Interview mit Annett Louisan

Annett Louisan: „Ich bin Geschichtenerzählerin“

Ihr Song „Das Spiel“ machte sie 2004 berühmt. Seitdem hat die deutschsprachige Sängerin Annett Louisan acht Alben veröffentlicht. Ihr neuestes, das Doppelalbum „Kleine große Liebe“, erscheint am 29. März.
28.03.2019, 14:45
Lesedauer: 5 Min
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Von Nadine Wenzlick
Annett Louisan: „Ich bin Geschichtenerzählerin“

Die Sängerin Annett Louisan veröffentlicht mit "Kleine große Liebe" ihr achtes Album. Am 13. November präsentiert sie es auch im Bremer Metropol-Theater.

Christoph Koestlin

Frau Louisan, seit Ihrem letzten regulären Album sind fünf Jahre vergangen. Waren Sie danach so inspiriert, dass Sie nun gleich ein Doppelalbum aufgenommen haben?

Annett Louisan: Ich habe in den Jahren nicht nur viele Songs geschrieben, ich bin auch durch eine ganz besondere Lebensphase geschritten, die mich zu vielen Geschichten inspiriert hat. Als ich dann versucht habe, Lieder für ein neues Album auszuwählen, habe ich gemerkt, dass es mir schwerfällt. Ich hätte so viele musikalische Kompromisse machen müssen, wollte aber auch keinen Song wegstreichen, weil alle zusammen ein großes Bild ergeben. Die Idee eines Doppelalbums ermöglichte es mir, meine künstlerische Vision vollständig umzusetzen. Zum einen konnte ich mir als Chanson-Sängerin treu bleiben, zum anderen meine Sehnsucht nach Popmusik mal so richtig ausleben.

Tatsächlich wirkt Ihr Album wie eine Bestandsaufnahme. Hatten Sie das Gefühl, Sie müssen sich mit einigen Dingen auseinandersetzen?

Eigentlich ist das ein totales Klischee, aber genauso ist es bei mir gewesen. Die erste kleine, wenn man das so nennen kann, Midlife-Crisis kurz vor der 40, in der Mitte des Lebens, die einen dazu anhält, sich näher mit sich selbst und mit seiner Vergangenheit zu beschäftigten und auch Fragen aufwirft wie: Was passiert in den nächsten 20 Jahren? Irgendwie waren die letzten Jahre Übergangsjahre. Die tun manchmal ein bisschen weh, so wie Wachstumsschmerzen, aber sie sind natürlich auch ganz wichtig und großartig. Den Liedern hört man das an. Sie sind sicher auch ein bisschen therapeutisch. Ich habe mich mit meiner Herkunft befasst, meiner Vergangenheit, meiner Kindheit, mit meiner Mutter.

Den Song „Meine Kleine“ singen Sie aus der Sicht Ihrer Mutter, die Sie im Alter von nur 20 zur Welt brachte.

Inspiration für den Song waren viele Briefe, E-Mails und SMSen, die sie mir in den letzten Jahren geschrieben hat. Die Tatsache, dass unsere Beziehung zwar innig, jedoch nicht immer unproblematisch war, hat mich dazu veranlasst, die Dinge einmal aus ihrer Sicht zu betrachten und Verständnis dafür zu entwickeln. Man fällt als Kind ja immer wieder in so Muster zurück, ist vielleicht wütend, dass bestimmte Dinge passiert sind. Ich wollte loslassen, verzeihen und irgendwie neu anfangen, ihr neu begegnen.

Wie war das damals, im Osten, auf dem Dorf, mit einer alleinerziehenden Mutter?

Es war bestimmt nicht einfach für meine Mutter, alleine, in einer dörflichen Gegend, so jung ein Kind großzuziehen. So viele Träume, Wünsche und Bedürfnisse, die hintenanstehen müssen. Natürlich kann ein Kind nichts dafür. Eins habe ich gelernt, weil ich jetzt selbst Mutter bin: Wir sind alle nur Menschen. Und jede Mutter versucht, die beste Mutter der Welt zu sein, auch wenn das nicht immer gelingt.

Auch die Wende und Ihren Umzug nach Hamburg im Alter von zwölf verarbeiten Sie auf dem Album, nämlich in „Straße der Millionäre“. Warum?

