Kunstszene der Hansestadt 1 Bremens bekannteste Künstlerin

Hast du schon einmal von Paula Modersohn-Becker gehört? Sie war Künstlerin und lebte vor mehr als 130 Jahren in Bremen. Wir stellen dir die Bremer Stadtikone genauer vor.
23.09.2022, 09:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremens bekannteste Künstlerin
Von Felicitas Schwanemann

Paula Modersohn-Becker wurde am 8. Februar 1876 geboren. Sie hatte noch sechs Geschwister und lebte mit ihrer Familie bis zu ihrem 12. Geburtstag in Dresden. 1888 zog die Familie nach Bremen, in die Schwachhauser Heerstr. 23. Das Haus kann heute noch besichtigt werden. Im Alter von 16 Jahren ging sie auf Wunsch der Eltern zu Verwandten nach England, um Haushaltsführung und Englisch zu lernen. In London bekam Modersohn-Becker auch Kunstunterricht, wo sie täglich von zehn bis sechszehn Uhr im Zeichnen unterrichtet wurde. Hier entwickelte sich ihr Wunsch, Künstlerin zu werden.

Doch das war damals gar nicht so einfach für eine Frau. Denn zu der Zeit war es für junge Frauen üblich, sich einen Ehemann zu suchen und Hausfrau zu sein. Auf Wunsch ihres Vaters machte sie ab 1895 zwar eine Ausbildung zur Lehrerin, doch sie konnte ihre Eltern davon überzeugen, ihr Privatunterricht im Zeichnen und Malen zu bezahlen. Nach dem Lehrerinnenseminar zog sie 1896 nach Berlin, um eine Ausbildung als Malerin zu beginnen. Ein Studium an einer Kunstakademie war Paula Modersohn-Becker als Frau nicht erlaubt, Kunst durften zur damaligen Zeit nur Männer studieren.

Nach einigen Jahren in Berlin zog es die Künstlerin zurück nach Norddeutschland, genauer gesagt in ein kleines Dorf mitten im Moor bei Bremen: Worpswede – du kennst es vielleicht? Es liegt etwa eine halbe Autostunde von der Hansestadt entfernt. Umgeben vom Teufelsmoor mit seinen drei Flüssen Wümme, Hamme und Wörpe lebten in Worpswede vor allem Moorbauern, die ihr Geld mit dem Abbau von Torf verdienten. Torf entsteht im Moor aus Pflanzenresten, die nicht vollständig verrottet sind. Lange Zeit war Torf als Brennstoff sehr beliebt, man nutze es zum Feuern.

Neben den Torfbauern hatte sich auch eine kleine Gruppe von Malern in Worpswede niedergelassen: Die Worpsweder Maler, deren Bilder Paula ­Modersohn-Becker bereits aus der Bremer Kunsthalle kannte. Die junge Malerin war 21 Jahre alt, als sie zum ersten Mal das kleine Dorf besuchte. Eigentlich müsste sie im Kunst- und Zeichenunterricht in Berlin sein, doch ihre Begeisterung für das Moordorf war größer.

Aber warum? Was faszinierte nicht nur Paula ­Modersohn-Becker, sondern auch die Worpsweder Künstlerkolonie an diesem Ort? In ihrem Tagebuch erklärt Modersohn-Becker ihre Begeisterung: „Worpswede, Worpswede, Worpswede! Versunkene-­Glocke-Stimmung! Birken, Birken, Birken, Kiefern und alte Weiden. Schönes braunes Moor, köstliches Braun! Die Kanäle mit schwarzen Spiegelungen, asphaltschwarz. Die Hamme mit ihrem dunklen Segeln, es ist ein Wunderland, ein Götterland.“ In Worpswede gab es keinen Lärm und kein Gewimmel wie in der Großstadt. Die Künstler wollten in Worpswede das naturverbundene, einfache Leben spüren und in ihren Bildern zeigen. 1898 zog auch Paula Modersohn-Becker nach Worpswede. Dort malte und malte sie.

