Made in Bremen: Antje Waterholter ist eine der wenigen Architekturpsychologinnen Bauen für das Wohlbefinden

Architektur und Psychologie. Das ist eine Kombination, die Fragen aufwirft. Etwa die Frage, ob sich dahinter nicht eine verkappte Form des Feng Shui verbirgt. Antje Waterholter, eine der wenigen Menschen dieses Fachs, arbeitet erfolgreich. Sie erhält bundesweit Aufträge – damit Gebäude Menschen nicht krankmachen.
29.06.2014, 00:00
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Bauen für das Wohlbefinden
Von Alexander Tietz

Architektur und Psychologie. Das ist eine Kombination, die Fragen aufwirft. Etwa die Frage, ob sich dahinter nicht eine verkappte Form des Feng Shui verbirgt. Antje Waterholter, eine der wenigen Menschen dieses Fachs, arbeitet erfolgreich. Sie erhält bundesweit Aufträge – damit Gebäude Menschen nicht krankmachen.

Architekturpsychologin. Diese Bezeichnung ist selten in Deutschland. Nur eine Handvoll Menschen arbeitet unter diesem Titel. Und oftmals werden diejenigen, die sich so nennen, schnell in eine Schublade gesteckt. „Ist das nicht Feng Shui?“ Oder: „Das ist doch nicht mehr als Hokuspokus.“

Sätze dieser Art bekommt Antje Waterholter häufig zu hören. Immer wieder muss sie sich und ihre Arbeit erklären. Aber wer in ihr Wohnhaus in der Bleicherstraße in der Nähe des Theaters am Goetheplatz geht, versteht, dass Architektur mehr ist, als nur der Bau eines Gebäudes. Im Haus der 50-Jährigen bestehen Wohnzimmer, Küche und Essbereich aus einem Raum. Er wirkt wie ein großes Atelier, in das Sonnenlicht eindringt. Die hohen Decken erzeugen ein Gefühl der Behaglichkeit.

Im Nebenraum, in ihrem „Büro für Architekturkonzepte“ erklärt sie, das Haus sei bereits mehr als 150 Jahre alt. Das Bauwerk hätte eine Geschichte. Und das erste, was Waterholter machte, bevor sie einzog, war Informationen einzuholen, wer in diesem Haus wohnte. Ihre Recherchen gingen zurück bis in den Zweiten Weltkrieg. Im Jahr 1940 hatte eine Bremer Kaufmannsfamilie darin gewohnt. Dann wog sie ab: „Wie viel kann ich erhalten und was verändere ich?“ Ohne das Haus grundlegend zu verändern, traf sie einige Verbesserungen. Eine dieser Verbesserungen war, die Trennwände zwischen Wohnzimmer und Küche einzureißen. So entstand dieser große Raum des Wohlbefindens.

Damit ist im Grunde alles erklärt – ihr Job, ihre Arbeitsweise. Im Grunde tut Waterholter das Gleiche wie ein Architekt oder ein Innenausstatter. Darüber hinaus befasst sie sich aber mit den Personen, die in dem Gebäude lebten und darin leben sollen. Sie macht eine Art Bestandsaufnahme, weil „Gebäude sich an die Menschen anpassen müssen. Nicht umgekehrt.“

Die Bezeichnung Architekturpsychologin ist kein geschützter Begriff. Bei der Architektenkammer erwarb die 50-jährige Waterholter nach mehreren Prüfungen den Grad der Architektin. Den Zusatz „Psychologin“ gab sie sich selbst. Sie sagt, in Deutschland arbeitet nur eine Handvoll Menschen unter diesem Namen.

Trotz oder gerade weil die Szene überschaubar ist, erhält Waterholter viele Aufträge. Meist zählen öffentliche Träger, Gesundheitsbehörden oder gemeinnützige Organisationen zu ihren Kunden. Im vergangenen Jahr wurde unter anderem eine Schule in Syke nach ihrem Konzept gebaut. Oder eine Entzugsklinik in Hamburg.

Ebenfalls gestaltete sie die Kinderschule Bremen in Hastedt vor sechs Jahren neu. Die Herausforderung in der Hastedter Schule war damals, übliche Klassenräume in Themenräume umzubauen. Es galt, etwa Musikräume, Leseräume oder Werkräume einzurichten. Bei der Gestaltung wirkten die Schüler – und das betont Waterholter – mit. Im Kantinenraum bestimmten die Schüler die Anzahl der Stühle an den Tischen sowie Farben und Anordnung.

„Menschen, die das Gebäude nach ihren Wünschen gestalten, nehmen die Räume viel schneller an“, so Waterholter. Das treffe auch auf die Schüler zu. In einer Umwelt, die von Kindern akzeptiert werde, sei effektiveres Lernen möglich. Aggressionen, so Waterholter, würden ebenfalls abnehmen. Bereits in den 1990er-Jahren zeigten die amerikanischen BOSTI-Studien, die als Klassiker der Architekturpsychologie gelten, dass die Anpassung der Arbeitsumwelt an die eigenen Bedürfnisse die Produktivität um bis zu 17 Prozent steigern kann. In den USA wurden hierfür etwa 23 000 Büroangestellte in 140 Unternehmen befragt. Ebenfalls zeigten Feldstudien des Karlsruher Instituts für Technologie in 45 Gebäuden, dass architekturpsychologische Erkenntnisse während der Planungsphase zu wenig berücksichtigt werden.

Vor allem das sogenannte Sick-Building-Syndrom, eine seit den 1970er-Jahren bekannte Krankheit, derzufolge Büroangestellte in ihren Arbeitsräumen unter Kopfschmerzen, Erschöpfung oder Depression leiden, versuchen Architekturpsychologen anzugehen. Allerdings zeigt eine britische Studie vom Londoner University College, dass für das Unbehagen auch andere Faktoren eine Rolle spielen. Der britische Professor Michael Marmot befragte mit seinen Kollegen etwa 4000 Angestellte zwischen 42 und 62 Jahren. Ergebnis: Vor allem Stress und schlechte Arbeitsbedingungen zählen zu den Auslösern der Bürokrankheit. Antje Waterholter ist dennoch sicher, dass „maßgeschneiderte Räume “ deutlich zum Wohlbefinden beitragen.

Über ihre Arbeit hinaus ist Waterholter gefragt. Bundesweit hält sie Gastvorträge, etwa an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen oder an der Technischen Universität in Berlin. Ebenfalls ist sie Mitbegründerin des Vereins „Architekten über Grenzen“. Der Verein kümmert sich um die fachliche Unterstützung bei Bauvorhaben in Entwicklungsländern und Krisenregionen. Unter anderem war Waterholter am Wiederaufbau kriegszerstörter Häuser im Kosovo beteiligt.

Für ihre Arbeit wurde die 50-Jährige Anfang dieses Jahres ausgezeichnet. Sie wurde in die Kreativgemeinschaft „Ideenlotsen – Business as unusual“ gewählt. Mit anderen Teilnehmern, etwa einer Autorin und einer Grafikdesignerin, absolviert sie derzeit Workshops. Mit dem Diskurs verbindet Waterholter eine ganz bestimmte Hoffnung: „Das, was ich tue, will ich in einfache Worte packen.“ Sie wolle sich wappnen – damit Vorurteile ihr nicht den Weg verbauen.

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