KONZERT

Blechschaden in der Glocke

Bremen. Alle Jahre wieder, mittlerweile seit fast dreißig Jahren, ziehen die selbsternannten Fremdenlegionäre der Münchner Philharmoniker als „Blechschaden“ durch die Lande. Die zwölf befrackten Herren, durchweg auf gute Laune gebürstet, gaben auch in der Glocke ein Stelldichein.
14.01.2014, 00:00
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Von Gerd Klingeberg

Alle Jahre wieder, mittlerweile seit fast dreißig Jahren, ziehen die selbsternannten Fremdenlegionäre der Münchner Philharmoniker als „Blechschaden“ durch die Lande. Die zwölf befrackten Herren, durchweg auf gute Laune gebürstet, gaben auch in der Glocke ein Stelldichein. Das Konzept der profilierten Musiker besteht einerseits aus Blechbläserei auf höchstem Niveau. Aber das alleine fände kaum solch nachhaltigen Anklang ohne die locker-flockige Moderation von Erfinder und Leiter Bob Ross. Zu schön, wie der mit seinen 158 Zentimetern Körpergröße kokettierende Schotte, stilgerecht im großkarierten Frack, witzelnd und kalauernd immer neue und verblüffende Gags zu allen nur erdenklichen Themen auf Lager hat. Selbst banale Sprüche haut er so trocken heraus, das sie schallendes Gelächter hervorrufen.

Die kurzweilige Programmabfolge ist blechschadenüblich bunt gemischt. Barocke Töne, etwa Bachs berühmte d-Moll-Toccata („in schottischer Kurzfassung – ohne Orgel“) oder Vivaldis Konzert für zwei Trompeten wurden gnadenlos zu fetzigem Big-Band-Sound umarrangiert, der mit knallend geschmetterten Trompetenstakkatos den nötigen Pep bekommt. Walzer Nr. zwei von Schostakowitsch, Schrammels „Wien bleibt Wien“ oder den „Mexican Hat Dance“ absolviert die Truppe in kaum vorstellbarem Affenzahn, aber dennoch präzise intoniert; das ist Lippen-Schwerstarbeit, die aber immer spielerisch leicht anmutet. Und auch die eher leisen, getragenen Töne finden dazwischen ihren Platz; das schottische Traditional „Aye Waukin‘ O“, mit gefühlvoll angesetzten Akkorden präsentiert, oder das ebenfalls aus Schottland stammende Liebeslied „Makin‘ Whoopee“ mit Bassposaunensolo im grummelnden Tieftonbereich, laden sogar zum kurzzeitigen Träumen ein. Der moderate Beatles-Titel „Norwegian Wood“ wird im Arrangement zur arg aufgedrehten Nummer: Schlagzeuger Arnold Riedhammer nutzt ihn zu seinem Solo, bei dem er die Schlagstöcke furios selbst auf Mikro- und Notenständern oder einfach auf dem blanken Bühnenboden wirbeln lässt. Schließlich ist auch noch Zeit für den Aida-Triumphmarsch – zur Gaudi der Zuhörer statt auf Aida-Trompeten gekonnt auf sechs Gartenschläuchen getrötet, einen nicht ganz originalen Zorbas-Sirtaki in markiger Blechbläserversion, „Kalinka“ im Tuba-Schweinsgalopp und „YMCA“ zum Mitschmettern. Gerd Klingeberg

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