Bucerius Forum in Hamburg stellt die Entwicklung des Malers Piet Mondrian dar Aus der Farbe heraus

Die Geburt der Moderne aus dem Geist des Okkultismus: Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg erklärt das Werk des niederländischen Malers Piet Mondrian aus seiner lebenslangen – durchaus spirituellen - Annäherung an die Farbe.
31.01.2014, 00:00
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Von NICOLE BÜSINGUND HEIKO KLAAS

Die Geburt der Moderne aus dem Geist des Okkultismus: Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg erklärt das Werk des niederländischen Malers Piet Mondrian aus seiner lebenslangen – durchaus spirituellen - Annäherung an die Farbe.

Rechte Winkel, schwarze Gitterstrukturen, die Primärfarben Rot, Gelb und Blau sowie Grautöne auf weißem Untergrund. Ein relativ überschaubares malerisches Vokabular, das in unzähligen Variationen immer wieder durchexerziert wird. Die gängige Wahrnehmung verbindet genau diese Konstanten mit der Kunst von Piet Mondrian, einem der wichtigsten Avantgardekünstler des 20. Jahrhunderts, dessen Motive sich bedauerlicherweise in der breiten Öffentlichkeit dadurch abgenutzt haben, dass sie heute massenhaft auf T-Shirts und Turnschuhe, Shampooflaschen und Damenhandtaschen gedruckt werden.

Mit der aktuellen Ausstellung „Mondrian. Farbe“ will das Bucerius Kunst Forum in Hamburg der allzu verkürzten Rezeption dieses Malers entgegenwirken. „Mondrians Werk kam nicht durch Revolution zustande, sondern durch Evolution“, so die Direktorin des Hauses, Ortrud Westheider. Die von ihr kuratierte Schau konfrontiert daher das spätere avantgardistische Werk mit in Deutschland nahezu unbekannten Bildern aus früheren Schaffensphasen.

Zu sehen sind 40 zentrale Werke aus dem Gemeentemuseum in Den Haag sowie zehn weitere Leihgaben aus internationalen Sammlungen. Die Schau zeichnet, angefangen bei Gemälden von reetgedeckten Bauernhäusern, weidenden Kühen und – in Holland nicht zu vergessen – Windmühlen, Mondrians Weg vom konventionellen Landschaftsmaler zum späteren Hauptrepräsentanten der mit dem Bauhaus verwandten „de Stijl“-Bewegung nach.

Doch Mondrian, der 1872 in der Kleinstadt Amersfoort als Sohn eines streng calvinistischen Lehrers zur Welt kam, war kein Mann der spontanen künstlerischen Brüche oder wütenden Manifeste gegen das Bestehende, wie sie zuvor die italienischen Futuristen oder die russischen Suprematisten um Kasimir Malewitsch verfasst hatten. „Das langsame Wachstum hin zum Geistigen“ sah er als das Ziel seines künstlerischen Weges. Das Prozessuale sollte zu seiner Methode werden.

Mondrian tastete sich von Bild zu Bild, von Pinselstrich zu Pinselstrich immer näher an die vollkommene Auflösung des Figurativen zugunsten einer radikalen Abstraktion heran. So mag man denn die auf den frühen Bildern so häufig vorkommenden quadratischen Scheunentore, die im Wind flatternden Bettlaken oder die wie mit dem Lineal durch die flache holländische Landschaft gezogenen Kanäle als frühe Vorläufer seines späteren geometrischen Rigorismus deuten.

Abkehr vom Gegenstand

Starken Einfluss übte auf ihn aber auch das 1888 erschienene Buch „Geheimlehre“ der deutsch-russischen Okkultistin und Gründerin der „Theosophischen Gesellschaft“, Helena Blavatsky, aus. Bilder wie das auratisch aufgeladene 1908 entstandene Mädchenporträt „Andacht“ in leuchtendem Orange huldigen der theosophischen Vorstellung eines im Universellen der Natur aufgehenden Individuums. Im Jahre 1914 ist es dann soweit. 1911 nach Paris umgezogen und beeinflusst von den Kubisten malt Piet Mondrian sein erstes rein abstraktes Bild: „Komposition im Oval mit Farbfeldern“.

Es ist das unbestreitbare Verdienst der Ausstellung im Hamburger Bucerius Forum , die Genese der abstrakten Kunst Mondrians von der schlammigen Grün-Braun-Skala seiner frühen Landschaften über pointillistische Porträts einfacher Landbewohner, erste Berührungen mit dem Kubismus und die sich anschließende radikale Abkehr vom Gegenstand hin zur reduzierten Farbpalette anhand seiner frühen Bilder und seines geistigen Umfeldes nachzuzeichnen.

Die Ausstellung wird mit Ende der 1930er-Jahre entstandenen Schachbrett- und Rasterkompositionen beendet. Mondrian, der die Niederlande in Vorahnung des Zweiten Weltkriegs 1938 verließ, um über London nach New York zu emigrieren, hat auch im amerikanischen Exil, wo er vor genau 70 Jahren am 1. Februar 1944 starb, weitergemalt. Wenigstens eines der dort unter dem Einfluss des Jazz entstandenen, stark rhythmisierten Gemälde hätte die sehenswerte Schau geradezu perfekt abgerundet.

Die Ausstellung „Mondrian. Farbe“ ist bis zum 11. Mai im Bucerius Kunst Forum in Hamburg zu sehen: täglich 11 bis 19 Uhr, donnerstags 11 bis 21 Uhr. Im Hirmer Verlag ist ein Katalog erschienen: 208 Seiten, 136 Abbildungen, 29 in der Ausstellung, 45 im Buchhandel.

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