"Tatort"-Rezension Anstrengende Inszenierung

München. Der WESER-KURIER rezensiert den Sonntagskrimi. Dieses Mal hat Sarah Haferkamp den "Tatort" "Aus der Tiefe der Zeit" angeschaut.
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Anstrengende Inszenierung
Von Sarah Haferkamp

Es hätte so schön werden können: Ein knackiges, sozialkritisches Thema gespickt mit einem Mordfall, und fertig ist der neue Sonntagskrimi. In München jedoch läuft alles anders – und das hat Auswirkungen auf die Zuschauer.

Wer bei diesem Tatort auch nur zwei Minuten die Couch verlies, hatte den Anschluss verloren, denn dieser Krimi hatte es im wortwörtlichen Sinne in sich. Von einer mutmaßlichen Raubmord-Geschichte entwickelte sich der aktuelle Fall von Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) zu einem 1-A-Psycho-Familiendrama. Am Ende standen vier Tote auf der Liste – doch nur einer von ihnen wurde tatsächlich ermordet. Bis zu dieser Erkenntnis kämpft sich der Zuschauer jedoch durch einen Dschungel aus Bildschnitten, Zooms und Zwei-Spur-Tönen.

Eines ist klar: Regisseur Dominik Graf steht nicht auf Tatort-Kult. Er geht bewusst andere Wege. Er zieht Szenen vor und bricht lineare Handlungsstränge auf. Dabei herausgekommen ist ein hektischer Film. Das tut der Geschichte nicht gut und den Augen und Ohren des Betrachters noch weniger. Auch in der Erzählung wird zu viel Stoff verarbeitet: Gentrifizierung, Korruption, politische Machtspielchen und eine Familie, deren Reichtum auf einer grausamen Tat basiert. Graf bringt all dies in einem einzigen Film unter. Andere hätten zumindest eine Zwei-Folgen-Geschichte daraus gemacht.

Aus diesem Krimi-Chaos sticht Meret Becker grandios hervor. Wer, wenn nicht sie, hätte die Rolle der schizophrenen Liz Bernard besser verkörpern können? Einfühlsam und wahnsinnig, mal blond, mal dunkelhaarig gibt sie der Figur ein authentisches Gesicht.

Grandios ist auch Grafs metaphorische Inszenierung der bröckelnden Fassade der Familie Holzer. Immer wieder deuten Vermessungen im Garten darauf hin, dass deren Villa zur Isarseite hin instabil ist. Am Ende stürzt das Gebäude dann tatsächlich zum Teil ein. Dem Zuschauer wird klar: Diese Familie hatte die ganze Zeit keinen festen Boden unter den Füßen. Ein schönes Bild.

Dennoch: Gerade zum Ende des Krimis gewinnt man den Eindruck, dass Graf sichtlich Mühe hatte, seine verworrene Geschichte aufzulösen, und so bleibt nur ein einziges Fazit. Dieser Tatort war anstrengend, aber trotzdem spannend.

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