Bürgermeister Johann Hemeling sorgte vor 600 Jahren im Dom für eine eigens eingerichtete Kapelle Bremen als Pilgerstadt

Die ersten Bremen-Touristen? Das sind die mittelalterlichen Pilger gewesen. Ihnen ging es nicht um Sehenswürdigkeiten, sondern um das Seelenheil und oft auch um die Gesundheit. Anno 1414 entstand für sie im St.-Petri-Dom eine zusätzliche Kapelle. Teile der Wandmalereien sind im Dommuseum zu besichtigen.
10.08.2014, 00:00
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Von Erika Thies

Die ersten Bremen-Touristen? Das sind die mittelalterlichen Pilger gewesen. Ihnen ging es nicht um Sehenswürdigkeiten, sondern um das Seelenheil und oft auch um die Gesundheit. Anno 1414 entstand für sie im St.-Petri-Dom eine zusätzliche Kapelle. Teile der Wandmalereien sind im Dommuseum zu besichtigen.

Bremen. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts erlebte Bremen eine verhältnismäßig gute Zeit. Der Erzbischof hatte den Bürgern nun kaum noch was zu sagen. Die Friesen waren friedlicher geworden, die Seeräuber waren besiegt. Die Handelsschifffahrt blühte. Stolz gönnten sich die Bremer ein neues Rathaus, und auf dem Marktplatz stand nun der steinerne Roland mit einer Schild-Inschrift, wonach der Stadt ihre „vryheit“ schon durch Kaiser Karl den Großen verliehen worden sei. Das stimmte zwar nicht, wurde aber durch angeblich echte Urkunden belegt.

An diesen Fälschungen, hieß es lange, sollte Bürgermeister Johann Hemeling (1358–1428) maßgeblich beteiligt gewesen sein. Inzwischen sind sich die Historiker da längst nicht mehr so sicher. Unbestritten ist aber nach wie vor: Der tatkräftige und reiche Hemeling gehörte als verwaltender Dom-Bauherr (buwmester, structuarius) in Bremen zu den einflussreichsten Persönlichkeiten. Er war es auch, der im St.-Petri-Dom speziell für Pilger eine neue Kapelle einrichten ließ. Tat er es vielleicht mehr des Geldes als des Glaubens wegen? Diese Investition, rechnete er jedenfalls vor, werde sich in Zukunft zehnfach bezahlt machen – „so kumpt id alto male teynfach yn“.

Kleine Sonderführung

Über die „capella beate Marie“ und ihr weiteres Schicksal wird im nächsten Bremischen Jahrbuch der Historischen Gesellschaft ein Aufsatz von Ingrid Weibezahn erscheinen. Die frühere Leiterin des Dommuseums meinte aber, auch der Tag, für den sich die Kapelle erstmals urkundlich nachweisen lässt, dürfe nicht unbemerkt vorübergehen. Er jährt sich am 14. August zum 600. Mal. Im Vorfeld dieses Jubiläums luden die Museumsleiterin Henrike Weyh und ihre Vorgängerin Ingrid Weibezahn zu einer kleinen Sonderführung ein.

Hauptthema waren die einst für diese Kapelle gemalten Fresken. Es sind die ältesten in Bremen erhaltenen Wandmalereien. Sie wurden überraschend wiederentdeckt, als der Bleikeller in den 1980er Jahren umzog. Seine bisherigen Räumlichkeiten, die in das neue Dommuseum einbezogen werden sollten, hatten einst als Kapelle gedient. Ihr Wandschmuck kam nun unter dem Putz wieder zum Vorschein.

Die auf den Fresken dargestellten Christus-Szenen beziehen sich offenbar auf Reliquien, die es im mittelalterlichen Bremer Dom gab. Dazu gehörten – man staune! – sogar ein Gewand des Erlösers, eine Geißel, mit der man ihn schlug, Splitter vom Kreuz, an das man ihn nagelte, und Teile von seiner Dornenkrone. Außerdem unter anderem: ein Krug von der Hochzeit zu Kana, ein Zahn von Johannes dem Täufer, Armknochen von Petrus und Paulus, Teile des Stabes, mit dem Moses das Rote Meer zerteilte – und sogar Muttermilch von Maria.

