile konnte ich mir von meinen Kollegen abgucken, wie man die Gespräche besser am Laufen erhält und den Bewohnern mehr entlockt, wie es ihnen geht.

Das ist also das, was dir am meisten Spaß macht?

Ja, genau. Das sind meist Gespräche in Kleingruppen. Es ist spannend, die Bewohner so besser kennenzulernen und wie die Kollegen das immer wieder schaffen, vorsichtig nachzubohren. So erfahren wir ganz viel Persönliches. Was ich außerdem schön finde, ist, dass wir auch hin und wieder außerhalb der Arbeitszeit etwas zusammen unternehmen, zum Beispiel waren wir gemeinsam beim Weihnachtsmarkt und haben auch schon mal ein Grillfest organsiert.

Im Akazienhof wird Intensiv Betreutes Wohnen für Menschen mit Suchterkrankung angeboten.
Im Akazienhof wird Intensiv Betreutes Wohnen für Menschen mit Suchterkrankung angeboten. (AWO Bremen)

Wäre auch eine andere Stelle bei der AWO für dich infrage gekommen?

Es gab noch das RehaCentrum Alt Osterholz für Menschen mit Suchterkrankungen, für das ich mich interessiert habe. Außerdem waren noch Stellen in Wohnheimen für Menschen mit Behinderungen frei. Die AWO hat insgesamt drei Wohnheime und zwei Tagesförderstätten. In den Tagesstätten wird zum Teil viel kreativ gearbeitet, also zum Beispiel Seifenherstellung oder künstlerische Arbeiten. In Tagesförderstätte in Huchting ist beispielsweise mehr Pflege und Betreuung vonnöten, weil da Menschen mit starken Beeinträchtigungen leben. Ich muss gestehen, davor hätte ich mich gescheut, aber mir wurde von vielen FSJler*innen, die dort arbeiten, schon berichtet, wie glücklich sie mit der Arbeit sind. Dass die Bewohner unheimlich herzlich sind und dass sie sich nun auch beruflich für diese Richtung entscheiden wollen. Auch wenn es vorher nicht ihre Wunsch-FSJ-Stelle war!

Du bist ja jetzt bald fertig mit deinem FSJ. Wie prägend war das Jahr für deine persönliche, aber auch für deine berufliche Entwicklung?

Jede*r FSJ-ler*in überlegt sich zu Anfang Ziele für das FSJ. Mir ging es bei dem Freiwilligen Sozialen Jahr ja nicht darum, Zeit zu überbrücken oder Geld zu verdienen, sondern um Bildung und Orientierung für das Berufsleben. Ich habe mir zum Beispiel vorgenommen, besser in Smalltalk zu werden, also ungezwungener mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Das hat ziemlich gut geklappt! Ich weiß gerade nicht genau, welche weiteren Ziele ich mir noch notiert hatte. Aber ich habe auf jeden Fall gelernt, Dinge und Situationen auch mal mit Distanz wahrzunehmen, ohne das zu sehr an mich ranzulassen. 

Und zum Schluss: hast du Tipps für deine Nachfolger?

Es macht auf jeden Fall Sinn, sich etwas rechtzeitiger zu bewerben. Ich hatte zwar großes Glück, aber man kann dann eben auch das Pech haben, dass die interessanten Stellen weg sind. Vor allen Dingen, wenn man schon eine Wunschstelle im Auge hat, sollte man sich noch früher bewerben. Man braucht auch keine Angst zu haben vor dem Bewerbungsprozess oder wenn man noch keine Bewerbung in den Bereichen hat. Ich fand alles super entspannt und wurde immer gefragt, welche Stellen mich besonders interessieren würden. Ich denke, ein FSJ ist für viele eine gute Idee, auch wenn man nicht unbedingt in die soziale Richtung gehen will im späteren Berufsleben. Man lernt so viel! Auch über sich selbst.

FSJ bei der AWO

Die FSJ-Bewerbungsfrist bei der AWO endet im September. Einstellungen erfolgen in diesem Jahr coronabedingt etwas flexibler als in den vorherigen Jahren. Vorgesehen ist, dass die Stellen zwischen September und Oktober vergeben werden. Bewerbungs- und Beratungsgespräche finden derzeit telefonisch statt. Interessierte können sich unter fsj@awo-bremen.de oder unter der Telefonnummer 0421-408877-11, -12 melden. Weitere Informationen gibt es im Netz unter www.awo-freiwillich.de/finde-deine-stelle/. Wer sich direkt bewerben möchte, findet hier einen Bewerbungsbogen.

Wer sich für eine bestimmte Stelle interessiert, kann unter Umständen auch einen Tag lang hospitieren und sich alles ansehen. Das muss individuell abgestimmt werden. Offene Stellen finden sich aktuell besonders im Pflegebereich und in der Einzelbetreuung sowie in Wohnheimen für Menschen mit Behinderungen.


Leserkommentare
Thomask am 07.05.2021 21:03
Es war der erste im Osten !
susanneundjens am 07.05.2021 21:00
Die machen die Baustelle extra, obwohl da gar nichts zu reparieren ist. Die wollen Sie persönlich ärgern, nur Sie, nur darum ist die da. Ja, ganz ...