25 Jahre Mauerfall: Wie das Thema anlässlich des Jubiläums in Schulklassen behandelt wird Anschaulich dank Zeitzeugen und Lego

Im Lehrplan ist es eigentlich nur in bestimmten Jahrgängen vorgesehen. Doch anlässlich von 25 Jahren Mauerfall wird das Thema derzeit auch in anderen Bremer Schulklassen von Lehrern behandelt. So zum Beispiel von Ingo Matthias: Im Alten Gymnasium versucht er Achtklässlern, die für sie abstrakte Zeit näherzubringen.
25.10.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Anschaulich dank Zeitzeugen und Lego
Von Marius Merle

Im Lehrplan ist es eigentlich nur in bestimmten Jahrgängen vorgesehen. Doch anlässlich von 25 Jahren Mauerfall wird das Thema derzeit auch in anderen Bremer Schulklassen von Lehrern behandelt. So zum Beispiel von Ingo Matthias: Im Alten Gymnasium versucht er Achtklässlern, die für sie abstrakte Zeit näherzubringen.

Gespannt richten die Schüler ihre Blicke auf das Modell aus Lego. Im linken, westlichen Teil zeigt es eine grüne Wiese, im rechten, östlichen eine graue Landschaft mit Wachturm, Scharfschützen und vermintem Boden. Getrennt werden beide Teile durch eine Mauer – die Berliner Mauer. Das Modell zeigt einen Grenzstreifen, wie er fast 30 Jahre bis 1989 in Berlin existiert hat. Die Lego-Darstellung dient den Achtklässlern des Alten Gymnasiums in Bremen als Anschauungsobjekt. Denn in der Realität hat das geteilte Deutschland keiner der Schüler miterlebt.

Ganz anders ihr Lehrer Ingo Matthias. „Ich habe natürlich viele, teils auch emotionale Erinnerungen an den Mauerfall und die Zeit davor“, sagt der Pädagoge. Und genau da liegt für den Deutschlehrer auch eine gewisse didaktische Herausforderung bei diesem Thema. „Anders als für mich ist das Thema für die Schüler etwas Abstraktes, wie für mich etwa die Kaiserzeit“, erklärt Matthias. Also gelte es für ihn als Zeitzeugen, das Thema der nächsten Generation mit einfachen Mitteln anschaulicher und begreiflicher zu machen.

Hierfür wählt er, vor dem Lego-Modell stehend, einen Vergleich: „Stellt euch vor, plötzlich wäre Bremen durch eine Mauer an der Weser in zwei Teile geteilt. Und die Einwohner links des Flusses könnten nicht mehr in Kontakt zu denen rechts davon treten – auch nicht durch neuartige Technik wie SMS oder Skype.“ Diese Vorstellung, dass plötzlich Familien und Freundschaften auseinandergerissen werden, stimmt einige der Schüler sichtlich nachdenklich. „Krass, dann könnten wir uns ja gar nicht mehr sehen“, sagt ein Jugendlicher zu einem Freund.

Normalerweise werden die Thematiken rund um die Berliner Mauer laut Plänen des Bremer Landesinstitutes für Bildung erst in späteren Klassen behandelt. „Doch ich dachte mir, das Thema anlässlich des Mauerfall-Jubiläums schon jetzt einmal aufzugreifen“, so Matthias. Die Klasse liest den Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ von Thomas Brussig, in dem der Protagonist auf DDR-Seite in unmittelbarer Nähe zur Berliner Mauer lebt. Begleitend dazu halten die Schüler Vorträge zu Themen rund um die DDR und die Mauer.

„Ich finde es wichtig, etwas darüber zu wissen, und manches davon hat mich wirklich sehr überrascht“, lobt der 13-jährige Levin Holsten den unplanmäßigen Exkurs von Matthias. An diesem Tag referieren zwei Schülergruppen über die Entwicklungen in der DDR bis zum Mauerfall. Die Unsicherheit mit dem bislang fremden Thema ist einigen noch anzumerken. Ein Beispiel: Gleich in zwei Fällen brauchen Schüler Hilfe dabei, den Namen „Honecker“ korrekt auszusprechen.

Einer der Vorträge endet mit einem selbst produzierten Video, in dem auch zwei Bremer Passanten als Zeitzeugen zu Wort kommen. Ausführlich berichten sie darüber, wo und wie sie den Mauerfall vor 25 Jahren erlebt haben.

Auffällig ist bei beiden Schüler-Vorträgen der von ihnen gesetzte Schwerpunkt auf die Ost-West-Flucht. „Das ist einfach eine spannende Sache“, begründet einer der Jugendlichen seine Wahl. Und so geht es viel um Flüchtlingszahlen und die damaligen Wege und Gefahren, um in den Westen zu gelangen. Für viele der Jungen und Mädchen ist es das erste Mal, dass sie über das Thema sprechen, da es im familiären Umfeld bisher nur sehr vereinzelt zur Sprache kam – zumindest bis zur letzten Hausaufgabe. Denn die lautete, die eigenen Eltern über ihre Mauerfall-Erlebnisse zu befragen.

Die Antworten tragen sich die Schüler im Anschluss an die Vorträge nun gegenseitig vor. Sie fallen oftmals ähnlich aus: Der Großteil der Eltern habe die damaligen Ereignisse vom 9. auf den 10. November vor dem Fernseher verfolgt. „Erschreckend“, „überraschend“ oder „unwirklich“ sei es laut einigen dieser Erinnerungen damals gewesen. Auch von „vor Freude geweint“ ist die Rede. Besonders nah dran am Geschehen war die Mutter von Levin Holsten. „Sie hat zu Zeiten des Mauerfalls in unmittelbarer Nähe in West-Berlin gewohnt und mir daher auch davor schon einmal davon erzählt“, so der 13-Jährige.

Die Elternbefragung ist für Matthias ein wichtiger Teil des Unterrichtsblocks. „Im Vergleich zu vielen anderen geschichtlichen Themen haben wir zum Mauerfall noch zahlreiche Zeitzeugen. Und es ist wichtig, das zu nutzen, so lange es noch geht“, sagt der Lehrer. Das findet auch die 13-jährige Emma Pappiér. Sie sagt, dass es wichtig sei, auch aus erster Hand etwas über das damals Geschehene zu hören. „So wird es auch von unserer Generation nicht vergessen, und wir können daraus lernen.“ Damit sich das Szenario des Lego-Modells nicht mehr wiederholt.

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