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„Es wird weitergehen – auch mit und nach dieser Krise“

23.04.2020

Dr. Hatice Ecirli mit zwei Kollegen im Interview.
Dr. Hatice Ecirli mit zwei Kollegen im Interview.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx empfiehlt in Zeiten der Ungewissheit: Nicht in die Zukunft schauen, sondern aus der Zukunft zurück auf heute. Regnose statt Prognose, nennt er das Prinzip. Sagen wir, es ist Silvester 2021. Was erzählen wir uns?

Christoph Sülz: Anfangs waren wir gelähmt, einfach unsicher. Ich muss heute noch über die Hamsterkäufe schmunzeln. Viele wurden panisch und versuchten, sich in irgendeiner Weise Ersatzstrukturen zu schaffen. Zum Beispiel durch Klopapierkäufe.

In meinem Supermarkt war es vor allem die Vollmilch­schokolade ...

Elena Garbade: Zwischendurch war es gar komisch, Filme zu gucken, in denen sich Menschen die Hand geben. Es war schon eine skurrile Erfahrung. Im Laufe der Zeit haben viele jedoch gemerkt, dass es auch einen Vorteil hatte, aus dem berühmten Hamsterrad auszusteigen.

Hatice Ecirli: In Europa haben wir die Gefahr zunächst unterschätzt. China schien weit weg. Dann wurde das Virus plötzlich zum weltweiten Problem – bis uns die Einschränkungen Sicherheit gegeben und wir erkannt haben, dass soziales Miteinander auch anders möglich ist.

Zurück ins Jetzt. In psychologischer Literatur gibt es den Begriff „Warten in Unsi­cherheit“, etwa verbunden mit Menschen, die auf eine Krebs-­ oder HIV-Diagnose warten. Vor welche Herausforderungen stellt uns die Ungewissheit?

Ecirli: Ungewissheit auszuhalten, ist nicht leicht. Das sehen wir besonders an Menschen, die an einer Zwangsstörung leiden. Wir alle behalten gern die Kontrolle über die Dinge. Das schafft Sicherheit.

Sülz: Es kann herausfordernd sein, die Situation zunächst einmal mit all ihren Widrigkeiten zu sehen. Aber nur so kann ich sie dann als solche akzeptieren. Viele stecken momentan vermeintlich in dieser Konfrontation mit der Realität fest und werden durch Angst oder Panik gelähmt. Daneben erleben wir teilweise aber auch Wut als ein aktuell präsentes Gefühl. Wut verbinden wir in der Regel mit einer Schuldzuschreibung. Wir sehen zumeist nicht uns, sondern andere Personen, Staaten oder Umstände für unsere Situation verantwortlich an. Damit untergraben wir unsere Selbstwirksamkeit, was langfristig riskant ist. Diese Haltung kann emotional in Hilflosigkeit und Depression führen.

Geschäftsleute mussten ihre Läden schließen und bangen um ihre Existenz, Arbeitnehmer werden in Kurzarbeit geschickt, immer mehr Menschen sind infiziert oder haben gar jemanden durch Corona verloren. Man muss derzeit schon Berufsoptimist sein, oder?

Garbade: Es könnte schon sein, dass man mir Optimismus nachsagt. Aber Berufsoptimist hin oder her, Gefühle von Angst, Panik und Wut sind derzeit absolut verständlich. Klar ist, die Situation wird sich verschärfen – das kann Suizidgedanken, häusliche Gewalt oder Kindesmisshandlung mit sich bringen. Deshalb ist es wichtig, den Emotionen einen Raum zu geben und sich darüber auszutauschen. Einige Patienten berichten von einem völlig neuen Zusammenhalt unter Arbeitskollegen wie im Privaten. Nicht vergessen sollte man, frühzeitig Hilfsangebote anzunehmen.

Kontrollverlust ist auch ein fruchtbarer Boden für Fake News und Verschwörungstheorien. Woran liegt das?

Garbade: Ängste unbewusst auf andere Dinge zu projizieren, wirkt entlastend. Es ist eine Möglichkeit, sie nicht mehr spüren zu müssen.

