Ausstellungsreise in der Kulturkirche auf den Spuren einer deutschen Republik in den USA

Auswanderer strandeten auf Harriersand

Gleiches Grundrecht, politische Teilhabe, Rede-, Wahl-, Bildungs- und Entfaltungsfreiheit! Für diese Ideale verlassen 500 Menschen gemeinsam ihre Heimat. Es ist das Jahr 1834, sie sind Untertanen deutscher Fürstenstaaten und setzen auf eine politische Vision: Sie wollen in Amerika eine „Teutsche Musterrepublik“ aufbauen. An diesen „ Aufbruch in die Utopie“ erinnert eine Ausstellung, die jetzt in der Bremer Kulturkirche St. Stephani zu sehen ist.
05.04.2014, 00:00
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Auswanderer strandeten auf Harriersand
Von Uwe Dammann
Auswanderer strandeten auf Harriersand

Auf die Spuren der Auswanderer kann man sich derzeit in der Kulturkirche St. Stephani begeben. Zu der Ausstellung gehören auch großformatige Panoramafotografien von Folker Winkelmann, der unter anderem auch das Farmgelände des Auswanderers Paul Follenius, auf der heute dieser Schulbus steht, abgelichtet hat.

Folker Winkelmann

Gleiches Grundrecht, politische Teilhabe, Rede-, Wahl-, Bildungs- und Entfaltungsfreiheit! Für diese Ideale verlassen 500 Menschen gemeinsam ihre Heimat. Es ist das Jahr 1834, sie sind Untertanen deutscher Fürstenstaaten und setzen auf eine politische Vision: Sie wollen in Amerika eine „Teutsche Musterrepublik“ aufbauen. An diesen „ Aufbruch in die Utopie“ erinnert eine Ausstellung, die jetzt in der Bremer Kulturkirche St. Stephani zu sehen ist.

Heute werden sie – vorausgesetzt es klappt alles – in Bremen ankommen. Die Probeauswanderer aus Gießen, die sich vor einigen Tagen im Hessischen auf den Weg gemacht haben, um rechtzeitig zur Eröffnungsfeier der Ausstellung „Utopia“ die Kulturkirche St. Stephani in Bremen zu erreichen. Die Reiseleitung hat die Künstlerin Esther Steinbrecher übernommen.

Die „Auswanderer“ werden in der Kulturkirche ihren Platz finden, aber auch genau wie einst ihre Vorläufer vor 180 Jahren auf der Weserinsel Harriersand „stranden“. Die Reise gehört zum Konzept der Ausstellung „Aufbruch in die Utopie“, die mit Kunst und Aktionen auf die wechselvolle Geschichte der Auswanderer blickt. Die Ausstellung zieht, wie einst die Utopisten, über die Stationen Gießen und Bremen weiter nach Amerika, nach Washington, D. C. und St. Louis, Missouri.

Ein bisschen sieht es in der Kulturkirche derzeit aus, wie in einer Verladestation in Bremerhaven. Vor der Kirche steht ein großer Container, im Innenraum sind etliche, schlicht zusammengezimmerte Kisten aufgebaut. Die allerdings enthalten interessante Details, Fotografien, Briefauszüge, Urkunden, Archivmaterial der einstigen Auswanderer aus Gießen, die sich auf den Weg in die USA machten. Doch damit ist die Ausstellungsreise nicht beendet. Mit Videoinstallationen oder den großformatigen und sehenswerten Fotografien von Folker Winkelmann lässt sich die Geschichte der Auswanderer eindrücklich nachvollziehen – bis in die Gegenwart. Zeitgenössische Bezüge bieten auch die Arbeiten verschiedener Künstler, die das Thema Auswanderung und Immigration aus heutiger Sicht beleuchten. Für die Ausstellung ist – bei dem großen Angebot nicht verwunderlich – ein ganzes Team verantwortlich. Oliver Behnecke und Peter Roloff haben die künstlerische Leitung, Ludwig Brake die historische, Rolf Schmidt steuert Heimatkundliches bei, Hendrik Weiner ist für die ungewöhnliche Ausstellungsarchitektur zuständig, Maja Maria Liebau für die Texte, Manfred Hielscher für die Videos und Folker Winkelmann für die Fotografie. Allen zusammen ist es gelungen, die Geschichte der „Gießener Auswanderergesellschaft“ aus dem Jahre 1833 in authentischer Weise anschaulich werden zu lassen. Diese Gesellschaft wurde von dem Gießener Rechtsanwalt Paul Follenius und dem evangelischen Pfarrer Friedrich Münch gegründet. Follenius und Münch gehörten um 1818 dem kleinen, rasch verbotenen Studentenbund der „Gießener Schwarzen“ an. Eine politische Studentengruppe, die sich lautstark gegen die Fortsetzung von Willkürherrschaft und Ausbeutung und für die Einheit Deutschlands einsetzte. Sie waren seinerzeit die politisch-radikale Avantgarde – eine frühe APO. Ihren politischen Gestaltungswillen behielten Follenius und Münch auch als gestandene Familienväter bei, sahen aber im Gegensatz zum – mit ihnen bekannten Georg Büchner – keinen Platz mehr für sich in Deutschland. Sie gründeten die Auswanderergesellschaft, die eine unabhängige „Teutsche Republik“ in Amerika ausrufen wollte. Bei der geplanten Auswanderung kamen sie aber zunächst nur bis Harriersand, weil das Schiff nicht fuhr. Auf der Weserinsel übten die Auswanderer in einer Art Camp bereits das Zusammenleben auf engstem Raum. Über Baltimore kamen die „Teutschen“ irgendwann dann doch in St. Louis in Missouri an, betrieben Farmen oder den Weinbau und engagierten sich in den USA politisch. Vor allem Pastor Friedrich Münch wetterte nicht nur von der Kanzel gegen die immer noch vorherrschende Sklaverei in Amerika. Seine energisch verfolgte Utopie war die Masseneinwanderung von Deutschen nach Missouri, um die Sklaverei per parlamentarischem Mehrheitsbeschluss abzuschaffen.

Aufbruch in die Utopie, Kulturkirche St. Stephani, 6. April bis 13. Juli. Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr. Am Sonntag, 6. April, gibt es ab 14 Uhr eine Führung.

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