Neues Album von Shiml

Bremer Hip Hop: Schlaflos in Bremen-Ost

Acht Jahre hat der Rapper Shiml kein Album veröffentlicht. Nun meldet er sich zurück, mit seinem Debüt bei Universal. Er musste Bremen verlassen, um über das Erwachsenwerden in der Vahr zu schreiben.
26.07.2018, 14:49
Lesedauer: 6 Min
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Bremer Hip Hop: Schlaflos in Bremen-Ost
Von Nico Schnurr
Bremer Hip Hop: Schlaflos in Bremen-Ost

Acht Jahre hat Jan Viohl kein Album als Shiml veröffentlicht. Nun ist der Bremer Rapper zurück. Sein Universal-Debüt erscheint an diesem Freitag.

We Are Yawn

Es ist Mitternacht, die Breminale leert sich, und Jan Viohl ist noch immer voller Glück. Am liebsten würde er gerade ganz Bremen umarmen. Viohl war weg, aus Bremen, aus der deutschen Rapszene, eine Ewigkeit ohne Konzert. Und jetzt Breminale. Haben ihn die Leute vergessen, seine Songs? Haben sie nicht. Von der Bühne aus blickt Viohl im Halbdunkel auf den Deich, er sieht kein Grün. Überall Menschen, seine Familie ist gekommen, seine Freunde, einige Tausend andere dazu. So, findet er, kann man doch zurückkommen.

Lange ist Jan Viohl unter seinem Künstlernamen Shiml der erfolgreichste Rapper aus Bremen. Dann wird es still. Acht Jahre ohne Album. Im deutschen Rap, dieser immerzu jetztjungen Szene, in der man schon nach zwei Jahren ohne neues Material als halb tot gilt, grenzt so eine Pause an Mumienstatus. Doch Viohl braucht Zeit. Er muss Bremen verlassen, um wieder Songs schreiben zu können. Um „Agora“ aufzunehmen, sein Debüt bei Universal, das an diesem Freitag erscheint und vom Erwachsenwerden in der Vahr handelt.

Zwischen Partydrogen und Pizzabestellungen

Jan Viohl ist 25, als er raus muss. Er, der als Shiml mit Songs bekannt wurde, in denen er Tequilanächte auf der Bremer Discomeile vertonte, hat genug. Von Tequilanächten, von Bremen, von der Zwei-Zimmer-Wohnung in der Vahr. Von diesen Tagen in Endlosschleife. Irgendwann am Nachmittag klingelt das Telefon, einer der Jungs ist dran. Geht was? Natürlich geht nichts, also Standardprogramm.

Im Auto durch die Stadt, zwei Kumpels vorn, zwei hinten, daneben auf der Rückbank der Wodka, die Pappbecher. Parkhäuser, Sparkassen ansteuern, irgendwo angetrunken rumstehen. Am nächsten Tag von vorne. Neue Vahr Süd, gelebte Ziellosigkeit. Es ist einer dieser Sonntage, an denen die Reißbrettblöcke und der Himmel über der Vahr auf Viohl noch ein bisschen grauer wirken als sonst.

Er hockt am Küchentisch, übernächtigt, seit drei Tagen wach. Schlaflos in Bremen-Ost, die nächste Episode. Wie lang will er sich dieses Leben zwischen Partydrogen und Pizzabestellungen noch antun? Hat er das alles noch unter Kontrolle, oder ist es dafür schon zu spät? Er weiß es nicht.

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Aber jetzt, wieder nüchtern, spürt Viohl die Panik, die in ihm aufkommt, wenn er an das denkt, was kommt. Er hat miterlebt, wie das ständige Feiern bei Bekannten gekippt ist. Wie die abgerutscht sind, kleben geblieben, verstrahlt. Und jetzt er? Wenn er mit seinem Leben mehr vorhat, als viermal in der Woche am Tresen zu hängen, bis es wieder hell ist, dann muss er jetzt hier weg.