Sülz: Im Verlust von Kontrolle reichen meine Kapazitäten nicht mehr aus, um einen klaren Kopf zu behalten. Unser Denken arbeitet vielfach automatisiert und mit „einfachen“ Lösungen. Wir werden in einer Krise anfällig für vordergründig sinnhafte Erklärungen, weil wir darauf verzichten, deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Es kommen mitunter absurde Theorien auf: Die Mobilfunkmasten jüngster Generation seien die Ursache des Virus, oder es stamme aus dem Labor einer dunklen Macht. Warum verzichten viele Menschen auf eine Überprüfung?

Sülz: Weil es bequem ist. Durch aktives Hinterfragen können wir uns diese Prozesse jedoch bewusst machen und sie auflösen.

Die Verschwörungstheoretiker verbindet der Gedanke, wir würden belogen und unterdrückt. Für letzteres Gefühl sorgten bereits vor der aktuellen Krise unter anderem die kapitalistischen Exzesse und der Druck, mit dem uns die globalisierte, auf Effizienz gedrillte Arbeitswelt konfrontiert …

Garbade: Ich denke, diese Pandemie kann bei uns allen viel bewegen. Wir können nicht mehr so viel im Außen sein. Das schafft die Chance, sich verstärkt auf sich selbst zu fokussieren. Bei vielen Menschen ist dieser Blickwinkel angstbesetzt. Er ermöglicht jedoch, so etwas wie einen inneren Schatz zu finden – einen Zugang zu Dingen, die einen emotional bewegen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht von der größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Brauchen wir nach rund 70 Jahren womöglich wieder einen krassen Einschnitt, einen allgemeinen Reset, um uns neu aufzustellen?

Wie wir mit der Krise umgehen können wollte unser Redakteur von den Experten wissen.
Wie wir mit der Krise umgehen können wollte unser Redakteur von den Experten wissen.

Sülz: Diese Frage so allgemein zu stellen, finde ich ungünstig. Da klingt bei mir zu viel – sagen wir mal – darwinistisches Denken durch. Es ist schlimm, macht mich betroffen und traurig, dass Tausende Menschen an den Folgen dieser Infektion erkranken und sterben werden.

Worauf warten wir eigentlich – was erwartet uns?

Sülz: Die Folgen für die Weltgesundheit, die Wirtschaft und das weitere Miteinander sind in keiner Weise absehbar. Nein, wir sollten nicht darauf spekulieren, dass wir bezogen auf die Bevölkerungsentwicklung oder die Ökonomie von dieser Krise profitieren. Das würde im Übrigen auch Verschwörungstheorien befeuern. Natürlich, da gebe ich Elena Garbade recht, kann für den Einzelnen eine Krise und das damit verbundene Streben nach Bewältigung eine Weiterentwicklung fördern. Und das kann sich wiederum langfristig positiv auswirken – auch im Sinne einer Neuausrichtung unserer gesellschaftlichen Werte.

Ecirli: Einerseits können wir gerade den Hobbys nachgehen, für die wir vermeintlich nie Zeit hatten. Andererseits können wir uns auch ernsteren Themen widmen: Wie lief mein Leben bisher, bin ich damit zufrieden? Was möchte ich ändern, wofür bin ich dankbar? Es gibt zahlreiche Fragen mehr. Ich empfehle tatsächlich jedem, sich die Antworten zu notieren. Wenn die Coronazeit – hoffentlich bald – überstanden ist, treten die Erkenntnisse schnell in den Hintergrund.

Noch bis vor Kurzem dominierten Greta Thunberg und der Klimawandel die Schlagzeilen. Warum sind Menschen in Sachen Corona zu Einschränkungen bereit, die sie für das Klima nie eingehen würden?

Sülz: In Sachen Klima spüren wir keine direkte Konsequenz …

Garbade: Die Bedrohung durch das Coronavirus ist viel unmittelbarer. Die Zahl der Infizierten und Toten steigt täglich. Jeden Tag sieht man diese Bilder in den Medien. Beim Klimawandel denken viele eher, sie betrifft das nicht mehr.