Mit ihrer Art zu malen war Paula Modersohn-Becker ihrer Zeit voraus. Deswegen verstanden damals viele andere ihre Bilder nicht so richtig. Fachleute nennen ihre Kunst expressionistisch. Das bedeutet: Sie wollte Dinge nicht so abmalen, wie sie in Wirklichkeit waren, sondern vielmehr so, wie sie auf die Malerin wirkten.

Häufige Themen in der Malerei von Paula Modersohn-­Becker waren Selbstporträts (das sind Bilder, in denen sich die Künstlerin selbst darstellte), Stillleben (also Bilder von stillen, leblosen Gegenständen wie Tassen, Vasen oder Obst), Landschaften und Kinderdarstellungen. Ihre gemalten Kinder sind gern in der Natur. Sie füllen oft das ganze Bild aus und wirken so riesig. Damals war das ungewöhnlich, denn Kinder wurden häufig nur als Zusatz zu ihren Eltern gemalt. Oder es waren adelige Kinder, die auf Bildern zu sehen waren. Paula Modersohn-Becker zeigte aber die Bauernkinder. Noch dazu malte sie diese in ihrem eigenen Stil – oft mit riesigen Augen und Händen in groben Pinselstrichen und erdigen Farben. Ihre Bilder zeigen auch häufig nur einen speziellen Ausschnitt und wirken ein wenig wie ein Schnappschuss.

1901, mit 25 Jahren, heiratete die Künstlerin den Maler Otto Modersohn, der zu den Worpsweder Künstlern gehörte. Sie lebten zusammen in Worpswede, wo beide an ihrer Kunst arbeiteten. Bereits im Alter von 31 Jahren, sechs Jahre nach ihrer Heirat, starb Paula Modersohn-Becker kurz nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde. Nach ihrem Tod sorgten ihr Ehemann und der befreundete Künstler Heinrich Vogeler dafür, dass Paula Modersohn-Beckers Bilder in Ausstellungen gezeigt wurden.

So wurde ihre Kunst berühmt. Ein Bremer Sammler, der Kaffeekaufmann und Kunstsammler Ludwig Roselius, war so von ihrer Kunst angetan, dass er 1927 sogar ein eigenes ­Museum für sie errichten ließ: Das Paula Modersohn-­Becker Museum war das erste Museum auf der Welt, das dem Werk einer Malerin gewidmet ist und befindet sich noch heute in der Bremer ­Böttcherstraße. Das ungewöhnliche Gebäude aus Backstein mit seinen zwei Türmen, den abgerundeten Ecken und dem höhlenartigen Eingang wurde im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört – aber später fast genauso wieder aufgebaut. Auch heute noch lohnt sich ein Besuch! Hier kannst du dir zahlreiche Werke von der berühmten Künstlerin ansehen.

Ab dem 24. September präsentiert das Haus seine Sammlung in neuer Weise, viele bekannte Werke von ­Modersohn-Becker waren ein Jahr lang nicht in Bremen, sondern an andere Museen verliehen worden. Nun sind sie wieder vereint und zeigen die Vielseitigkeit der modernen Künstlerin. Denn in ihrem kurzen Leben malte Paula Modersohn-Becker sehr viel: Mehr als 700 ­Gemälde und etwa 1500 Zeichnungen sind von der Malerin für die Nachwelt geblieben.

Paula Modersohn-Becker Museum, Böttcherstraße 6, geöffnet dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, Eintritt für Kinder bis 17 Jahren frei, Erwachsene zahlen zehn Euro, ermäßigt sechs Euro.

Info

Kurs des Kinderateliers vom Paula Modersohn-Becker ­Museum: 27. und 28. Oktober, für Kinder von acht bis zwölf Jahren, ­Anmeldung bis 25. Oktober erforderlich, Kosten 50 Euro pro Kind.

Weitere Informationen findest du auch in dem tollen Buch „Paula Modersohn-Becker. Farbe in die Ohren“ von Meike Su, ­Kunstsammlungen Böttcherstraße, mit CD, 88 Seiten, für Kinder ab neun Jahren, 17,95 Euro.

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