Ideen für Oberschwaben im Advent: In der Weihnachtszeit können Besucher in die prachtvolle Epoche eintauchen Barocke Lebenslust

Ravensburg. In der Adventszeit herrscht in Oberschwaben Hochbetrieb. Das liegt nicht nur an der weihnachtlichen Stimmung, sondern auch an den vielen Barock-bauten – in der besinnlichen Zeit des Jahres kommen sie besonders zur Geltung.
14.11.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Daniela David

In der Adventszeit herrscht in Oberschwaben Hochbetrieb. Das liegt nicht nur an der weihnachtlichen Stimmung, sondern auch an den vielen Barock-bauten – in der besinnlichen Zeit des Jahres kommen sie besonders zur Geltung. Ein Besuch.

Christkindlemarkt: Vor der Kulisse historischer Hausfassaden reihen sich in Ravensburg über 100 Stände aneinander. Wenn es dunkel wird, wirkt die Altstadt besonders idyllisch. Dann sind die vielen Türme atmosphärisch angestrahlt, Kerzen brennen hinter den Stubenfenstern, Kirchen leuchten geheimnisvoll. Der Weihnachtsmarkt in der alten Handelsstadt geht bis in die Barockzeit zurück. Das Warenangebot ist dort sehr traditionell: Weihnachtsschmuck aus Holz, Engelskerzen aus Bienenwachs und Krippenfiguren aus Schafswolle.

„Stadt-Schau-Spiel“ mit der Türmerin: Im bunten, bodenlangen Kleid schreit die Türmerfrau Regina Nabholzin lautstark „Lorenz!“ durch die Gassen. Gemeint ist ihr Mann Lorenz, der Türmer von Ravensburg. Für eineinhalb Stunden tauchen die Teilnehmer des „Stadt-Schau-Spiels“ tief ins Jahr 1786 ein. Bei der Stadtführung mimt eine Schauspielerin die historische Türmerfrau. In unverblümter Sprache erzählt sie vom Alltagsleben der Patrizier und Bettler, von betagten Tuchhändlern und der stinkenden Arbeit der Gerber und Färber. Sie berichtet so lebendig, dass der Besucher sich tatsächlich für eine Weile im barocken Ravensburg des 18. Jahrhunderts wähnt.

Auf den Spuren des lüsternen Dichters durch Biberach: „Zu seiner Zeit war Christoph Martin Wieland ein Bestsellerautor“, erklärt Stadtführerin Tamara Prinz, während sie Interessierte durch die oberschwäbische Stadt Biberach führt. Trotz seines Erfolges galt der in der Barockzeit geborene Wieland (1733-1813) als Sittenverderber, den man „vor unbemannten Weibern wegsperren sollte“. Denn es ging bei ihm auch um „Musen und Busen, Liebe und Triebe“. So frönte der Mann der Aufklärung privat einem eher barocken Liebesleben. Über Enge und Zwänge im Barock erfährt der Besucher auf den Spuren Wielands also so einiges. Ruhe zum Schreiben fand der Dichter in seinem Gartenhaus, welches heute das Wieland-Museum birgt.

Dinner mit Madame La Roche: Abends schlüpft Stadtführerin Prinz in ein Rokoko-kostüm und zugleich in die Rolle der Madame Sophie La Roche, Wielands unglücklicher, großer Liebe. Die Gäste nehmen ein barockes Menü mit Weinschaumsuppe, geschmorten Schweinebäckchen und gefüllter Maispoularde zu sich. Währenddessen parliert Madame auf unterhaltsame Weise über die Gepflogenheiten im Barock, etwa über das Tanzen, Fechten und Reiten. Später lüftet sie noch die Geheimnisse der weiblichen Fächersprache.

