An der Theke bei Lestra: Der Sommelier bietet 750 Sorten an und hat auch Kunden, die einfach nur Leerdammer wollen Alles Käse

Es gibt den Gouda für 99 Cent. Es gibt auch einen Leerdammer oder den einfachen Camembert. Doch unter den 750 Sorten in der Käsetheke von Lestra sind genauso Raritäten, erlesen und teuer. Besuch am Sonnabendmittag, wenn die Kunden fürs Wochenende einkaufen und sich gerne mal was gönnen.
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Alles Käse
Von Jürgen Hinrichs

Es gibt den Gouda für 99 Cent. Es gibt auch einen Leerdammer oder den einfachen Camembert. Doch unter den 750 Sorten in der Käsetheke von Lestra sind genauso Raritäten, erlesen und teuer. Besuch am Sonnabendmittag, wenn die Kunden fürs Wochenende einkaufen und sich gerne mal was gönnen.

Alles Käse, hier jedenfalls. Der Alkohol steht woanders, in der großen Abteilung nebenan, mit dem vielen Wein und den Spirituosen. Manchmal vermählt sich beides, Käse und Alkohol, und darauf scheint dieser Mann, ein Russe, ganz versessen zu sein. Den Camembert nimmt er mit Calvados, in der zweiten Sorte ist Nusslikör, und diesen kauft er auch noch: Potted Blue Shropshire Cheese, ein Käse aus Kuhmilch, leicht säuerlich im Geschmack und mit Whisky verfeinert. 200 Gramm im dekorativen Keramiktopf, der Preis: 25 Euro. Wie hatte Ben eben gesagt, der Käse-Mann aus den Niederlanden? Was gefällt ihm an Lestra in Bremen am besten, weshalb kommt er immer wieder und baut seinen Stand mit Beemsterkaas auf? „Hier meckern die Kunden nicht über die Preise“, hatte Ben gesagt. Hier werden die Preise gezahlt, fertig.

Sonnabendmittag an der Käsetheke von Lestra, dem Super-Supermarkt in Bremen-Horn. Der Laden hat viel Feinkost im Sortiment, erlesene Ware, das macht ihn so besonders. Eigentümlich deshalb, wie der Markt von außen aussieht, diese Tristesse eines grauen, ungepflegten Betonbaus. Drinnen ist das anders, aber auch nicht so, dass es zeitgemäß wirkt. Decke, Boden, Regale, die ganze Anmutung hängt irgendwo zwischen den 1970er- und 90er-Jahren.

Anders dort, wo die Frischetheken stehen. Alles picobello und auf dem neuesten Stand. Käse, Wurst, Fleisch und Geflügel – 40 Meter, die schwer zu bewältigen sind, wenn es beim Einkauf nur das Nötigste sein soll. Irgendwo bleibt man doch wieder hängen, guck mal, lecker! Am Käsetresen sowieso, er ist vor Jahren mal als bester in ganz Deutschland ausgezeichnet worden.

Ben, weißes Hemd, schwarze Fliege, ein richtiger Herr, wie er an seinem Stand steht und mit der einen Hand am Rücken und der anderen am Tablett seinen Beemster anbietet. „Möchten Sie probieren?“ Er hat eine Art, die passt hierher. Vornehm, zurückhaltend, fast gravitätisch. Ben, der Niederländer, ist 78. Kein Alter, so wie er sich gehalten hat. Und doch ein gewisser Unterschied zu ihm: Tilo Nachtigall, 22 Jahre alt, diplomierter Käsesommelier, und bei Lestra Herr über 750 Sorten.

Käsesommelier – gibt’s so was? Für Wein schon, natürlich, aber bei Käse? Doch wenn Nachtigall erst einmal anfängt zu erzählen und zu jeder Sorte etwas über den Geschmack und die Geschichte verrät – ja, passt schon, dann ist er ein Sommelier.

Nachtigall steht hinter dem zwölf Meter breiten Glastresen und taxiert die Kunden. Ein paar kennt er mit Namen: „Ich grüße Sie, hallo!“. Der Mann, schwarze Brille, blondes Haar, bedient mit Schlips. Er ist jung, und das sieht man ihm an. Wer nicht weiß, dass er hier der Experte ist, könnte ihn für einen Auszubildenden halten. Schwierig, denn die Kundschaft bei Lestra kann sehr speziell sein. Damen und Herren aus den teuren Gegenden der Stadt, aus Horn, Schwachhausen oder Oberneuland, die einen Dünkel haben, nicht alle natürlich, vielleicht die wenigsten, aber es gibt sie.

Diese Dame, oh ja. Schon, dass sie warten muss, weil andere an der Käsetheke vor ihr dran sind. „Geht das hier nicht weiter?“, herrscht sie eine Frau an, die weiter vorne in der Schlange steht. Später wird sie freundlich angesprochen, zweimal, ob sie vielleicht etwas sagen möchte, Reporterfragen. Die Frau straft dieses Ansinnen mit demonstrativer Nichtbeachtung. Pöbel von der Presse, hinfort!

„Hier könnt’ ich mich durchfressen“

Magda Maibaum ist anders. Ein Gespräch? Kein Problem. „Hier könnt’ ich mich glatt durchfressen“, sagt sie mit Blick auf die Käsetheke. Die 81-Jährige ist Stammkundin. „Ich kaufe immer den Stilfser, am liebsten ein Stück aus der Mitte, und meistens bekomme ich das auch.“ Stilfser, nie gehört, aber der Sommelier weiß natürlich schon wieder Bescheid: „Ein Käse aus Südtirol“, sagt Nachtigall, „Stilfser Joch, 48 Spitzkehren, der höchste Gebirgspass in Italien.“

Magda Maibaum mag auch die Cremes, eine mit Honig drin oder die Chili-Creme. Die mit Lachs hat sie auch mal probiert – „nichts für mich, zu fischig“. Sie nimmt zuletzt noch ein Stück vom Roquefort, Blauschimmelkäse. „Den essen die wenigsten.“ Nachtigall nickt: „Ja, leider.“

Schimmelkäse, da muss man sich herantasten. Es gibt ja mehr als nur den Roquefort. „Nehmen Sie ein Stück vom Fourme d’Ambert, der ist deutlich milder und wird aus Kuhmilch hergestellt“, empfiehlt Nachtigall einem Kunden. Der Mann knabbert am Käse und ist überzeugt: „Sehr gut!“

Ein Paar, Mann und Frau, mal junge Leute. Sie wollen keine Creme, keinen Käse mit Whisky und auch keinen mit Blauschimmel – sie wollen Leerdammer, ganz einfach. Nachtigall kann es nicht lassen und offeriert verschiedene Sorten. Die Frau: „Nein, normal bitte, drei Scheiben.“ Leerdammer, das ist wie beim Wein der Lambrusco, nützt aber nichts, der Sommelier schneidet die Scheiben ab und reicht den Käse über die Theke. Er lächelt, ist freundlich, drei Scheiben Leerdammer, warum nicht, bitte sehr!

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