Campino in Bremen "Bin nicht bereit, halbe Pulle zu fahren"

Campino, Sänger der "Toten Hosen", fiebert dem Konzert auf der Bremer Bürgerweide entgegen. Im Interview spricht er über zu viel Stress, nächtliche Freibadbesuche und die "Toten Hasen".
29.07.2018, 20:42
Lesedauer: 6 Min
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Von Helge Hommers

Campino, wie geht es Ihnen nach Ihrem Hörsturz?

Ich fühle mich topfit und freue mich wahnsinnig auf die Bürgerweide. Ich weiß, dass die Absage für viele Leute unangenehm war. Das ist für mich die Motivation, mir noch mehr Mühe zu geben als ohnehin schon.

Die Ursache für einen Hörsturz ist häufig Stress. Hatten Sie in letzter Zeit zu viel davon?

Man kann das nicht eindeutig diagnostizieren, aber Stress spielt eine Rolle. Ich bin in den letzten Monaten einen harten Reifen gefahren. Der Aufstieg von Fortuna Düsseldorf, die Champions-League-Reisen mit Liverpool – das war alles in Kombination mit den Bandaktivitäten ein bisschen viel. Ob das der Grund war, weiß man nicht. Ich habe es als Warnhinweis gelesen, dass ich aufpassen soll.

Bremen ist ein besonderes Pflaster für Sie. Vor 36 Jahren hatten Die Toten Hosen im Schlachthof Ihren ersten offiziellen Auftritt. Wie kam es dazu?

Die Vorgängerband der Toten Hosen, ZK (Zentralkomitee Stadtmitte, Anm. d. Red.), war in Bremen sehr beliebt. Wir wurden ständig eingeladen, Konzerte zu geben und schlossen große Freundschaften. Das ging so weit, dass unser Schlagzeuger Fabsi, ein Ur-Düsseldorfer, später nach Bremen zog und hier das Weser-Label gründete. Uns hat die Stadt immer viel bedeutet, und als es hieß, dass sich die ehemaligen Mitglieder von ZK wieder musikalisch betätigen, haben die Bremer als erste „Hier!“ gerufen.

Angekündigt wurden damals „Die toten Hasen“.

Das ist bei den vorangehenden Telefonaten missverstanden worden. Wir fanden das Missverständnis lustig, haben uns nicht gewehrt und gedacht, dass wir das auch später richtigstellen können.

Zurück ins Heute: Beim "Echo" haben Sie eine Rede über künstlerische Freiheit gehalten, für die Sie viel Zustimmung geerntet haben. Haben Sie den Eindruck, dass Sie mit Ihren Worten einen Prozess in Gang gesetzt haben?

Ich hatte bei dieser Rede nie die Absicht, etwas in Gang zu setzen, stelle aber fest, dass der Abend Konsequenzen hatte. Auch wenn man sich bewusst macht, dass der "Echo" nun nicht mehr existiert. Über Wochen wurden sehr heftige Debatten geführt, die immer noch präsent sind. So gesehen hatte meine Aktion also durchaus Sinn. Letztendlich habe ich nur gesagt, was einmal gesagt werden musste. Ich hatte kein Vergnügen daran und wäre auch am liebsten zuhause geblieben. Ich hatte aber das Gefühl: „Wenn du das nicht machst, macht es vielleicht gar keiner“, und das wäre noch beschissener.

Haben Sie den Eindruck, dass die Musikszene zu Themen wie Frauenverachtung, Homophobie und Antisemitismus zu sehr schweigt?

Das kann man so nicht sagen. Das sind komplexe Themen, und es ist zu viel verlangt, eine solche Auseinandersetzung auf die Schultern von einem so oberflächlichen Event wie dem "Echo" zu verlagern. Einerseits haben sich immer alle über den "Echo" lustig gemacht, und andererseits verlangt man, dass ausgerechnet diese Veranstaltung moralische Verantwortung zu zeigen hat. Das ist scheinheilig! Es wäre auch besser gewesen, wenn ein junger Künstler, am besten aus der Hip-Hop-Szene, aufgestanden wäre und Stellung bezogen hätte.

Das hätte eine viel stärkere Aussagekraft, als wenn das ein alternder Rockmusiker aus Düsseldorf tun muss. Die Diskussion, wo Provokation Sinn macht, und ab wann eine Linie überschritten wird, muss sowieso ständig weitergeführt werden. Man sieht ja zum Beispiel auch an der Metoo-Debatte, dass sich gewisse gesellschaftliche Toleranzgrenzen immer wieder verschieben und daran müssen sich auch Kulturschaffende und vor allem Texter orientieren.

Gilt das auch für Die Toten Hosen?

Unser Frühwerk ist sicher voller Sachen, die politisch nicht korrekt sind. Das ist aber auch eine Frage des Zeitgeists. Wir haben „Bis zum bitteren Ende“ im Jahr 1982 geschrieben, bis dahin hatte niemand aus der Jugendszene Lieder übers Saufen gemacht, weil sich das nicht gehörte. Das war ein Skandal. Wir mussten uns damals wegen Alkoholverherrlichung angreifen lassen, vielleicht auch zu Recht. Mir ist klar, dass der "Echo"-Abend nicht bedeutet, dass man daraus Konsequenzen ableiten kann, die für immer Bestand haben.

Sie haben mal gesagt, dass Sie und Ihre Band, als sie zwischen 20 und 30 waren, die Aufgabe hatten, die Jungen von den Alten zu spalten.

