Musikszene Bremen

100 Prozent Bremen

Am Anfang war es ein reiner Zweckverein. Vor zehn Jahren gründete sich die Musikszene Bremen aus der Not heraus, um Proberäume zu schaffen.
20.08.2017, 00:00
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Von Linda Bussmann
100 Prozent Bremen

Someday Jacob

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Am Anfang war es ein reiner Zweckverein. Vor zehn Jahren gründete sich die Musikszene Bremen aus der Not heraus, um Proberäume zu schaffen. Viele Bremer Bands suchten eine Heimat – diese wurde im Alten Zollamt am Hansator gefunden. Es war der Beginn eines kreativen Zusammenschlusses von Kulturschaffenden und Musikern – und zugleich die Premiere des „Überseefestivals“, das in diesem Jahr seine Wiedergeburt feiert.

„Es ist unfassbar, dass schon zehn Jahre vergangen sind! Ein bisschen kommt es mir gerade vor wie frisch eingezogen“, sagt André Stuckenbrok, erster Vorsitzender des Vereins. „In den vergangenen zehn Jahren ist unheimlich viel passiert. Es gab vereinsintern viele Veränderungen – gerade im letzten Jahr, als wir den Vorstandswechsel hatten. Wir feiern zudem zehn Jahre ,Überseefestival‘, auch wenn es erst das siebte ist. Aber 2007 haben wir damit angefangen.“ Es brauche viel Engagement, um solch ein Event auf die Beine zu stellen. Aufgrund von internen Meinungsverschiedenheiten und fehlenden Kapazitäten war es nicht möglich, das Festival zu veranstalten. Jetzt, nach einer dreijährigen Pause, ist es wieder so weit – und das zu 100 Prozent bremisch. Nur lokale Künstler werden sich präsentieren. „Das Festival nahm ein bisschen die Tendenz an, groß und überregional zu werden“, so Stuckenbrok. „Aber eigentlich sind wir ja der Verein Musikszene Bremen und wollten das auch wieder stärker in den Vordergrund stellen.“

Das Festival kostet keinen Eintritt, somit fällt auch die Gage für die Künstler relativ schmal aus. Vom Senator für Kultur gibt es Kulturförderung, die einen Bruchteil der Kosten abdeckt. „Der Rest wird durch Sponsoren erzielt“, erklärt Stuckenbrok. „Wobei es sich im Wesentlichen um Sachspenden handelt. Wir kriegen ganz viel Equipment von Institutionen zur Verfügung gestellt, um die Kosten gering zu halten. Die Bands hoffen darauf, dass wir gute Einnahmen erzielen, damit sie dann doch auf ihren erwünschten Gagensatz kommen. Fast die gesamte Crew kommt aus dem Verein und arbeitet freiwillig. Und dann gibt es natürlich noch die Gastronomie, die noch einen großen Teil dazu beiträgt.“

Für diese hat der Verein ein neues Konzept erstellt. „Früher hatten wir in der Regel einen Partner, jetzt haben wir verschiedene Kneipen mit eingebunden, die selbst in der Musikförderung arbeiten“, so der Initiator des Festivals. Gastfeld, Kukoon, Kuß Rosa, Schlachthof-Kneipe, Casa Mia, Papp, Karton, Charlotte, Die Zukunft und Panama beteiligen sich am „Überseefestival“ und betreiben jeweils zu zweit oder zu dritt eine Jurte. „Wir stellen rund um das Gebäude die Zelte auf, immer in einer Kombination aus Essen und Trinken“, beschreibt Stuckenbrok das neue Konzept, bei dem die Gastronomen die Jurten selbst gestalten und mit eigenem Programm beleben. „Zum Beispiel kommt das Gastfeld mit seinem Flixen-Team, die Panama-Bar bringt ein eigenes DJ-Set und Dekoteam mit. Der Schlachthof will auch noch mal was mit Livemusik machen und Die Zukunft veranstaltet eine Talkshow und ein Slammerfilet.“ Hinzu käme noch die Kooperation mit Stadler: „Wir haben einen großen neuen Nachbarn, dessen Grundstück wir freundlicherweise mitbenutzen dürfen. Sie unterstützen uns sehr gut – und machen selbst am Sonnabend einen Kinder- und Familiennachmittag.“