Ein paar Jahre später erinnert Viohl sich an den Sonntag am Küchentisch. Er wohnt da längst nicht mehr in Bremen, stattdessen Düsseldorf, später Hamburg. Viohl arbeitet im Marketing, Führungsposition, er ist ruhiger geworden, solide. Er blickt zurück, auf Bremen, auf jenen Sonntag, und er schreibt einen Song darüber: „Parabel“. Er steht in der Mitte seines neuen Albums, der fünfte von zehn Songs, der wohl wichtigste. Der Nullpunkt. Er markiert den Moment der Entfremdung – von sich und von Bremen.

Agora, so nannten die Griechen in der Antike das Zentrum der Stadt. Viohls „Agora“ ist Bremen, die Clubs und Bars der Stadt, die Orte und Erinnerungen „zwischen Steintor und Neuwieder Straße“. Damals, als er nicht weiß, woher die Panik in ihm kommt, stößt er im Netz auf die sogenannte Agoraphobie. Eine Angststörung, gebunden an Orte und Situationen. Shimls Konzeptalbum spürt dieser Agoraphobie nach, den Augenblicken, wenn aus jugendlicher Unbeschwertheit Unbehagen vor der Zukunft wird.

"Mehr als ein Hochglanzprodukt"

„Das war eine ziemlich ekelige Zeit für mich“, erinnert sich Viohl. „Ich bin damals in eine ganz seltsame Depression gefallen.“ Er sagt das mit der Gelassenheit eines Typen, der seine bösen Geister besiegt hat. Viohl, inzwischen 33, Vollbart, Cap tief ins Gesicht gezogen, die Silberkette tänzelt übers schwarze Shirt, wirft sich zurück in seinen Sessel und blickt aus der Fensterfront des Lofts, runter in den Innenhof.

Steaks auf dem Grill, Bierflaschen klirren, eine Runde aus Mittdreißigern sieht, wie England auf dem Bildschirm vor ihnen gerade die WM für Schweden beendet. Viohl hat einen langen Drehtag in Bremen hinter sich. Jetzt besucht er hier im Steintor ein paar Freunde. Bis sein Album erscheint, sind es da noch drei Wochen.

Zuletzt hat er viel darüber nachgedacht, wie die neuen Songs wohl auf andere wirken werden. Ein bisschen komisch ist es schon, findet Viohl, nun können die Leute hören, wie er sich vor einer halben Ewigkeit gefühlt hat. „Einige werden denken: Der Typ ist ja völlig durch, total fertig.“ Dabei sind einige Stücke vier, fünf Jahre alt, die Krisen längst durchlebt und überstanden.

"Eine ganz seltsame Depression"

Aber natürlich könnte er seine Geschichte der vergangenen acht Jahre nicht ohne Songs wie „Parabel“ erzählen, da würde was fehlen. „Also muss ich da jetzt halt durch.“ Vielleicht wird das ein bisschen unangenehm für ihn, denkt er sich, aber lieber so, als Songs über italienische Designermarken oder imaginierte Drogenverkäufe zu schreiben.

Bevor er sich reinsteigern kann in den Gedanken, dass ihn bald alle für ein mentales Wrack halten werden, schwirrt ihm auch schon anderes durch den Kopf. Gerade ist viel los, der Marketingjob, dazu die Interviews, Videodrehs. Promophase nennen sie das in dem Teil des deutschen Raps, wo sie versuchen, der Gefolgschaft sogenannte Deluxe-Boxen unterzujubeln, 50 Euro teure Schachteln, nebst CD randvoll mit Ramsch, Gutscheine für Fitnessstudio-Ketten etwa, Goldzahn-Imitate oder, wirklich wahr, echtem Rapper-Blut, in kleine Plastikanhänger gefüllt.

Macht Viohl, natürlich, alles nicht. Keine Box, keine leicht bekömmlichen Singles für die Streamingdienste, nicht mal Gastbeiträge prominenter Rapper. Er sagt: „Hip-Hop ist für mich mehr als ein Hochglanzprodukt, das bestmöglich vermarktet werden will. Dafür trage ich das zu sehr in mir.“

Die Vahr, ein verbotener Abenteuerspielplatz

Jan Viohl wächst in der Vahr auf. Behütetes Beamten-Elternhaus, schwieriges Umfeld. Wenn er von seiner Jugend erzählt, dann klingt es, als wäre dieser Stadtteil, eher als Adresse der Ödnis bekannt, das aufregendste Stück Bremen, ein riesengroßer, verbotener Abenteuerspielplatz. Auf Häuserdächern, zu denen man sich unerlaubt Zutritt verschafft hat, in den Sonnenuntergang tanzen, solche Geschichten. Die größte Rebellion aber ist Rap.

