Neu im Kino: „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ ist eine Liebesgeschichte, die zu viel auf einmal erzählen will

All die einsamen Menschen

Ein Liebespaar, das einen Schicksalsschlag verkraften muss und dessen Beziehung daran zerbricht – davon erzählt „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“. Überzeugen kann der Film, der aus zwei zuvor autonomen Teilen zusammengeschnitten wurde, nicht.
27.11.2014, 00:00
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All die einsamen Menschen
Von Iris Hetscher
All die einsamen Menschen

Zurück im Hörsaal: Eleanor Rigby (Jessica Chastain) verlässt ihren Ehemann Conor, zieht wieder in ihr Mädchenzimmer und studiert so vor sich hin.

PROKINO Filmverleih GmbH, dpa

Ein Liebespaar, das einen Schicksalsschlag verkraften muss und dessen Beziehung daran zerbricht – davon erzählt „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“. Überzeugen kann der Film, der aus zwei zuvor autonomen Teilen zusammengeschnitten wurde, nicht.

Der Auftakt ist vielversprechend: Ein junges, vor Leben und Liebe sprühendes Paar turtelt nachts im Park. Lachend, voller Zukunft, nur ein kleines romantischen Zwicken ist dabei: „Vergiss nicht, es gibt nur ein Herz hier drinnen“, sagt Conor (James McAvoy) zu Eleanor (Jessica Chastain). In der nächsten Szene ist nicht nur sein Herz, sondern auch ihres gebrochen: Eleanor stürzt sich von einer Brücke in den Hudson-River und erwacht im Krankenhaus. Aus einem glücklichen Paar sind zwei Menschen geworden, die nicht mehr miteinander reden geschweige denn leben können – weil ihr kleiner Sohn gestorben ist. Ganz voneinander lösen können sie sich aber auch nicht.

„Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ heißt das Projekt des New Yorker Filmemachers Ned Benson, das bereits beim Toronto-Filmfestival Aufsehen erregt hat. Benson präsentierte dort zwei Filme: Die Version der Geschichte aus Eleanors („Her“) und aus Conors Sicht („Him“). Leider kommt nun aber nicht dieser Doppelfilm ins Kino, sondern eine aus beiden Versionen auf zwei Stunden zusammengestoppelte Fassung („Them“). Und das bekommt „Eleanor Rigby“ nicht gut.

Man merkt dem Film immer noch an, dass er seine aus den Fugen geratene Liebesgeschichte aus radikal subjektiven Perspektiven erzählen möchte: Wie geht „er“ mit dem Schicksalsschlag um, wie „sie“? Mit den beiden Hauptdarstellern hat Benson sich für grandiose Akteure entschieden, die ihr Spiel mit tiefer Emotionalität versehen. Lange bleibt unklar, was genau Eleanor weg von ihrem Ehemann und zurück zu ihren Eltern und an die Uni treibt; Jessica Chastain („Interstellar“, „Zero Dark Thirty“) trägt einen tonnenschweren nagenden Schmerz mit sich herum, der sie irgendwie weiterleben lässt, mehr ist unvorstellbar. Richtig darauf einlassen kann der Zuschauer sich aber nie, weil die zweite Geschichte stets dazwischengrätscht: Conor versucht immer wieder, mit Eleanor Kontakt aufzunehmen. Außerdem hat auch er Probleme: Sein Restaurant steht vor der Pleite, er verliert zunehmend seinen Halt, was sich auf dem Gesicht von James McAvoy („X-Men“) spiegelt: unendlich angestrengt und gleichzeitig verloren schaut er in die Kamera. All die einsamen Menschen, wo kommen sie bloß her – die Geschichten von Eleanor und Conor sind eigentlich die perfekte Illustration für diese Zeile aus dem Beatles-Titel „Eleanor Rigby“. Doch das kann man oft nur ahnen.

Überstrapazierte Generation Y

Zudem hat Benson den Fehler gemacht, seinen beiden Hauptfiguren noch ein weiteres

Thema aufzuhalsen, als wäre ihre zunehmende Melancholie nicht genug für einen Film. Anfang dreißig, in der Krise, zurück unter den Fittichen der (extrem gut situierten) Eltern – da muss dann auch noch die derzeit arg überstrapazierte Generation Y mit ihrer Identitätssuche um die Ecke kommen. Das verwässert die Einzigartigkeit der Geschichte, sodass die ebenfalls großartig besetzten Nebenrollen streckenweise interessanter wirken als das Paar, um das es eigentlich geht. Da ist die sarkastische und witzige Uni-Professorin (Viola Davis), da sind Jessicas Eltern, gespielt von William Hurt und Isabelle Huppert, und da ist Conors Vater (Ciaran Hinds), ein erfolgreicher Gastronom. Allen schaut man gerne zu, und wartet doch ständig darauf, dass der Film endlich einmal durch die Oberfläche in die Tiefe dringt.

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