Für das Klima gingen die Bürger jedoch im Kollektiv auf die Straße. Gleiches gilt für die Zeit nach Terroranschlägen. Wie können wir der Beklemmung nun Luft machen?

Ecirli: Besonders wichtig ist, dass wir uns austauschen, über Telefon, Skype oder E-Mail in Kontakt bleiben. So sehen wir, dass wir mit unserer Betroffenheit nicht alleine sind. Das schafft Erleichterung. Gerade wenn Menschen jetzt zu Hause arbeiten, sollten sie sich klare Arbeits- und Pausenzeiten einräumen. Die Zeit lässt sich trotz allem schön gestalten und mit sich und/oder der Familie genießen. Ich habe von einigen Müttern gehört, dass es schon lange her sei, dass sie mit ihren Kindern so viel Zeit verbracht haben. Das ist eine große Chance – auch um Kreativität zu fördern.

Haben Sie Beispiele?

Garbade: In dieser Krise entwickeln wir alle neue, hilfreiche Ideen: In der Praxis nutzen wir erstmals Videotelefonie, um die ­Patienten weiter zu behandeln. ­Onlinekurse laden dazu ein, im Wohnzimmer statt im Fitnessstudio zu trainieren. Freunde verabreden sich zu festen Zeiten zum Telefonieren oder zu einem Kaffee im Videochat. Oder sie finden sich in Gruppen zusammen und spenden das Geld, das sie sonst für Konzert- und Restaurantbesuche ausgeben, um den lokalen Händlern unter die Arme zu greifen. Das schafft Strukturen, die Halt geben.

Das heißt, neue Rituale helfen?

Sülz: Auch wenn es sich nicht so anfühlt, wir haben viel Kontrolle über unseren Alltag: Zu Hause bleiben, Hygieneregeln einhalten, Rituale etablieren und beibehalten – das ist wichtig und hilfreich. Klar, wir sind Gewohnheitstiere. Jede Veränderung ist unbequem. Aber jeder von uns kann einen Beitrag leisten – für die eigene Gesundheit und das Wohl aller Mitmenschen.

Sie haben einen Wunsch frei: Was dreht sich durch die Krise zum ­Positiven?

Ecirli: Wir haben gerade die Chance, uns auf das Wichtige im Leben zu konzentrieren, auf vieles, das im Alltagstrott oftmals zu kurz kommt.

Sülz: Ich wünsche mir, dass wir den Mut behalten. Es wird weitergehen – auch mit und nach dieser Krise.

"Den Mut behalten" ist einer von vielen Tipps, die Dr. Christoph Sülz parat hat.
"Den Mut behalten" ist einer von vielen Tipps, die Dr. Christoph Sülz parat hat.

Was lehrt sie uns?

Garbade: Letztlich können wir lernen, Konflikte besser auszuhalten. Die werden in den nächsten Wochen sicherlich in einigen Haushalten und Familien dazugehören. Stichwort: Lagerkoller.

Humoristisch veranlagte Menschen prognostizieren eine hohe Scheidungs- oder eine gesteigerte Geburtenrate. Was ist wahrschein­licher?

Garbade: Ich weiß nicht, was deutlicher steigt. Aber ich könnte mir vorstellen, dass wir in beiden Bereichen Zuwächse verzeichnen.

Ecirli: Das sehe ich ähnlich.

Sülz: Wenn es nur diese beiden ­Optionen gäbe, würde ich auf die Geburtenraten setzen.

Das Interview führte Tobias Winkler.


Leserkommentare
Orange am 26.10.2020 21:35
Es ist zu hoffen, daß diese Bewertungen der Experten bei der Exekutive Beachtung finden und daß die Exekutive so vernünftig ist, ihre Pläne zu ...
pl2303 am 26.10.2020 20:07
Meine Söhne waren heute auch in der Schule, keiner hat auch nur ein Wort über die Maske verloren.