150 Scouts erfassen in Hamburg Barrieren, die die Mobilität vieler Menschen einschränken

Auf der Suche nach Hindernissen

Wer als Rollstuhlfahrer oder mit Kinderwagen in Hamburg unterwegs ist, stößt schnell an Grenzen. Treppenstufen, enge Gehwege, Schotter, fehlende oder defekte Fahrstühle sorgen für eine eingeschränkte Mobilität.
03.06.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Mona Adams

Wer als Rollstuhlfahrer oder mit Kinderwagen in Hamburg unterwegs ist, stößt schnell an Grenzen. Treppenstufen, enge Gehwege, Schotter, fehlende oder defekte Fahrstühle sorgen für eine eingeschränkte Mobilität. Der Verein „Barrierefreies Hamburg“ zeigt die Barrieren auf. Zwei Drittel der Stadt sind schon erfasst.

Über armdicke Seile gelangen die Kinder zum Heißluftballonkorb auf einem kleinen Hügel. Direkt daneben geht es über einen Netztunnel zum benachbarten Hügel mit Rutsche oder über Holzelemente auf einen nachgebauten Raddampfer. Der Spielplatz „Geheimnisvolle Insel“ in Wilhelmsburg ist etwas ganz Besonderes und allemal einen Besuch wert. Nina Grabbe und Sabrina Velten haben den Spielplatz erreicht. Der lange asphaltierte Weg zum Sandspielplatz wird genau begutachtet. Ist er breiter als 1,50 Meter und damit entspannt für Rollstuhlfahrer passierbar? Nina Grabbe setzt das Häkchen auf ihrem Fragebogen bei „Ja“. Dann laufen die Frauen weiter. Sie erfassen die Ausstattung des Spielplatzes, anschließend begutachten sie die Infrastruktur. Die 600 Meter entfernte S-Bahnstation ist mit einem funktionstüchtigen Fahrstuhl ausgestattet. Alles halten sie auf einem Fragebogen fest.

Die beiden Frauen sind Barrierescouts. Jedes Geschäft und jedes Kaufhaus der Stadt suchen sie auf. Sie gehen in Behörden, in Kneipen und besuchen Sportstätten, kümmern sich um Museen, Theater, aber auch um Arztpraxen und Krankenhäuser, dazu kommen Straßen, Parks und öffentliche Plätze. 150 sogenannte Barrierescouts sind in Hamburg unterwegs. Das Ziel: Alle Barrieren der Stadt erfassen.

Die Idee dazu kam Projektleiter Axel
Staeck vor rund zehn Jahren. Der Agenturbesitzer stieß nur durch Zufall auf das Thema und ärgerte sich. „Die Menschen sollen ihr Leben nicht danach richten, wo sie hinkommen, sondern wo sie hinwollen.“ Er wollte helfen, Barrieren aufzeigen. Mittlerweile arbeiten 150 Kräfte an drei Standorten daran, Hamburg zu erfassen. Knapp 40 000 Datensätze, davon allein 2220 Ärzte, sind auf barrierefreieshamburg.de schon einsehbar, zeigen anhand von Stadtteilen die Zugänglichkeit von Einzelhandelsgeschäften, Behörden und öffentlichem Raum samt Grünflächen. Jeder Ort wird doppelt erfasst, bevor er auf der Internetseite einsehbar ist.„Wir haben das Problem, dass rund 15 bis 18 Prozent nach einem Jahr überholt ist“, erklärt Staeck. Heißt: ständig nachscouten. Denn kein Dokument in der Datenbank soll älter als zwei Jahre sein.

Ermöglicht wird diese Arbeit durch die vom Jobcenter finanzierten Arbeitsgelegenheiten für Bezieher von Arbeitslosengeld II, den sogenannten Ein-Euro-Jobbern. Nina Grabbe und Sabrina Velten geht es bei ihrer Arbeit nicht ums Geld, vielmehr um eine sinnvolle Aufgabe, eine langsame Rückführung in den Berufsalltag. Sabrina Velten arbeitete vor ihrem Burn-out und anschließender Arbeitslosigkeit als Detektivin und Servicekraft in einer Kaufhauskette. Die 31-Jährige stammt aus einer schwierigen Familiensituation, lebte nach dem Heim eine Zeit sogar auf der Straße. Eine Ausbildung will sie nachholen, doch erst muss sie in den Berufsalltag zurückfinden. Nina Grabbe und Sabrina Velten können sich ihre Arbeit weitestgehend frei nach Interessen einteilen, in diesem Sommer wollen sie sich auf Spielplätze fokussieren. Der Erfassungsbogen hilft ihnen bei der Begutachtung vor Ort, anschließend geben sie ihre Ergebnisse in eine Datenbank ein. Diese zeigt bewusst lediglich die Barrieren auf, und nicht, ob ein Ort barrierefrei ist oder nicht. „In unserer Definition gibt es nicht das eine barrierefrei. Die Menschen haben unterschiedliche Behinderungen oder Einschränkungen. Ein Sehbehinderter hat eine andere Definition von Barrierefreiheit als ein Rollstuhlfahrer“, erklärt Axel Staeck.

„Die Mehrheit ist irgendwann irgendwie von Barrieren der Stadt betroffen“, weiß
Staeck. Dazu zählen auch immer mehr übergewichtige oder gehandicapte Senioren, die sich kaum noch fortbewegen können, ebenso Menschen mit Kurzzeitbehinderung, die Unfälle oder Krankheiten auskurieren, Eltern mit Kinderwagen, aber auch Menschen, die Fahrräder, Koffer oder Sonstiges dabei haben.

„Ich habe mich vorher nie in die Rolle des Fahrstuhlfahrers versetzt, jetzt mache ich es ständig, auch in meiner Freizeit“, so Barrierescout Nina Grabbe. Sie ist in Wilhelmsburg geboren, es ist das Zuhause der 36-Jährigen und ihrer sechsjährigen Tochter. Für den Verein erfasst sie 15 Stunden in der Woche die Barrieren des Bezirks. Am Ende der Woche hat sie lediglich 24 Euro verdient. Es ist ihr erstes Gehalt nach vier Jahren. Als Schlaganfallpatientin und Alleinerziehende konnte die Hauswirtschafterin nicht wieder zurück in ihren Beruf. Stress ist Gift für ihren Körper. Trotzdem will sie so viele Barrieren wie möglich erfassen. „Meine Motivation ist es, Gutes zu tun.“

„Die Mehrheit ist irgendwann irgendwie von Barrieren betroffen.“ Axel Staeck, Barrierescout-Projektleiter
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