Das bisschen jugendlicher Irrsinn, etwas Unfug hier, mal eine kaputte Scheibe da, das verstehen seine Eltern. Rap verstehen sie nicht. Auch bei seinen Lehrern und vielen Mitschülern: pures Unverständnis. „Das habe ich geliebt“, sagt Viohl. Verstanden wird er woanders, im Schlachthof, im Steintor. Weberstraße, Meister-Proper-Keller, Viohl misst sich im Freestyle. Er ist gut, verdammt gut. Mit 20 unterschreibt er einen Plattenvertrag.

Doch in den nächsten Jahren liegt die Szene brach. Wer hip ist, tanzt zu Indie. Es ist 2005, und deutscher Rap ist in den Augen der Mehrheit was für Körperklause in dämlich weiten Jeans. In der ermüdendsten Phase des Genres gehört Viohl zu einem der größten Versprechen auf bessere Zeiten: Selfmade Records. Das Düsseldorfer Label sucht nach Charakteren und nimmt Künstler wie den Bremer unter Vertrag, Kollegah, Casper.

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Als Shiml bringt Viohl zwei Soloalben bei Selfmade raus. Doch bevor es mit Rap auf Deutsch wieder so richtig beginnt, ist für Shiml Schluss. Er hat andere Sorgen, weg aus Bremen, das Leben auf die Reihe kriegen. Wenige Jahre nachdem Shimls letzte Soloplatte erscheint, füllt Casper mit seiner Kreuzung aus Rap und Rock die größten Mehrzweckhallen des Landes.

Pumpt Kollegah seinen Bizeps auf, bis er zu platzen droht, stellt die eingeölten Muskeln in Videos aus, fabuliert dazu kruden Kram über irgendeine Weltverschwörung, und wird schwerreich mit seinem Fitnessprogramm, der „Bosstransformation“. Und Shiml? Der heißt jetzt wieder Jan Viohl und sitzt im Büro. Marketing, Nine-to-five-Alltag. Und auf einmal läuft deutscher Rap überall, auf Pausenhöfen, im Radio, in Clubs. Nur Viohl läuft nirgendwo. Klar, Rap war nie sein Plan A, aber kurz ärgert ihn das alles trotzdem.

Skizzen aus dem Bremer Bunker

Es braucht ein paar Jahre, bis er „wieder hungrig ist“. Viohl kramt alte Skizzen raus, die er noch in Bremen aufgenommen hat, mit einem 80-Euro-Mikro auf einer Sperrmüll-Couch in einem Sebaldsbrücker Bunker, und er beginnt, an einem neuen Album zu arbeiten. Als „Agora“ fertig ist, profitiert auch
Viohl davon, dass Rap nun überall ist.

Auch in den Chefetagen der großen Plattenfirmen. Sein bester Kumpel aus Bremen, Max Mönster, ist jetzt Label-Manager bei Universal Urban. Gemeinsam haben sie zwei Alben rausgebracht, als Duo, nun veröffentlicht Mönster die Platte von Viohl. Er, der acht Jahre weg war, steht plötzlich auf dem gleichen Label unter Vertrag wie Sido, Motrip, Nimo.

Viohl kann verstehen, wenn die Leute das wundert. „Natürlich ist das ein Kumpelding. Aber warum auch nicht?“ Das war Rap für ihn ja immer: ein Kumpelding. Was er damit meint, zeigt die Breminale. Jan Viohl steht da oben nicht allein. Max Mönster ist aus Berlin gekommen, Bühne statt Universal-Büro, das erste Mal seit Ewigkeiten. Gemeinsam spielen sie alte Songs, und kurz ist am Osterdeich wieder 2005. Bremer Jugend, zusammengefasst in drei Minuten.

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