Lüneburg Angeklagter versucht zu erklären, wie Auschwitz möglich war

Lüneburg. Oskar Gröning bittet um Entschuldigung. Er habe nicht bedacht, „wie furchtbar“ die Worte für die Auschwitz-Überlebenden und die Angehörigen der Opfer klingen mussten, die er vor Gericht verwendet hat.
02.07.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Wiebke Ramm

Oskar Gröning bittet um Entschuldigung. Er habe nicht bedacht, „wie furchtbar“ die Worte für die Auschwitz-Überlebenden und die Angehörigen der Opfer klingen mussten, die er vor Gericht verwendet hat. Der frühere SS-Mann sagt im Gerichtssaal: „Es war nicht meine Absicht, ihre Gefühle zusätzlich zu verletzen. Hierfür bitte ich um Entschuldigung.“

Gröning spricht an diesem 13. Verhandlungstag, dem wohl letzten, bevor die Plädoyers beginnen, nicht selbst. Er lässt seine Anwältin Susanne Frangenberg sprechen. Fünf Seiten liest sie für ihn in Ich-Form vor. Darin entschuldigt sich Gröning nun für seine Sätze zu Beginn des Prozesses. Sätze, die verstörten und jede Empathie für die Opfer vermissen ließen. Gröning verlor sich in Erinnerungen, sprach von Menschen, die „versorgt“ wurden, wenn er ermordet meinte. Es waren Anekdoten aus Auschwitz, im Plauderton vorgetragen.

Ob Gröning selbst Anlass sah, seinen früheren Worten Erklärendes hinzuzufügen, oder ob es die Idee seiner Verteidiger war, bleibt unklar. Dass Gröning am Mittwoch nicht selbst spricht, erklärt Anwalt Hans Holtermann mit der starken Belastung, die das Verfahren für seinen Mandanten bedeute.

Gröning bekennt sich auch an diesem Tag zu seiner moralischen Schuld. „Mir ist bewusst, dass ich mich durch meine Tätigkeit in der Häftlingsgeldverwaltung am Holocaust mitschuldig gemacht habe“, sagt er und fügt hinzu: „mag mein Anteil auch klein gewesen sein“. Er sagt: „Auch wenn ich unmittelbar mit diesen Morden nichts zu tun hatte, habe ich durch meine Tätigkeit dazu beigetragen, dass das Lager Auschwitz funktionierte.“ Die Aussagen der Auschwitz-Überlebenden im Prozess hätten ihn „außerordentlich stark beeindruckt“. „Ich hatte zum Beispiel keine Ahnung von den fürchterlichen Zuständen während der Transporte. Das hat mich erschrocken“, trägt Frangenberg vor.

Die Auschwitz-Überlebende Irene Weiss berichtet an diesem Tag erneut davon. Sie war 1944 als 13-Jährige in einem Viehwaggon, zusammengepfercht mit 80 anderen, nach Auschwitz deportiert worden. Ihre Eltern und vier Geschwister überlebten das Todeslager nicht. Irene Weiss musste neben den Gaskammern das Gepäck der Deportierten sortieren. Tag und Nacht hörte sie die Schreie der Sterbenden.

Dann spricht sie Gröning direkt an. Dass er sich „nicht als Täter, sondern nur als Rädchen im Getriebe“ sehe, mache für sie keinen Unterschied. „Wenn er heute hier säße in seiner SS-Uniform, würde ich zittern, und all der Horror, den ich als 13-Jährige erlebt habe, wäre wieder da.“ Sie sagt: „Für dieses 13-jährige Mädchen steht jeder, der diese Uniform an diesem Ort trug, für den Terror und für die Tatsache, wie tief die Menschheit sinken kann.“ Sie sagt: „Und heute empfinde ich noch ganz genauso.“

Gröning hatte sich zuvor an einer Erklärung versucht, wie es ihm möglich war, in Auschwitz Dienst zu tun. Er spricht von „Verdrängung“, „Gewohnheit“ und der „Bequemlichkeit des Gehorsams“. Schließlich sagt er: „Dieser uns anerzogene Gehorsam verhinderte, die tagtäglichen Ungeheuerlichkeiten als solche zu registrieren und dagegen zu rebellieren. Es ist nach heutigen Maßstäben nicht zu fassen.“

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