Neu im Kino: In der poetischen Komödie „Café Olympique“ darf die Hauptfigur ihr Leben einfach mal umkrempeln

Ariane, die Schildkröte und die Träume(r)

Bremen. Die Menschen sind weiß, die Bäume sind weiß, die Autos sind weiß. Die Kamera fährt aus dieser Computersimulation in einen Hofeingang hinein, umkreist einen perfekt gestyten Patio, und einige kühle Farben kommen hinzu – weiter geht’s in das moderne Apartment von Ariane.
24.12.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Ariane, die Schildkröte und die Träume(r)
Von Iris Hetscher
Ariane, die Schildkröte und die Träume(r)

Idylle mit Schildkröte: Ariane (Ariane Ascaride) und der melancholische Wirt des „Café Olympique“, Denis (Gérard Meylan).

VERLEIH

Die Menschen sind weiß, die Bäume sind weiß, die Autos sind weiß. Die Kamera fährt aus dieser Computersimulation in einen Hofeingang hinein, umkreist einen perfekt gestyten Patio, und einige kühle Farben kommen hinzu – weiter geht’s in das moderne Apartment von Ariane. Hier schließlich kommt die Kamera komplett in der Wirklichkeit an: Ariane stellt eine Schokoladentorte mit Kerzen auf den Tisch. Doch ihre Geburtstagsparty fällt aus – die Gäste hinterlassen Glückwünsche auf dem Anrufbeantworter, aber nein, Zeit zum Vorbeikommen hat man nicht. Da schnappt sich Ariane ihren Autoschlüssel und fährt mit ihrem grünen Mini ins Blaue hinein.

So beginnt der Film „Café Olympique – Ein Geburtstag in Marseille“, in dem Regisseur Robert Guédigian („Schnee am Kilimandscharo“) die märchenhafte Geschichte einer Frau erzählt, die aus ihrem langweiligen Alltag ausbricht. Ariane (Ariane Ascaride) lernt einen Motorradfahrer kennen, der sie in das „Café Olympique“ mitnimmt – einen Ort direkt am Meer. Und wie das so ist im Märchen: Das Café ist bevölkert von vielen Menschen, die ein Gegenentwurf zu Arianes perfekter Welt sind und eher am Rand der Gesellschaft leben. Da gibt es den melancholischen Wirt mit der Vorliebe für die Chansons von Jean Ferrat, den mittellosen, selbst ernannten Gelehrten, den alle nur „der Amerikaner“ nennen, die Prostituierte Lola und den Andenkenverkäufer Martial, der aus Afrika stammt und einst im naturkundlichen Museum gearbeitet hat. Eine lockere Gemeinschaft, die instinktiv weiß, was sie aneinander hat. Für Ariane ist das „Café“ ein magischer Ort, von dem sie nicht mehr wegkommt. Das hat zunächst ganz praktische Gründe: Zwei Burschen auf einem Moped klauen ihre Tasche mit Papieren, Schlüssel und Portemonnaie. Aber wer braucht so etwas schon, wenn man auf einem alten Fischerboot schlafen kann und sich mit der Café-eigenen Schildkröte über Alltagsphilosophie austauscht.

Guédigian hat keinen Disney-Kitsch imitiert, sondern erzählt von einer Utopie, in der Träume(r) ihren Raum haben, die aber durchaus Ecken und Kanten aufweist. Die Menschen kennen Ängste und Verzweiflung, Einsamkeit und Eifersucht. Und doch strahlt alles im „Café“ vor allem eine umfassende Liebenswürdigkeit aus, die meilenweit entfernt ist von der aseptischen Sorglosigkeit, die Arianes altes Ehemann-zwei-Kinder-Reihenhaus-Leben bestimmte. Und schließlich besinnt sich Ariane darauf, dass ihre Mutter Varieté-Sängerin war – und sieht sie ihr nicht auch zum Verwechseln ähnlich?

Guédigian lässt die Sehnsuchtskulisse des Mittelmeers diese poetische und sehr sympathische Geschichte illustrieren, gerne schweift die Kamera übers Meer. Außerdem hat er seinem Film einen Soundtrack mitgegeben, der es in sich hat: Verdi, Rossini, Schuberts „Forellenquintett“, Pergolesis „Stabat Mater“, natürlich viele Chansons von Jean Ferrat. Ob Ariane bleibt oder wieder geht, soll hier nicht verraten werden – der Schluss birgt eine Überraschung für sie.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+