Celle/Berlin 25 Jahre Mauerfall: Der Niedergang der Altstädte hatte Methode

Celle·Berlin. Nur ein Viertel der heute in Ostdeutschland unter Denkmalschutz stehenden Bauten galten in der DDR als erhaltenswert. Die meisten Gebäude in den Altstädten von Aschersleben und Halberstadt wurden abgerissen.
07.11.2014, 00:00
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Von Joachim Göres

Nur ein Viertel der heute in Ostdeutschland unter Denkmalschutz stehenden Bauten galten in der DDR als erhaltenswert. Die meisten Gebäude in den Altstädten von Aschersleben und Halberstadt wurden abgerissen. „Die DDR setzte auf den Neubau, um das Wohnungsproblem zu lösen. Viele Menschen waren froh, aus ihren prekären Altbauwohnungen in Plattenbauten mit Fernwärme, Badezimmer und warmen Wasser umziehen zu können”, sagt die Architektin Katrin Kanus-Sieber. In anderen historischen Städten wie Naumburg und Quedlinburg sei der Abriss geringer ausgefallen, weil dort Umsetzwohnungen fehlten. Lokale Proteste hätten nichts genutzt. Für Halberstadt, wo ausreichend neue Plattenbauwohnungen gebaut wurden, sei 1989 entschieden worden, die restlichen Fachwerkhäuser komplett abzureißen – die Wende verhinderte dies.

„Ohne die Wende wäre der flächenmäßige Abriss der Altstädte in der ganzen DDR gekommen. Das Holländische Viertel in Potsdam stand vor dem Totalabriss. Es fehlte die ökonomische Substanz zum Erhalt, und es fehlte auch das Fachwissen, nachdem 1972 die privaten Handwerksbetriebe aufgeben mussten”, räumt Detlev Karg ein, von 1975 bis 1991 Hauptkonservator bei der Denkmalpflege Dresden und bis 2012 Direktor des Brandenburgischen Amtes für Denkmalpflege.

„In der DDR gab es eine Fixierung auf den Neubau, Sanierung galt als unproduktiv. In Ost-Berlin galt 1961 nur die Museumsinsel als erhaltenswert”, betont der 93-jährige Ludwig Deiters, bis 1986 Generalkonservator in der DDR. Im Ostteil Berlins wurden unter anderem das Stadtschloss, die Bauakademie, das Schloss Buch, der Gasometer Prenzlauer Berg und diverse Kirchen beseitigt – auch gegen heftige Proteste.

Eine Haltung, die zum Ende der DDR mit beigetragen hat – davon ist Haspel überzeugt: „Die Unzufriedenheit über die Vernichtung der historischen Gebäudesubstanz wurde immer größer, dies förderte die Bildung von Bürgerinitiativen.” Dieser Protest rüttelte letztlich an den Grundlagen der Wohnungspolitik in der DDR. Auf der 10. Tagung des Zentralkomitees hatte die SED 1973 „die Lösung der Wohnungsfrage bis 1990“ als Planungsziel genannt. Tatsächlich konnte sie durch den Neubau von Plattensiedlungen nicht den bewusst in Kauf genommenen Verfall der Altbausubstanz kompensieren. 1990 stammten rund ein Drittel aller ostdeutschen Wohnungen aus der Zeit vor 1919, jede vierte Wohnung hatte Außentoiletten, fast jede zweite Wohnung wurde mit Kohle beheizt.

Für den Eisenhüttenstädter Rechtsanwalt Rolf Henrich ist in seinem im April 1989 veröffentlichten und viel diskutierten Buch „Der vormundschaftliche Staat“ die DDR-Mietpreispolitik ein Grundübel: „In Wahrheit aber war und ist das Festhalten an den Billigmieten, die nur zu einem Drittel kostendeckend sind, das sicherste Mittel, um alle im Privateigentum stehenden Mietshäuser dem Verfall preiszugeben. Es war zu keinem Zeitpunkt zu erwarten, dass die kleinen Hausbesitzer ihre bescheidenen Arbeitseinkünfte oder Renten ohne Aussicht auf Rentabilität in die verfallenden Mietshäuser investieren würden.“

Die Bildung von lokalen Bürgerinitiativen in kleineren Städten, aber auch gerade in Leipzig gegen die Vernachlässigung der Zentren und die rücksichtslose Abrisspolitik, ist letztlich auch eine Reaktion auf die Zentralisierung der Macht – Vertreter von Städten und Gemeinden hatten bei städtebaulichen Themen wenig zu sagen und waren den Vorgaben der zentralistischen Planung unterworfen. Für den Historiker Stefan Wolle ist es „auch kein Zufall, dass Fragen der Bürgerbeteiligung im Herbst 1989 und an den lokalen Runden Tischen 1990 eine wichtige Rolle spielten. Oft bildeten Abrissstopps in den Innenstädten die ersten Maßnahmen der Wendezeit“.

„1990 haben wir in Berlin die Karl-Marx-Allee aus dem Denkmalschutz entlassen. Jetzt haben wir sie zusammen mit dem Hansaviertel für das UNESCO-Weltkulturerbe vorgeschlagen. In 20 Jahren hat es einen radikalen Sichtwechsel bei der Frage gegeben, wie man mit der ersten sozialistischen Straße in Deutschland umgehen soll.” Für Jörg Haspel, Leiter des Denkmalschutzamtes in Berlin, ein Beispiel, wie sich in kurzer Zeit Bewertungen ändern können.

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