Selbst wenn wir das noch tun wollten, könnten wir diese Aufgabe heute nicht mehr übernehmen. Bei allem Respekt, wir gehen mit Riesenschritten auf die Rente zu, wie sollten wir da noch Sprachrohr der Jugend sein? Mit 56 Jahren kann ich nur versuchen, das Gegenteil zu bewirken, also die Leute zusammenzuführen und mich darüber zu freuen, dass verschiedene Generationen zu unseren Abenden kommen. Wenn Eltern mit ihren Kids zu einem Konzert gehen, ist das doch wunderbar.

Ich glaube auch, dass heutzutage das Verhältnis von Eltern und Kindern völlig anders ist, als es zu meiner Zeit der Fall war. Meine Eltern haben als junge Menschen den Krieg erlebt, waren danach bemüht, bürgerlich zu werden, Regeln zu finden und sich wieder ein zivilisiertes Leben aufzubauen. Dann kam die Nachkriegsgeneration und machte sich darüber lustig. Ich glaube, die Erwachsenen heute haben mit ihren Kindern andere Streitpunkte und stehen sich viel verständnisvoller gegenüber.

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„Urknall“, der Auftaktsong auf dem aktuellen Album „Laune der Natur“, klingt wie ein Symbol: Alle sagen, wir können Punk nicht mehr, aber wir können. War das die Intention?

Nicht wirklich. Tatsächlich haben wir gar keine Lust mehr, anderen Leuten zu beweisen, ob wir noch Punk sind oder nicht. Das Lied ist einfach ein bewusster Schritt gewesen, um das Album mit einem Knaller zu starten. Wenn wir singen „Wir wollen zurück zum Ursprung, zurück zum Urknall“, dann heißt das nicht, dass wir wieder die 20-jährigen Deppen sein wollen, die „Opel-Gang“ und „Eisgekühlter Bommerlunder“ gesungen haben. Sondern, dass wir zur Schlichtheit und Einfachheit der damaligen Zeit zurück möchten. Weg vom Roten Teppich, den Preisverleihungen. Wir fühlen uns in Läden wie dem Schlachthof am wohlsten, und das geht auch nicht weg, nur weil man mal bei einer "Echo"-Veranstaltung war.

In „Wie viele Jahre“ singen Sie „Wie viele Jahre kann das so weitergehen?“. Wie lange haben die Toten Hosen noch vor, auf der Bühne zu stehen?

Die Frage in unserem Lied ist ironisch gemeint, weil sie in unserem Leben keine Rolle mehr spielt. Wir nehmen es, wie es kommt. Zu oft haben wir einsehen müssen, dass es zwar nett und schön ist, Pläne zu schmieden, aber wenn das Leben oder das Schicksal die Situation anders gestalten, dann kannst du die in die Tonne werfen. Das kann man ja schon an meinem Hörsturz vor ein paar Wochen sehen. Ich gucke jetzt einfach, was passiert und freue mich über jeden Abend, den ich Vollgas geben kann. Ich bin sicher nicht bereit, halbe Pulle zu fahren, nur damit ich irgendwie ankomme.

Bleiben Sie nach dem Konzert in Bremen? Ist also noch Zeit für einen Freibadbesuch?

Nach diesem Foto haben wir quer durch die Republik viele Einladungen von Freibädern bekommen, die uns angeboten haben, für uns nachts aufzumachen. Sogar die Stadt Dresden hatte ein Einsehen und führt jetzt ein offizielles Nachtbaden ein in derselben Anstalt, in der ich erwischt wurde. Aber es ist ja oft so in der Geschichte der Menschheit: Die Leistungen der Pioniere werden selten gewürdigt. Immerhin: Anfang August machen sie dort mit DJ und speziellem Licht ein Campino-Gedächtnisbaden, das erst um 1:54 Uhr aufhört – also in dem Moment, indem ich das Foto rausgeschickt habe. Die Dresdner beweisen da einen Humor, der uns sehr gefällt.

Sie sind ja auch nicht der Einzige, der so etwas macht oder gemacht hat.

Es war ja auch keine Sachbeschädigung oder Boshaftigkeit. Ich verstehe natürlich schon, wenn die Leute dann von Vorbildfunktion reden. Aber wenn das das Schlimmste ist, was wir zurzeit abliefern, ist das auch irgendwie bedenklich.

Die Fragen stellten Helge Hommers und Jan Heemann.

Info

Zur Person

Campino heißt mit bürgerlichen Namen Andreas Frege. Der Düsseldorfer war Sänger der Band ZK, aus der im Jahr 1982 die Toten Hosen hervorgingen. Vor Kurzem erlitt der 56-Jährige einen Hörsturz, weshalb das für den 16. Juni angesetzte Konzert in Bremen verlegt wurde. Zuvor hatte Campino für Aufsehen gesorgt, als er im Juni nach einem Konzert in Dresden nachts ein Foto aus einem Freibad postete.

Info

Zur Sache

Für das Nachholkonzert, das die Toten Hosen im Rahmen ihrer Tournee „Laune der Natour“ am Sonnabend, 4. August (17.30 Uhr), auf der Bürgerweide geben, sind nach Angaben des Veranstalters noch Karten vorhanden. Als Begleitacts stehen die britische Indie-Rock-Band The Subways, die Ska-Band The King Blues aus London und die Punkband Rogers aus Düsseldorf auf der Bühne.

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