Festival Beifall für Schlingensiefs «Mea Culpa» in Hamburg

Hamburg. ­ Es wurde ein Geburtstag, der unter die Haut ging. Viele Besucher applaudierten lange im Stehen. Einige ­ wie die Wiener Burgtheater-Geschäftsführerin Silvia Stantejsky - hatten Tränen in den Augen.
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Hamburg. ­ Es wurde ein Geburtstag, der unter die Haut ging. Viele Besucher applaudierten lange im Stehen. Einige ­ wie die Wiener Burgtheater-Geschäftsführerin Silvia Stantejsky - hatten Tränen in den Augen.

«Ich bin froh - und eigentlich nur traurig», sagte Stantejsky mit wegkippender Stimme am Sonntagabend beim Empfang im Marmorsaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Das ausverkaufte Gastspiel der Wiener mit Christoph Schlingensiefs sogenannter ReadyMadeOper «Mea Culpa» (2009, Meine Schuld) beim Hamburger Theater Festival am Tag, an dem er 50 Jahre alt geworden wäre, geriet zum posthumen Triumph für den Künstler.

Schlingensief hatte in Hamburg ursprünglich selbst mitspielen wollen. Am 21. August war er nach langem Kampf gegen die Krankheit an Lungenkrebs gestorben. Zu den Gästen gehörten nun seine Witwe, die «Mea Culpa»-Kostümbildnerin Aino Laberenz, ein Onkel Schlingensiefs und eine Tante. In der Rolle des nach dem Sinn von Leben und Sterben suchenden Künstlers beeindruckte Bühnenstar Joachim Meyerhoff ­ neben Größen wie Irm Hermann, Margit Carstensen, Fritzi Haberlandt sowie Laiendarstellern. In der üppigen Opern-Collage aus multimedialen Versatzstücken der Kulturgeschichte samt Chor und fingiertem Orchester hat sich der Künstler mit seinem frühen Tod auseinandergesetzt.

«Mea Culpa» bildet den letzten Teil einer Trilogie im Zeichen des Krebses. Durchgehend nimmt Schlingensief darin Bezug auf seine eigene Arbeit ­ wie seine umstrittene Bayreuther «Parsifal»-Inszenierung von 2004 oder den aktuellen Bau seines Opern-Festspielhauses in Burkina Faso. Bei schwarz-weißer Traum-Szenerie (Bühne: Janina Audick) und mit überbordender Fantasie mixt der Kunst-Aktionist Musik von Bach und Wagner bis Kálmán mit Gedanken von Goethe, Nietzsche oder Jelinek. Die toten bildenden Künstler Joseph Beuys und Jörg Immendorff haben ebenfalls ihren Platz in der dreiteiligen Passion.

Die Frage nach Heilung und Erlösung erklingt vom ersten Moment an, als der schwarze Sänger Joseph Damian Ortiz Garcia vor surrealer Theaterbau-Kulisse stimmstark den Gralssucher Parsifal gibt. Doch nicht etwa wissendes Mitleid kuriert hier den siechen König Amfortas ­ sondern schnöder Sex mit einem alten Mann. Auch weitere kunstvolle Blödeleien wie eine lustvoll ausgespielte Travestie auf den Ayurveda-Kult mindern nicht den existenziellen Ernst der Aufführung.

Am Schluss, als der dem Katholizismus zwiespältig verbundene Schlingensief bereits in den Himmel blickt, zählen rein metaphysische Ideen jedoch weniger: An guten Werken so lange weiterzuwirken, wie es eben geht, etwa an einem Festspielort für Afrika ­ so darf man Schlingensiefs Botschaft wohl verstehen. «Ich will einfach noch nicht. Es ist einfach noch zu früh», lässt er Meyerhoff zuletzt ganz schlicht sagen. (dpa)

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