Auswandererhaus in Bremerhaven zeigt eine brisante Ausstellung zur Migrationsgeschichte Als die Deutschen auswanderten

Bremerhaven. Rund eine Million Flüchtlingen sind in diesem Jahr nach Deutschland gekommen, im nächsten Jahr könnten es noch einmal genau so viel werden. In der Politik und unter den Bürgern, wird diskutiert, ob die Flüchtlinge integriert werden können – und wie der Andrang logistisch zu bewältigen ist.
05.12.2015, 00:00
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Als die Deutschen auswanderten
Von Uwe Dammann

Rund eine Million Flüchtlingen sind in diesem Jahr nach Deutschland gekommen, im nächsten Jahr könnten es noch einmal genau so viel werden. In der Politik und unter den Bürgern, wird diskutiert, ob die Flüchtlinge integriert werden können – und wie der Andrang logistisch zu bewältigen ist.

Solche Fragen sind keinesfalls neu, sondern beschäftigten schon in früheren Jahrhunderten verschiedene Generationen. Das belegt eine Ausstellung im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven, die sich aus aktuellem Anlass mit den Folgen von Migration beschäftigt.

Im Mittelpunkt der Sonderausstellung stehen Deutsche, die Anfang des 18. Jahrhunderts über England nach Amerika auswanderten, sowie türkische Einwanderer, die in den 1960er-Jahren nach Deutschland kamen. „Die Debatte über Aufnahmekapazitäten sind nicht neu, sie sind schon damals geführt worden“, sagt Museumsdirektorin Simone Eick.

„Was sollen wir mit ihnen tun?”, fragte beispielsweise der britische Schriftsteller Daniel Defoe, als 1709 mehr als 10 000 Deutsche nach London kamen – im Glauben, Queen Anne würde ihnen Land in den neuen amerikanischen Kolonien schenken. „Was sollen wir mit ihnen tun?”, fragten sich ab 1973 deutsche Politiker, als hunderttausende türkische Gastarbeiter plötzlich ihre Familien nachholten und begannen, sich ein Leben in der Bundesrepublik einzurichten.

Gewollt hatten die Regierungen beider Länder Arbeitskräfte; die eine für ihre neuen Kolonien in Übersee, die andere für ihr westdeutsches Wirtschaftswunder. Gerechnet hatte die deutsche Politik nicht mit den Folgen des Anwerbeabkommens von 1961, die britische Regierung und die Großgrundbesitzer nicht mit dem durchschlagenden Erfolg der Werbeschriften, die sie seit den 1680er-Jahren in deutschen Ländern verbreiten ließen.

Die Ausstellung in Bremerhaven zeigt anschaulich anhand zweier denkbar unterschiedlicher Beispiele, wie das Zusammenleben in einer Einwanderungsgesellschaft aussieht, wenn Migration als reines Instrument wirtschaftspolitischer Maßnahmen behandelt wird.

In beiden Fällen überkreuzen sich die Wünsche und Bedürfnisse der Immigranten mit denen der Regierungen: Die Deutschen in Nordamerika wollten keine Arbeiter, sondern Landbesitzer sein. Die Folge waren Allianzen mit den Irokesen, langjährige Rechtsstreitigkeiten mit den Briten. Türkische Männer und Frauen wollten nicht jahrelang alleine und nur für die Arbeit in der Bundesrepublik leben, sondern gemeinsam mit ihren Kindern und Ehepartnern, die in der Türkei geblieben waren. Sie holten sie nach. Mit ihnen kam viel Fremdes: eine unbekannte Religion, eine neue Sprache und andere Traditionen. Und es begann eine Integrationsdebatte, die bis heute anhält. In beiden Fällen reagierte die Mehrheitsgesellschaft ablehnend, sobald sie das Gefühl hatte, selbst etwas für die Immigranten aufgeben zu müssen.

Die Ausstellung zeigt die Folgen dieser ökonomischen Migrationspolitik auf die gesamte Gesellschaft und nimmt unterschiedliche Perspektiven ein: die Haltung der Immigranten, der Regierungen und der Mehrheitsgesellschaft. Das Zusammenleben der Irokesen mit den Deutschen und anderen europäischen Siedlern im Hudson Valley nördlich von New York dokumentieren in der Schau beispielsweise Alltagsobjekte aus dem New York State Museum in Albany: holländische Teetassen, aus denen Irokesen und Deutsche tranken; Perlen, mit denen die Europäer den Irokesen die Biberfelle „abkauften”, darunter auch Fälschungen, mit denen die Europäer betrogen; Glasflaschen, die den für die Indianer so gefährlichen Schnaps enthielten.

Gut erhalten sind noch Dokumente in deutschen, britischen und amerikanischen Archiven, die als Originale in der Schau zu sehen sind: Zeitgenössische Briefe und Bücher lassen die Wünsche der deutschen Migranten ebenso wieder lebendig werden wie ihre Enttäuschung darüber, dass man ihnen, den fremden Bittstellern, die Erfüllung ihrer Wünsche oft versagte.

Die Ausstellung ist vom 7. Dezember bis zum 31. Mai 2016 zu sehen. Öffnungszeiten täglich von 10 bis 17 Uhr (außer 24. Dezember). Auch an den Feiertagen geöffnet.

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