Bremer Theater zeigt „Der Kirschgarten“ nach Anton Tschechow / Inszenierung geht unter die Haut Augen zu und vor die Wand

Da gibt es diesen alten Sponti-Spruch: „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“. Als flapsiges Motto taugt er durchaus für die Interpretation von Anton Tschechows „Kirschgarten“, die am Donnerstagabend im Theater am Goetheplatz Premiere hatte.
14.12.2013, 00:00
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Augen zu und vor die Wand
Von Iris Hetscher

Da gibt es diesen alten Sponti-Spruch: „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“. Als flapsiges Motto taugt er durchaus für die Interpretation von Anton Tschechows „Kirschgarten“, die am Donnerstagabend im Theater am Goetheplatz Premiere hatte.

Das deutsche Theater ist verrückt nach diesem Stück: An mehreren Häusern landauf, landab stand und steht „Der Kirschgarten“ des russischen Dramatikers Anton Tschechow auf dem Programm, von Hamburg über Berlin, Kassel, München und Mönchengladbach. Die 90 Jahre alte tragische Komödie um die völlig abgebrannte Gutsbesitzerin Ljubow Ranjewskaja, die die Augen so lange vor der Wirklichkeit verschließt, bis die Wirklichkeit sie überholt, bietet einen weiten Interpretationsspielraum. Das macht die Komödie so attraktiv.

Gastregisseurin Alize Zandwijk aus Rotterdam interessiert sich in ihrer zweiten Inszenierung am Bremer Theater für den verhaltenspsychologischen Kern des Stücks und zeigt, was man sich selbst und anderen antut, wenn man keine Stellung bezieht und Entscheidungen verweigert. Das gelingt Zandwijk ganz hervorragend. Wie bereits bei ihrer ersten Arbeit für das Theater am Goetheplatz, das beeindruckende „Leben auf der Praca Roosevelt“ von Dea Loher, setzt sie stark auf ihre Schauspieler, die extrem körperbetont agieren. Oft sind die Szenen fast tanztheaterhaft durchchoreografiert, manchmal wirken sie wie Tableaus. Die Geschichte erzählt sich dabei wie von selbst: Die Gutsbesitzerin Ljubow Ranjewskaja (Irene Kleinschmidt) kehrt aus Paris nach Russland zurück; sie hat ihr komplettes Vermögen verschwendet, Haus, Hof und der schmucke Kirschgarten müssen verkauft werden. Weder die Ranjewskaja noch ihre Familie und weiterer Anhang wollen das allerdings wahrhaben. Gegenpol zu der trägen Gesellschaft ist der agile Kaufmann Lopachin (Robin Sondermann), der mantramäßig darauf hinweist, dass etwas passieren muss. Sein Vorschlag: Den Kirschgarten abholzen und eine lukrative Ferienanlage bauen. Doch damit will sich hier niemand auseinandersetzen. Sobald Lopachin versucht, auf die drohende Zwangsversteigerung hinzuweisen, kippt die Stimmung in kindischen Aktionismus. Da fährt Ljubows Bruder Leonid (Martin Baum) Dreirad, da wird im Fluss geplanscht, bei einer Party singt man alberne Lieder und ergötzt sich an Zaubertricks. Nicht nur das Leben wird hier behauptet, auch die Gefühle. Echte Annäherungen finden nicht statt. Die Liebesgeschichte zwischen Tochter Anja (Annemaaike Bakker) und Student Trofimov (Johannes Kühn) gibt es nur als Abfolge ungeschickter Verrenkungen. Ähnlich ist es zwischen Lopachin und der Pflegetochter Warja: Nadine Geyersbach spielt ihre Rolle mit verkrampfter Verzweiflung und erntete dafür verdient einen Großteil des Schlussapplauses für die insgesamt überzeugende Akteurs-Riege.

Bühnenbild und Ausstattung (Thomas Rupert) tun ein Übriges, um die Schieflage, in der sich die Familie befindet, zu betonen. Türen und Möbel sind zu hoch oder zu klein, ein Elchkopf hängt eher drohend denn dekorativ an der Wand. Für zwei Personen hat sich das Team Zandwijk/Rupert zudem etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Der alte Diener Firs (Guido Gallmann), der der Zeit nachtrauert, in der er Leibeigener war, schleppt sich wie ein vom Sockel gekipptes Denkmal auf klotzigen Riesen-Schuhen durch die Szenerie. Die Gouvernante Charlotta Iwanowna ist auf eine Entertainer-Funktion reduziert. Sie wird von der holländischen Musikerin Maartje Teussink verkörpert, die der Inszenierung mit ihren Songs eine zusätzliche melancholische Ebene verleiht. All diese Zutaten tragen dazu bei, dass dieser „Kirschgarten“ vor allem nach der Pause endgültig unter die Haut geht. Im ersten Teil hätte Alize Zandwijk das Geschehen dagegen durchaus etwas straffen können.

Die nächsten Vorstellungen: Samstag, 14. Dezember, Mittwoch, 18. Dezember, jeweils 19.30 Uhr

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