Jan Josef Liefers über seine neue Ermittlerrolle im ZDF und die Zukunft beim „Tatort“ „Binselbst nichtso der Krimifan“

Der Mann ist einfach Kult, auch wenn der Kult um den Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne im „Tatort“ aus Münster inzwischen schon mal übertrieben wird. Seit 2002 verkörpert Jan Josef Liefers den schnöseligen Professor, nun spielt er zusätzlich noch einen zweiten TV-Ermittler – im ZDF ab morgen in dem Krimi „Die letzte Instanz“.
19.01.2014, 00:00
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Der Mann ist einfach Kult, auch wenn der Kult um den Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne im „Tatort“ aus Münster inzwischen schon mal übertrieben wird. Seit 2002 verkörpert Jan Josef Liefers den schnöseligen Professor, nun spielt er zusätzlich noch einen zweiten TV-Ermittler – im ZDF ab morgen in dem Krimi „Die letzte Instanz“. Cornelia Wystrichowski hat mit Liefers alias Rechtsanwalt Joachim Vernau gesprochen.

Herr Liefers, die Zuschauer kennen und mögen Sie als Gerichtsmediziner Boerne aus dem Münster-„Tatort“. Was hat Sie gereizt, daneben die Rolle als Rechtsanwalt Joachim Vernau fürs ZDF zu übernehmen?

Jan Josef Liefers: Vernau ist ein kleiner Windhund, der dem Leben elastisch und verspielt begegnet. Er hat Prinzipien und ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl, ist aber nicht durchdrungen von Sendungsbewusstsein. Solche Figuren sind selten in der deutschen Krimilandschaft – viele Ermittler sind eher pflichtbewusst, fleißig, rechtschaffen.

Dann ist es wohl nicht Ihr Ding, dass so viele Fernsehkrimis permanent den moralischen Zeigefinger heben?

Das Tolle an den Krimis von Elisabeth Herrmann, auf denen unsere Filme basieren, ist, dass sie unterhaltsame Krimis mit politischen oder geschichtlichen Ereignissen verknüpft, über die wir wenig wissen. Aber sie tut es nicht auf belehrende Art und Weise – und dazu passt dieser Vernau mit seiner Nonchalance und Lässigkeit ganz gut.

Im neuen Film geht es unter anderen um die Folgen der Betriebsstilllegungen nach der Wende, es wird Kritik an der Treuhandanstalt geübt. Lag Ihnen als ehemaligem DDR-Bürger dieses Thema besonders am Herzen?

Die Treuhand ist auf jeden Fall mehr als einen Krimi wert – da gibt es so viele abenteuerliche Geschichten, die noch unerzählt sind. Das Wort Treuhand fällt nicht so oft im deutschen Fernsehen. Über die Zeit bis zum Mauerfall haben wir Filme bis zum Abwinken, aber über das Jahrzehnt 1990 bis 2000 redet niemand groß. In unserem Film geht es aber aus meiner Sicht eher um das generelle Thema Rechtsprechung kontra Gerechtigkeit.

Es geht um eine Gruppe selbst ernannter Rächer, die Täter bestrafen will, die vor Gericht ungeschoren davongekommen sind.

Kann ein Gericht Gerechtigkeit herstellen? Oder sorgt es nur für die Einhaltung der Gesetze? Was ist überhaupt Gerechtigkeit? Oft gibt es ja Urteile, die uns die Haare zu Berge stehen lassen, so ungerecht scheinen sie uns. Eigentlich denke ich, dass wir ein gutes Rechtssystem haben. Ich finde allerdings, dass Richter in besonderen Fällen durchaus verpflichtet werden sollten, ihre Urteile öffentlich zu erklären und sich dem Gegenwind zu stellen. Wenn Urteile das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung brüskieren, ist das besonders wichtig.

Nach dem großen Quotenerfolg von Vernaus erstem Fall 2012 setzt das ZDF die Anwaltsgeschichten jetzt als Krimireihe fort. Mussten Sie als „Tatort“-Star die ARD dafür um Erlaubnis fragen?

Nein. Ich plaudere mal aus, dass es eine Übereinkunft mit der ARD gibt, die ausschließt, dass ich einen Rechtsmediziner in einem anderen Krimiformat spiele. Damit schützt man den Professor Boerne aus dem Münster-„Tatort“ vor Eigenkonkurrenz. Davon abgesehen würde ich das schon von mir aus gar nicht wollen. Andere Arten von Ermittlern sind möglich, und das ist auch gut so, denn geschätzte 80 Prozent aller deutschen Filme sind ja nun mal Krimis.

Finden Sie das schlecht?

Naja. Manchmal hat man das Gefühl, es werden überhaupt nur noch Beziehungskomödien oder Krimis gedreht. Aber das Publikum mag es halt, und die Sender merken das an den Quoten. Die ARD hat ja an Weihnachten und zum Jahreswechsel ein „Tatort“-Gewitter auf uns alle niedergehen lassen, und es hat super funktioniert. Ich mache trotzdem stur auch viele andere Filme, im letzten Jahr allein drei, die 2014 in die Kinos kommen werden. Die Münster-„Tatorte“ sind zwei pro Jahr, und jetzt kommt ab und an mal ein „Vernau“ dazu.

Schauen Sie selber sonntags regelmäßig „Tatort“?

Gelegentlich. Ich bin selber nicht so der Krimifan. Hauptsache ist doch, dass die Geschichte stimmt. Spannung schadet natürlich nie, und jede Komödie kann Melancholie vertragen, genauso wie jede dramatische Geschichte Humor verträgt. Ich mische gern, aus Überzeugung.

Was sagen Sie zu der Kritik, dass der Münster-„Tatort“ manchmal übers Ziel hinausschießt und zu albern ist?

Ich halte das durchaus für möglich. Ich selbst erkenne auch gelungenere und nicht so gelungene Folgen aus Münster. Ein Fußballer schießt auch nicht jedes Mal sechs Tore. Aber was wäre die Alternative? Die Nummer sicher? Nee! Lieber soll auch mal ein Schuss daneben gehen, als dass man gar nicht mehr schießt und nur noch zielt.

Also wird der Münster-„Tatort“ jetzt nicht generell ernster? Die neulich gezeigte Folge „Die chinesische Prinzessin“ war ja deutlich weniger komisch.

Je nach Geschichte. Der Münster-„Tatort“ ist dazu verurteilt, sich immer wieder neu zu erfinden, immer wieder überraschend zu sein. Das haben wir uns selber eingebrockt, weil wir ganz schön an den Schrauben gedreht haben. Die Figuren bleiben auf jeden Fall, wie sie sind.

Es gibt ja immer wieder Gerüchte um ein mögliches Ende für den Münster-„Tatort“. Wie lange wollen Sie den Professor Boerne noch spielen?

Gerade ist es noch sehr schön mit dem „Tatort“. Aber auch eine lustige und interessante Konstellation wie unsere hat wahrscheinlich eine Halbwertszeit. Irgendwann wird es genug sein, und dann werden wir aufhören. Nicht heute oder morgen. Aber wenn ich 90 bin und dann noch lebe, werde ich keinen Münster-„Tatort“ mehr machen.

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