Das ist so ein wichtiges Thema für mich, ich wollte schon ganz lange ein Lied über den Mauerfall schreiben, eines der eindrücklichsten, großartigsten Erlebnisse in meinem Leben. Die Zeile „Straße der Millionäre“ geht auf ein persönliches Erlebnis zurück, das sich in unserem Dorf zugetragen hat, als eines Tages diese Briefwurfsendungen „Sie sind Millionär“ im Postkasten waren. Wir lebten damals in einem Plattenbau und ein Kind kam auf den Spielplatz gerannt, das meinte, sie hätten gewonnen, sie seien jetzt Millionäre. Wir Kinder sind alle völlig ausgerastet vor Freude. Irgendwann kam dann raus, dass natürlich alle im Block die Werbung bekommen hatten. Ich werde diese wunderschöne, aufregende Zeit immer in meinem Herzen tragen. Die Wende war der erste große Bruch in meinem Leben – das hat etwas mit mir gemacht.

Und zwar?

Naja, dass so etwas überhaupt passieren kann, dass sich das Leben so stark verändern kann. Alles brach zusammen, aber gleichzeitig herrschte so eine Aufbruchstimmung. Für ein paar Wochen war auch in der Schule nichts mehr wie vorher. Familien waren auf einmal weg, weil sie weggezogen sind. Unser Umzug nach Hamburg war natürlich auch krass: Vom Land in die Stadt, von der Kindheit in die Pubertät und vom Osten in den Westen. Dadurch bin ich als vorher vorlautes und sehr altkluges Kind erst mal enorm introvertiert geworden. Das steckt bis heute in mir, ich bin sekundär extrovertiert. Ich muss mir erst mal in Ruhe alles anschauen und dann zünde ich die Rakete.

Als jemand, der das Gefühl kennt, an einem fremden Ort ein neues Leben aufbauen zu müssen: Mit welchen Gefühlen beobachten Sie die Flüchtlingsdebatte in Deutschland?

Das macht mir große Bauchschmerzen. Als Künstlerin frage ich mich immer: Wie gehe ich damit um? Ich habe während eines Konzertes in bestimmten Städten schon oft einen Spruch gegen die AfD fallen lassen, und da schwang dann plötzlich leichter Missmut durch den Raum. Den richtigen Weg zu finden, wie man Position bezieht, ohne die Leute zu belehren, ohne dass sie sofort zu machen und sich missverstanden fühlen, ist sehr schwer. Ich bin keine Lehrerin und kein Vorbild, ich bin Geschichtenerzählerin. Das traue ich mir zu. Ich mache Politik im Kleinen.

Auch von Ihrer Tochter singen Sie auf dem Album. Wie hat das Muttersein Sie verändert?

Das hat mein Leben echt auf den Kopf gestellt und verändert bis ins Mark. Jeden Tag entdecke ich neue kleine Puzzlestücke, verstehe das Leben noch mal neu und vor allem lerne ich mich selbst neu kennen. Ich bin als Mutter doch anders, als ich gedacht hätte. Ich bin viel mehr Glucke, als ich jemals sein wollte (lacht).

Singen Sie eigentlich für Ihre Tochter?

Ja, aber keine Annett-Louisan-Lieder (lacht). Die lernt sie früh genug kennen. Ich greife erstmal zurück auf das ganz alte Repertoire, die alten Volkslieder und Kinderlieder. Das macht schon Sinn, dass die sich über Jahrhunderte von Mund zu Mund weitergetragen haben. Ich bin ein großer Fan von Volksliedern.

Wann hat das mit dem Singen bei Ihnen angefangen?

Meine Mutter sagt, ich habe gesungen, bevor ich gesprochen habe. In unserem Schlafzimmer stand ein Wandschrank – da bin ich dann immer rauf, habe es mir gemütlich gemacht und habe gesungen. Stundenlang, Fantasie-Englisch-Lieder aus dem Radio. Das war wie eine Art Meditation. Ich sehne mich manchmal nach dieser Art des Musizierens zurück. Denn wenn man das professionell macht, mit Publikum, ist es nicht immer einfach, diesen Zustand zu erreichen.

Apropos professionell: Ihr erstes Album war eins der am schnellsten verkauften Debütalben. Läuft man so einem Erfolg hinterher, ob man will oder nicht?

Das stimmt schon, aber wichtiger als der Erfolg war mir immer, dass ich ernst genommen werde. In die Schublade gepackt zu werden, als die Kleine, die blonde Lolita, eine Marionette, war viel schlimmer. Andererseits hat das auch etwas Gutes mit mir gemacht: Es hat mich motiviert. Und es hat mich angetrieben, immer wieder dazuzulernen und mich weiterzuentwickeln.

Das Gespräch führte Nadine Wenzlick.

Info

Zur Person

Annett Louisan (41) ist eine deutsche Sängerin, die ihren Durchbruch 2004 mit dem Song „Das Spiel“ hatte. Mit „Kleine große Liebe“ veröffentlicht die Wahlhamburgerin am Freitag ihr mittlerweile achtes Studioalbum.

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