Bremer Stand-Up-Comedienne

„Ich bin meine eigene Randgruppe“

Die Bremerin Christin Jugsch ist Stand-Up-Comedienne, Schauspielerin und seit Neuestem auch Podcasterin bei „Hexenkessel.“ Sie erzählt, wie es ist, eine junge Frau in der Comedy-Branche zu sein.
05.02.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
„Ich bin meine eigene Randgruppe“
Von Patricia Friedek

„Hallo Freunde der Nacht, willkommen zu einer neuen Folge Hexenkessel, mit euren drei liebsten Hexen: Laura Brümmer, Silvi Carlsson und Christin Jugsch – that's me!“ Kichern aus dem Hintergrund, noch ein paar einleitende Worte, lautes Gelächter. Die drei Frauen witzeln ein bisschen herum, über Mickie Krause oder das Gesundheitsamt, bis ein Jingle ertönt: Die Tarot-Karte der Woche wird gezogen. Was könnte diese Karte bedeuten in dieser Zeit, im Lockdown und überhaupt? Es wird ernster in der Runde, dann startet eine der drei mit dem Thema der Podcast-Folge: das Bereuen. Was wäre passiert, wenn das Leben eine andere Ausfahrt genommen hätte, wenn man nur eine kleine Entscheidung anders gefällt hätte?

Im Podcast „Hexenkessel“, spricht die Bremerin Christin Jugsch jede Nacht von Freitag auf Sonnabend mit ihren beiden Kölner Freundinnen über Dating, Jugendsünden und andere persönliche Themen. Die 34-Jährige ist Stand-Up-Comedienne, Schauspielerin und seit neuestem eben auch Podcasterin. 2016 gründete sie das Comedy-Label „Lachen ist Bremer Recht“, eine Stand-Up-Comedyshow, die erst im Tower-Musikclub, später im Fritz-Theater gespielt wurde.

Eigentlich sollte 2020 ihr Jahr werden, sagt Jugsch, mehr Auftritte, ein eigenes Solo-Programm. Durch die Pandemie verschiebt sich alles nach hinten. Jugsch hat deshalb einen 30-Stunden-Job als Sozialarbeiterin angenommen, das hat sie mal studiert. Durch den Lockdown gab es dann aber auch mehr Raum, etwas Neues zu machen – im Oktober vergangenen Jahres ging die erste Folge „Hexenkessel“ auf dem Streamingdienst Spotify online.

Christin Jugsch erntet oft sexistische Kommentare

2000 bis 5000 Hörerinnen und Hörer hat die Sendung pro Folge; viele von ihnen sind Frauen, weiß Jugsch aus den Statistiken. Was bei der Betrachtung des Podcast-Covers sofort auffällt: Alle drei haben rote Haare, gefärbt oder natürlich. Daher die Hexen-Assoziation. Für Christin Jugsch war der rote Schopf schon immer etwas, was sie hervorgehoben hat, sagt sie. In der Schule zogen Mitschüler sie damit auf, heute macht sie selbst Witze darüber. „Ich bin meine eigene Randgruppe“, behauptete sie einmal auf der Bühne, weil sie zusätzlich noch Linkshänderin ist. Weil sie genervt davon war, immer wegen ihrer Haarfarbe abgestempelt zu werden, habe sie früher gefärbt. Das macht sie jetzt nicht mehr, und mittlerweile ist da sowieso nur noch ein leichter Rotstich. Sommersprossen und helle Haut sind geblieben. Und die Kommentare, besonders von Männern.

„Männer sind in Instagram-Nachrichten häufig grenzüberschreitend. Da musste ich in der Vergangenheit schon einige blockieren“, sagt sie. Die Comedienne lädt in den sozialen Medien kleine Sketch-Videos hoch. Als Antwort erntet sie oft sexistische Kommentare. Erst kürzlich hat sie ein paar Comedy-Videos zur sogenannten biologischen Uhr der Frau veröffentlicht, gleich habe ihr jemand geschrieben: „Such' dir doch mal einen anständigen Kerl.“

Christin Jugsch fehlt das Publikum in der Zeit des Lockdowns

Jugsch trägt beim Video-Gespräch mit dem WESER-KURIER einen schwarzen Pullover, auf den Brüste gezeichnet sind. Ob sie Feministin sei? „Ja, schon, aber nicht so aktivistisch.“ Jugsch mag es vor allem lustig. Ein Klassenclown sei sie schon immer gewesen, das habe sie von ihrer Mutter. Auch im Freundeskreis sei sie als Spaßvogel bekannt. Doch obwohl Christin Jugsch sehr offen wirkt und erklärt, dass es ihr meist egal sei, was sie sage, zähle sie in ihrem Kölner Freundeskreis doch eher zu den Reservierten.

2017 ist sie umgezogen. Sie mag die rheinische Frohnatur, sagt sie, doch die norddeutsche Zurückhaltung merke man ihr in Köln schon an. „Mit dem Karneval habe ich mich auf jeden Fall angefreundet“, sagt Jugsch und lacht, was sie auch sonst häufig nach einem Satz tut.

Dass sie für die Bühne gemacht ist, wusste Christin Jugsch schon früh. In der Familie war sie immer die Entertainerin, in der Schule spielte sie Theater. Mit 23 machte sie dann eine Schauspielausbildung, wurde aber kurz danach auf den harten Boden der Realität geholt. Nach einem Jahr war Jugsch klar: Sie will nicht mehr darauf angewiesen sein, gefunden zu werden, sie will selbst aktiv werden und auftreten. Und genau das fehle ihr in der Lockdown-Zeit sehr. „Stand-Up kann man nicht zu Hause üben. Man braucht das Feedback des Publikums.“ Um weiterhin kreativ zu bleiben, schreibt Jugsch gerade viel. In der Hoffnung, dass sie dieses Jahr das nachholen kann, was sie im vergangenen verpasst hat.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+