Die Barockkirche St. Peter und Paul: Keine Barock-Tour ohne den Besuch einer Kirche, dem Ort üppigster barocker Prachtentfaltung. Als Juwel in Oberschwaben gilt die Wallfahrtskirche St. Peter und Paul im Dorf Steinhausen. Ihr hoher Kirchturm mit dem Doppelkreuz ist von weitem sichtbar. Illusionsmalerei und Stuckaturen zeigen Kinderengel, Tiere und Blumen – das barocke Motto „Gott zum Ruhme, den Menschen zur Freude“ wird hier sehr anschaulich. Viel Weiß, Gold, unzählige Ornamente: typisch für den Übergang ins Rokoko, am Ende des Barock.

Kloster Schussenried: „Mit wenig Gold lässt sich viel Illusion erschaffen, damals wie heute“, meint Monika Ströbele, Gästeführerin im Kloster Schussenried. Unter ihrer Anleitung vergolden Touristen Gipsputten und gestalten Goldengel im Barock-Look. Anregung finden sie in der barocken Bibliothek, im prächtig ausgestatteten Saal von 1757. „Der zweigeschossige Bibliothekssaal ist eine Erfindung des Barock“, erklärt Kostümführer Wilfried Buck in der cremeweißen Ordenstracht der Prämonstratenser. In der Rolle von Pater Caspar Mohr, dem fliegenden Mönch, erzählt er auf Schwäbisch, wie er in der Barockzeit mit einem Flugerät aus Federn fliegen wollte. Selbst auf dem Deckengemälde der Bibliothek ist der fliegende Mönch verewigt.

Barocke Musik in Ravensburg und Ochsenhausen: Irgendwann möchte er aus seinem privaten Schatz an historischen Musikinstrumenten ein eigenes Museum einrichten, meint Erich Lange, der ein Geschäft für Metallblasinstrumente in Ravensburg führt. Dann steigt der 66-Jährige hinauf auf den Dachboden seines Hauses aus dem 15. Jahrhundert. Dort lagern die mit Leder bespannten Barockpauken, ganz so, als seien sie gestern noch bespielt worden. „Im Barock waren auch Flöten, Posaunen und Harfen verbreitet“, erklärt der Sammler.

Barocke Orgelmusik erklingt in der verdunkelten Klosterkirche St. Georgen in Ochsenhausen. Vor dem Altar steigt Trockennebel auf und wird von buntem Laserlicht mysteriös erleuchtet. Nach dem Konzert geht es durch den Dachstuhl in den Balkraum. Organist Ulrich Werther zeigt das Herz seiner Barockorgel mit über 3100 Pfeifen. Sie stammt von dem bedeutenden Ochsenhauser Orgelbauer Joseph Gabler. „Hier oben bei der Orgel ist man dem Herrgott näher“, schwärmt der Musiker. „Die Seele geht auf, und das Hirn bleibt stehen.“

Unten im Klosterhof der ehemaligen Benediktinerabtei gehen die Augen auf, und der Magen regt sich. Der Weihnachtsmarkt von Ochsenhausen mutet wie ein altes Dorf an, mit echten Schafen und Eseln und ihrem speziellen Geruch. Die barocke Vorweihnachtszeit spricht alle Sinne an, nicht nur Augen und Ohren, sondern auch die Nase – und eben nicht nur mit Mandelduft.

Information: Im Ravensburger Museum „Humpis-Quartier“ können Besucher die Geschichte der Stadt durchwandern. Viele Exponate zu Wohnkultur und Alltag stammen aus der Barockzeit. Die Musikinstrumentensammlung im Musikhaus Lange kann auf Anfrage besichtigt werden. Das neue Museum von Kloster Schussenried zeigt die Rolle von Wissenschaft und Religion auch im Barock. Das Angebot der Stuckengelgestaltung, die Führungen (Wieland, Türmerin) und das Barockessen müssen vorab gebucht werden.

Der Ravensburger Christkindlemarkt findet vom 27. November bis 20. Dezember und der Weihnachtsmarkt in Ochsenhausen vom 26. bis 29. November statt. Auskünfte zur Region erteilt Oberschwaben-Tourismus telefonisch unter 0 75 83 / 33 10 60 und im Internet unter www.oberschwaben-tourismus.de.

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