Neues Berliner Universalmuseum Die schwierige Geburt des Humboldtforums

680 Millionen Euro teuer, acht Jahre Bauzeit und viel Streit: Das Berliner Humboldtforum hat eine schwierige Geburt hinter sich. Seit einigen Wochen ist das Universalmuseum geöffnet – die Debatten gehen weiter.
28.08.2021, 07:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Die schwierige Geburt des Humboldtforums
Von Felix Wendler

Würden die Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt noch leben, hätten sie viel zu tun. Sie müssten wahrscheinlich dem einen oder anderen empörten Steuerzahler Rede und Antwort stehen, warum ein 680 Millionen Euro teures Bauwerk ihren Namen trägt. Sie müssten sich Fragen gefallen lassen: von Architekten, Historikern und Kulturexperten. Sie müssten sich positionieren: zum Geschichtsverständnis im Allgemeinen und zur Kolonialzeit im Besonderen.

Müssen und können sie aber nicht. Wilhelm starb im Jahr 1835, Alexander 1859. Geblieben ist ihr Vermächtnis, das mit dem Jahrhundertprojekt Humboldtforum an öffentlicher Bedeutung gewonnen hat. Nach acht Jahren Bauzeit ist das Forum seit Ende Juli für Besucher geöffnet. Auf der Spreeinsel in der Historischen Mitte Berlins gelegen, soll es ein Ort für alle sein, beziehungsweise werden: ein Universalmuseum und kulturelles Zentrum für Berlinerinnen und Berliner, aber auch für Gäste aus aller Welt. Vor allem soll es "eine offene Plattform für kritischen Austausch und kulturelle Debatten" bieten. So heißt es in einer Erklärung der Akteure, die das Forum gemeinschaftlich bestücken: die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Kulturprojekte Berlin und das Stadtmuseum Berlin, die Humboldt-Universität und die Stiftung Humboldtforum im Berliner Schloss.

80 Millionen Euro teurer als geplant

Zu sagen, dass es auch in der Entstehungsgeschichte des Forums kritischen Austausch gegeben hat, wäre höflich formuliert. Es wurde an verschiedenen Stellen gestritten, und dass der Bau ein Jahr länger dauerte und 80 Millionen Euro teurer wurde als ursprünglich geplant, war dabei fast eine Randnotiz. Der übergeordnete Streitpunkt verdichtet sich vielleicht am stärksten in einem Satz, den Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) bei der Eröffnung sagte: "Wir wollen an die Vergangenheit anknüpfen, um Neues entstehen lassen." Aber wie verhält man sich zur Vergangenheit? Diese Frage prägt die Diskussion um den teuersten Kulturbau der deutschen Geschichte in mehrfacher Hinsicht.

Lesen Sie auch

An einem mittelmäßig warmen Augusttag scheint die Sonne auf die Fassade des Humboldtforums. Ginge es nach den Kritikern, würde es diese Fassade gar nicht geben. Sie ist an drei Seiten eine Rekonstruktion des Berliner Hohenzollernschlosses, einst Regierungssitz der Fürsten und Könige – mit allem Prunk und Protz, der nun mal dazugehörte. Vom Balkon des Schlosses stimmte Kaiser Wilhelm II. im Juli 1914 die Bevölkerung auf den Ersten Weltkrieg ein. Vier Jahre später war der Krieg vorbei und die Monarchie Geschichte.

Vom Hohenzollernschloss zum Volkseigentum

Der kommunistische Revolutionär Karl Liebknecht erklärte das Schloss zu Volkseigentum, und tatsächlich wurde es in der Weimarer Republik zu einem Zentrum von Wissenschaft und Kultur, wie Christian Walther in seinem Buch "Des Kaisers Nachmieter" aufzeigt. Das Schloss überstand den Nationalsozialismus; die DDR-Oberen ließen es 1950 abreißen. Einen Teil des Platzes nahm der Palast der Republik ein, Sitz der Volkskammer und öffentliches Kulturhaus. 2006 wurde das asbestverseuchte Gebäude ebenfalls abgerissen. 

Soweit die Historie, ließe sich sagen, aber genau da liegt für die Kritiker das Problem: Die Historie lebt weiter. Warum das Schloss im Stil des Vergangenen wiederaufgebaut wurde, ist ihnen unverständlich. Rückwärtsgewandt sei das, sagen sie, eine Fortführung der preußischen Tradition. Die Kritiker haben künstlerisch protestiert, eine satirische Ausstellung organisiert, die bis Ende Juli direkt gegenüber dem Schloss zu sehen war. "Re-Move Schloss" heißt sie, und der Name ist eine Botschaft: Weg mit dem Ding!