Währenddessen läuft das Hauptprogramm auf zwei Open-Air-Bühnen und in der Zollkantine, dem Herzstück des Vereins, in dem Konzerte, „Open Stages“, aber auch Vereinssitzungen und Workshops stattfinden. 22 Bands treten an den zwei Tagen auf, die Hälfte stammt aus dem Verein und muss das Equipment lediglich vom Proberaum auf die Bühne schaffen. „Wir haben um die 60 Bewerbungen nur aus Bremen bekommen. Und da war einfach so viel Gutes dabei, dass wir eigentlich noch mehr Bands hätten auftreten lassen können“, erzählt Projektassistentin Andrea Rösler. Aus diesem Grund habe es im Vorfeld Warm-up-Veranstaltungen in der Kompletten Palette, im Jurten-Sommer-Camp und Anderswo gegeben. „Weil wir bei manchen Bands, die keinen Platz mehr im Line-up gefunden haben, alle ein bisschen geweint haben“, berichtet Rösler lachend. „Und natürlich, weil wir generell den Kontakt zu anderen Kulturorten und kulturellen Vereinigungen suchen und Netzwerkarbeit auch als Aufgabe sehen.“

So hat sich ein ansehnliches Line-up gebildet mit Bands, die schon überregional wie auch international Bühnenluft schnuppern durften und auf großen Festivals unterwegs sind. Darunter: Anne für sich, Atee, Dare, Dare Deep, Echoschleife, Faakmarwin, Gut Absorber, Ivanca, Jamey Rottencorpse And The Rising Dead, Master And Thieves, Monkey Fist, Nordic Ashtrays, Nuking Moose, Paul, Phaenotypen, Someday Jacob, Swank Think, The Minor Principle, Vladi Wostok, Waran, We Had To Leave sowie die Sieger des „Local Heroes“-Landesfinale Bremen, Pad und die Waschbärbande. „Natürlich sind Bands dabei, die etwas bekannter sind als die anderen. Aber wir haben mit Absicht keine richtige Headlinerfunktion aufgebaut“, so Stuckenbrok. „Alle Gruppen kommen aus Bremen und sind gleich gut. Jeder hat es verdient, an eine Topstelle zu kommen. ­Insofern: 100 Prozent Bremen.“

Zehn Jahre lang hat sich nun die Musikszene Bremen in derselbigen starkgemacht. 40 Proberäume sind entstanden, es gibt rund 260 aktive Mitglieder im Verein, der rund 70 Forma­tionen beheimatet. Damit das so bleiben kann, gibt es in diesem Jahr noch ein großes Unterfangen: „Unser Haus ist nach wie vor gefährdet, wenn wir es nicht kaufen“, berichtet André Stuckenbrok. „Wir arbeiten sehr stark dran, dass wir das hinkriegen. Wir sind mit dem Bauamt im Gespräch, es geht um die endgültige Nutzungsänderung, Denkmalpflege, Schallschutz und Brandschutz – alles, um das Haus sichern zu können.“ Dafür braucht es einen starken Verein. „Viele Musiker haben ihren Proberaum gehabt, waren aber nicht richtig im Vereinsgeschehen eingebunden. Die holen wir jetzt alle wieder zurück und versuchen, sie zu motivieren, dass sie mehr Verantwortung tragen. Deshalb gibt es das „Überseefestival“ wieder und auch die anderen Veranstaltungen die wir über das Jahr ­machen.“

Das „Überseefestival“ findet am Freitag und Sonnabend, 25. und 26. August, am und im Alten Zollamt am Hansator statt. Der Eintritt ist frei. Infos zur Veranstaltung gibt es unter www.ueberseefestival-bremen.de.

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