In seinem „Diplomatarium fabricae ecclesiae Bremensis“ ließ Johann Hemeling um 1415/20 den Gesamtbestand von mehr als 200 Reliquien festhalten. Dieses Merkbuch belegt beispielsweise auch, dass der Dom 13 Körper von Heiligen besaß, darunter auch Cosmas und Damian. Die Überreste der berühmten Arztheiligen waren anno 965 von Erzbischof Adaldag aus Rom mitgebracht worden, sie gerieten in Vergessenheit – bis Erzbischof Burchard Grelle sie 1334 wunderbarerweise wiederfand und dadurch den vermutlich gerade etwas erlahmten bremischen Pilgertourismus ankurbelte. Johann Hemeling orderte um 1400 für die beiden Heiligen einen kostbaren Schrein, der als das schönste Beispiel bremischer Handwerkskunst des Mittelalters gilt. Die Häupter der beiden Heiligen wurden dem andächtigen Volke bei besonderer Gelegenheit gezeigt.

Die Religiosität des mittelalterlichen Menschen voller Höllenangst, Weltuntergangsstimmung und Wunderglauben ist uns heute sehr fremd. Dass im Dom mal an 57 Altären gebetet werden konnte, erscheint fast unvorstellbar. Nicht zuletzt auch die Hoffnung auf Genesung hatte fast von Anfang an auch Kranke in das Gotteshaus geführt. Schon an das Grab des ersten Bremer Bischofs, des Heiligen Willehad (gestorben 789), waren sie gepilgert. Erzbischof Ansgar (gestorben 865) hielt die 34 dort geschehenen Wunder schriftlich fest: Hrotgardis aus Lesum konnte wieder gehen, Dislinth aus Schmalenfleth auf dem linken Auge wieder sehen, Hruodwig aus Steimke bei Syke wieder sprechen. . .

Zunehmend wohlhabende Pilger

Anfangs mögen vor allem die Armen und Verzweifelten gekommen sein. Später wurde die immer größere, immer reicher ausgestattete Bremer Kirche auch zum Ziel wohlhabender Pilger, an denen was zu verdienen war. Sie mussten irgendwo schlafen und essen, sie spendeten Opfergaben, sie kauften bei ihrem Bremen-Besuch das ein oder andere ein. Ein zusätzlicher Anziehungspunkt – wie Hemelings neue Marienkapelle – verstärkte den Zustrom.

Inzwischen lebten die Herren des Domkapitels nicht mehr wie einst nach mönchischen Regeln. Söhne des Adels und des gehobenen Bürgertums, die hier eine adäquate Versorgung fanden, hatten nur noch selten Lust, auch geistliche Funktionen zu übernehmen. Diese Aufgaben übertrug man an Vikare, die dafür bezahlt wurden und von denen es am Dom inzwischen über 40 gab.

In der Urkunde, durch die man von der neuen Marienkapelle weiß, bestätigte Erzbischof Johann Slamsdorp, dass Dombaumeister Hemeling eine solche Vikarie stiftete – mit dem Priester Ethelbold aus Tossens als Vikar. Gleichzeitig behielt sich Hemeling die Stiftung einer zweiten Vikarie vor. Onneko aus Schortens erhielt sie schon zwei Monate später. „Anscheinend“, vermutet Ingrid Weibezahn, „war der Andrang zu den Votivmessen in der Marienkapelle so groß.“

Was mag nach der Reformation aus den bremischen Reliquienschätzen geworden sein? Vom Cosmas-und-Damian-Schrein weiß man es. Er befindet sich in der Jesuitenkirche St. Michael in München. Das inzwischen lutherische Domkapitel hat ihn 1648 verkauft. Da der bayrische Kurfürst Maximilian als neuer Eigentümer selbst schon zwei Cosmas-und-Damian-Häupter besaß, blieben die beiden Schädel in Bremen zurück.

Hier waren sie, wie Wilhelm Tacke in seinem Buch über die katholische Propstei-Kirche St. Johann schreibt, 1934 noch mal ausgestellt, wurden dann aber 1968 von Propst August Sandtel als vermutlich unecht aus dem Verkehr gezogen und sind schließlich 1994 unter dem Mittelschiff des Gotteshauses zur allerletzten Ruhe gebettet worden.

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