Streit um das Kreuz

Die Rekonstruktion des Schlosses geht auf eine Empfehlung der internationalen Expertenkommission Historische Mitte Berlin zurück – der Bundestag hat das Mammutprojekt im Jahr 2002 abgesegnet. Es folgte eine Ausschreibung, die der Architekt Franco Stella gewann, und dann: wurde gebaut. 100 Millionen Euro für die rekonstruierte Fassade sammelten Schlossfans durch private Spenden. Bei aller Kritik fand das Projekt bundesweit auch viele Unterstützer. Der damalige, aus Bremen stammende Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) begrüßte den Bau. In Bremen selbst bildete sich eine lokale Initiative, die im Jahr 2013 mehr als 100 Befürworter des Berliner Stadtschlosses zählte. 

Ob es ein Gesamtwerk im Humboldt'schen Sinne ist, bleibt umstritten. Die Humboldts selbst kann man nicht mehr fragen, aber andere glauben, dass Alexander sich möglicherweise gestört hätte – zum Beispiel an dem Kreuz auf der Kuppel. Gestört hat es auf jeden Fall den Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke). Das christliche Symbol sei ein falsches Signal für einen staatlichen Bau, bemängelte er 2017. Damals, das unfertige Schloss zierte noch kein Kreuz, war die Debatte in Berlin ein großes Ding. Die evangelische Kirche plädierte ebenso für das Kreuz wie der Zentralrat der Muslime – mit Erfolg. Die Kontroversen rund um die Architektur wurden umfänglich aufgearbeitet, unter anderem in einer vierstündigen DVD-Produktion des ZDF. "Das Humboldtforum – ein Jahrhundertprojekt" heißt die, und man könnte denken, danach sei alles gesagt.

Lesen Sie auch

Anlässlich der Eröffnung wurde die Diskussion im deutschen Feuilleton nun wieder aufgerollt, dabei ist sie doch irgendwie egal geworden: Das Gebäude steht schließlich. Wichtiger ist die Frage, ob es dem Humboldtforum gelingt, sein Selbstverständnis mit Leben zu füllen. Zum einen muss sich das millionenschwere Projekt, das für alle da sein will, an den Besucherzahlen messen lassen. In den ersten zwei Wochen nach der Eröffnung seien 34.000 Zeitfenstertickets gebucht worden, teilt die Stiftung Humboldtforum im Berliner Schloss mit. Das ist, gemessen an den coronabedingt noch eingeschränkten Kapazitäten, die maximale Auslastung. Wer in den Buchungskalender guckt, findet auch für die nächsten Wochen kaum freie Termine.

Raubkunst im Fokus

Gestritten wird natürlich auch über das, was im Humboldtforum zu sehen ist – oder noch nicht zu sehen ist. Im zweiten und dritten Stock des Forums brennt noch kein Licht. Ende September wird sich das ändern: Dann sollen Besucher die Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst zu sehen bekommen. 20.000 Exponate, die Einblicke in vergangene und gegenwärtige Kulturen Afrikas, Amerikas, Asiens und Ozeaniens geben.

Spätestens zur Eröffnung wird die Diskussion wieder Fahrt aufnehmen, die nicht nur das das Humboldtforum seit einigen Jahren begleitet. Wie geht man um mit der kolonialen Vergangenheit, die einige Ausstellungsstücke zweifelsohne haben? Nach langen Gesprächen haben sich Museumsexperten und Politiker im Frühjahr darauf geeinigt, die als Raubkunst geltenden Benin-Bronzen an Nigeria zurückgegeben. Das Ethnologische Museum Berlin besitzt etwa 440 dieser Bronzen. Noch immer ist unklar, ob, wie viele und wann diese Exponate im Humboldtforum zu sehen sein werden. Die Rückgabe soll von 2022 an erfolgen, konkretere Pläne gibt es noch nicht. Im Juli war eine nigerianische Delegation für Gespräche in Berlin zu Gast. Aus diesem Umfeld ist zu hören, dass einige Bronzen möglicherweise als Leihgaben in Deutschland verbleiben könnten.

Lesen Sie auch

Verhalten müssen sich letztendlich die Museen, indem sie die Herkunft der Stücke reflektieren – oder die entsprechenden Leerstellen in den Sammlungen. Das Humboldtforum sei eine "Arena der demokratischen Streitkultur", in der "die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte bald eine zentrale Rolle spielen" werde, sagte Kulturstaaträtin Monika Grütters (CDU) bei der Eröffnung im Juli. Generalintendant Hartmut Dorgerloh will einen "Austragungsort gesellschaftlicher Debatten und Konflikte".

Es ist ein Anspruch, der über die Kolonialismus-Debatte hinausgeht. Dorgerloh sieht das Humboldtforum im Geist seiner Namensgeber und ihrer "beispiellosen, selbstreflexiven Weltoffenheit". Irgendwann wird das Forum sich an dem messen lassen müssen, was es seinen Namensgebern attestiert.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Zur Newsletter-Übersicht