Michael Kienzers deutsches Ausstellungsdebüt „Lose Dichte“ im Gerhard-Marcks-Haus

Ästhetik des Profanen

Der schwierigste Punkt bei der Konzeption der Ausstellung, so Michael Kienzer, war der Übergang in den großen Hauptausstellungsraum. Hier dominiert in seiner wuchtigen Präsenz das von Gerhard Marcks selbst entworfene Gitter den Raum.
11.08.2017, 00:00
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Von CN=Kremer\, Marko,OU=Vermarktung,OU=BTAG,OU=Persönliche Accounts,OU=wk,DC=wk,DC=local

Der schwierigste Punkt bei der Konzeption der Ausstellung, so Michael Kienzer, war der Übergang in den großen Hauptausstellungsraum. Hier dominiert in seiner wuchtigen Präsenz das von Gerhard Marcks selbst entworfene Gitter den Raum. „Dem wollte ich etwas entgegensetzen“, sagt Kienzer. Also hat er, der zu den wichtigsten, zeitgenössischen Bildhauern Österreichs zählt, kühn eine eigene Schichtung aus Baustoffen und Glasplatten ganz wortwörtlich dagegen gestellt. „Ich wollte erreichen, dass meine Arbeit mit der von Marcks einen Dialog auf Augenhöhe eingeht, ohne diese zu kaschieren“, resümiert der mehrfach preisgekrönte Künstler. Der Titel von Kienzers deutschem Ausstellungsdebüt, das bis zum 12. November im Gerhard-Marcks-Haus gezeigt wird, ist Programm: „Lose Dichte“. Denn seine Skulpturen scheinen oftmals im Raum zu schweben. Michael Kienzer verbaut in seinen Werken, die zwischen Skulptur, Installation und raumgreifender Architektur changieren, profane, ja lapidare Materialien, wie sie auch in der Industrie verwendet werden. Insofern könnte man beim Anblick dieser kühlen Kunstwerke auch von der Ästhetik des Profanen sprechen.

Die Skulptur, die in der Blickachse zu besagter Schichtung aufgebaut ist, demonstriert offen die physischen Grundlagen der Bildhauerei. Kienzer hat mit flexiblen, schwarzen Gummibändern Glasplatten und Sperrholzlatten zu einem scheinbar frei schwebenden Etwas aneinander gefesselt. An der Wand links davon hat der Bildhauer eine kreisrunde Collage aus gestaffelten Röhrenscheiben in unterschiedlicher Größe und Farbe montiert. „Michael Kienzers Bildhauerei besitzt eine angenehme Medienresistenz. Seine Arbeiten sind eine höchst spannende, zeitgenössische Position,“ resümiert Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses. Die zuweilen etwas spröde Wirkung seiner Kunstwerke entfaltet sich erst bei der tatsächlichen Live-Betrachtung. Die Dreidimensionalität ist auf Fotografien nicht wahrnehmbar. Wenn sich eines von Kienzers Œuvre sagen lässt, dann das: Es ist eine Haltung gegen das Pathos in der Kunst. „Dieses hier ist keine Ausstellung für Bildhauerei-Fachleute“, betont der Direktor, „wir wollen Kienzers Werk für jeden zugänglich machen.“ In Kooperation mit den Studierenden des Studiengangs „Kunst- und Kulturvermittlung“ der Universität ist ein kleines Buch entstanden, das weitere Anregungen für die Werkbetrachtung geben kann. Für einen der Seitenräume des Museums hat der in Steyr geborene und in Wien lebende Künstler eine Konstruktion aus Edelstahl und Aluminium erdacht, die an eine Dach- oder Zeltkonstruktion erinnert. Die scheinbare Geborgenheit wird allerdings von gefährlich anmutenden Metallspitzen unterlaufen, die in das Konstrukt hineinragen und beim Hinschauen förmlich weh tun. Bei der Betrachtung ergeben sich spannende Diagonalen. Michael Kienzer hat seine installationsartigen Skulpturen in Resonanz zu den Räumen des Gerhard-Marcks-Hauses gesetzt. Da gibt es beispielsweise eine Arbeit aus Röhren verschiedenen Durchmessers zu entdecken, die mittels Metallbögen verschraubt sind. Sie erinnert entfernt an Wellenbewegungen. Von den Themen Statik und Gleichgewicht und dem Gegensatzpaar Stabilität und Instabilität geprägt ist die im Raum scheinbar schwerelos und frei schwebende, asymmetrisch gebogene Stange, die der Bildhauer aus verschiedenen Edelstahlstücken miteinander verschraubt hat. Eine gebrochene Eisenbahnschiene, die das Umkippen der Skulptur verhindert, zeigt ganz offen das an, womit bzw. wogegen jeder Bildhauer arbeitet: die Schwerkraft.

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