Gesichter der Stadt: Prisca Kranz hat sich in dem Fotoprojekt „Wie wir gehen“ mit Trauer und Abschied beschäftigt Bilder vom Tod

Bremen. Der Tag ist wunderschön. Frühmorgens, vielleicht auch schon Mittag.
31.05.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Bilder vom Tod
Von Sabine Doll

Der Tag ist wunderschön. Frühmorgens, vielleicht auch schon Mittag. Die Sonne ist bereits so kräftig, dass sie sich durch Äste und Blätterwald den Weg bahnt. Dort, wo sie auf das glasklare Wasser des Bergbachs trifft, entfalten die Strahlen ihre ganze Kraft zu einem blendend hellen Licht. Ein Ort, an dem das Leben kaum lebendiger sein kann. Ein Ort der Kraft und ein Ort der Ruhe zugleich. Prisca Kranz hat diesen Ort besucht. Er liegt in der Schweiz. Stundenlang ist sie gewandert, um bei einer sehr besonderen Zeremonie dabei zu sein – wenn die Asche eines Verstorbenen im gleißend hellen Licht der Sonne verstreut wird.

Prisca Kranz ist bewegt, wenn sie an diesen Moment zurückdenkt. Sie hat ihn mit ihrer Kamera festgehalten. Die 28-jährige ist Fotografin. Für ihre Diplomarbeit an der Bremer Hochschule für Künste hat sie sich an ein Thema herangewagt, über das nicht viel geredet wird: Tod und Abschied. „Wie wir gehen“ hat sie ihre Bilderserie genannt, die Stationen nach dem Tod eines Menschen zeigt. Dabei sind künstlerische Fotografien an Orten entstanden, die öffentlich kaum wahrgenommen werden: in einem Bestattungsinstitut, vor offenen Särgen, in der Rechtsmedizin, in Kühlkammern, im Krematorium.

Für Prisca Kranz sind ihre Bilder auch eigene Trauerarbeit. Vor einem Jahr ist ihr Großvater gestorben. Zu ihm hatte sie ein besonders enges Verhältnis. Von jetzt auf gleich muss sie sich allein um die Bestattung kümmern. Zeit für die Trauer bleibt ihr damals nicht, sie muss funktionieren. Anzeigen schalten, ein Bestattungsinstitut suchen, entscheiden, was der Großvater im Sarg tragen soll, den Leichenschmaus organisieren. Dann die Beerdigung: Ein Pfarrer, der vor allem aus der Bibel liest über Gott redet, kaum über den Opa spricht. Was für ein Mensch er war, warum er so sehr geliebt wurde, was von ihm bleibt. „Das war das erste Mal für mich, dass ich einen geliebten Menschen verloren habe“, sagt die 28-Jährige. Ihr wird der Widerspruch von Emotionalität und Pragmatismus beim Thema Tod bewusst, und sie erlebt ihn sehr drastisch. Die Bremerin beschließt, ihn für ihre Abschlussarbeit aufzugreifen und in Bilder zu fassen.

Monatelang reist Prisca Kranz durch Deutschland. Die Studentin besucht Menschen, die professionell mit dem Tod zu tun haben. Sie fotografiert in den gefliesten Räumen der Rechtsmedizin, wo die Toten auf Stahltischen liegen. In Bestattungsinstituten, wo sie für den letzten Gang gewaschen und angekleidet werden. In Trauerzimmern, wo die Angehörigen am offenen Sarg Abschied nehmen können. In Räumen mit Motivtapeten, auf denen Engel und Gebirgslandschaften zu sehen sind. Sie reist zu Urnenwänden, Friedwäldern und Friedhöfen.

„Meine Arbeit hat einen künstlerischen und einen informativen Anspruch“, sagt die 28-Jährige. Sie will Einblicke geben, und zeigen, welche Formen des Abschiednehmens es gibt. „In Deutschland ist der rechtliche Rahmen dafür noch recht eng“, sagt Prisca Kranz. Zum Beispiel für Naturbestattungen. Um mehr darüber zu erfahren und zu fotografieren, reist sie in die Schweiz. Fünf Tage lang begleitet sie einen Deutschen, der dort als Naturbestatter arbeitet. Er verstreut die Asche von Verstorbenen in Flüssen, Bergbächen, in Wasserfällen, an Felsen oder auf Almwiesen. „Manchmal ist man stundenlang zu diesen Orten unterwegs“, sagt die 28-Jährige.

Faible für provokante Themen

Der Umgang mit dem Tod, das Abschiednehmen fasziniert sie. In Karlsruhe besucht sie jemanden, der Totenmasken herstellt. In Berlin schaut sie sich die umstrittene Ausstellung „Körperwelten“ an, ist dabei und fotografiert, wie Leichen für die Ausstellung plastiniert werden. Sie lernt Diamantbestattungen kennen, wobei ein Teil der Asche des Verstorbenen zu einem Diamanten weiterverarbeitet wird. Und erfährt, dass der Fingerabdruck von Verstorbenen in einem Schmuckstück verewigt werden kann.

Prisca Kranz sucht sich für ihre Foto-Arbeiten gezielt provokante Themen aus. Bei einer früheren Arbeit ist sie ins Bremer Rotlichtmilieu eingetaucht. Sie hat mit Prostituierten und Zuhältern gesprochen und in privaten Bordellräumen fotografiert. „Um solche Einblicke zu bekommen, braucht es häufig eine lange Zeit, um das notwendige Vertrauen aufzubauen“, sagt sie. „Das ist ein wesentlicher Teil dieser Arbeiten. Der Kontakt zu den Menschen ist bei all diesen Projekten enorm wichtig. Nur so entsteht die Nähe.“

Mit 39 Bildern ihrer Diplomarbeit hat die 28-Jährige ein Buch gestaltet und es zunächst im Selbstverlag herausgebracht. Ihr Ziel ist es jetzt, einen richtigen Verlag für eine Veröffentlichung zu finden. Dass ihre Fotografien ankommen, hat die Bremerin Anfang Mai bei der Messe „Leben und Tod“ erfahren. Einen kleinen Teil der Bilder hat sie dort in einer Ausstellung präsentiert. „Das Interesse war sehr groß, auch an meinem Buch“, sagt sie. Von einem Fachmagazin habe es bereits eine Anfrage zur Veröffentlichung einiger Fotografien gegeben.

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