Die ersten Anfänge: Wie sich das Schauspiel in der Hansestadt entwickelt hat

Bremer Theatergeschichte

Bremen. Bei einem heftigen Gewitter traf ein Blitz 1739 den Pulverturm „Zwinger“ auf der Halbinsel zwischen Großer und Kleiner Weser. Der Turm explodierte mit mächtigem Knall.
15.01.2017, 00:00
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Bremen. Bei einem heftigen Gewitter traf ein Blitz 1739 den Pulverturm „Zwinger“ auf der Halbinsel zwischen Großer und Kleiner Weser. Der Turm explodierte mit mächtigem Knall. 31 Menschen kamen ums Leben, viele Häuser wurden dabei zerstört. Am Sonntag darauf waren die Kirchen überfüllt. Die Kanzelredner erklärten den Blitzschlag als Strafe Gottes für die Hoffart und weltliche Gelüste. Der geistliche Zorn richtete sich auch gegen die gelegentlich auftauchenden fahrenden Schauspieltruppen, die auf provisorischen Bretterbühnen ihre derben Späße vortrugen.

Ein Jahr vor dem Blitzschlag hatte Friederike Caroline Neuber, kurz „Die Neuberin“, 1738 in Hamburg mit ihrer Theatertruppe gastiert. Ihr Gesuch, dort eine feste Spielstätte zu bekommen, wurde vom Hamburger Senat abgelehnt. Auch in Bremen beantragte sie eine Aufführung. Bei der aufgeheizten Stimmung wurde ihr Antrag schroff abgelehnt. Fahrende Schauspieler galten allgemein als sittenlos und verwerflich – was allerdings für „die Neuberin“ nicht zutraf. Die hatte darauf hingewiesen, dass sie den „Hanswurst“ abgeschafft hat, der als dummer August zum Gaudium des Publikums Obrigkeit und Kirchen verspotten durfte.

Einen völlig anderen Rang als die fahrenden Schauspieler genoss das sogenannte „Liebhabertheater“. Dabei spielten sogar Fürsten und hohe Regierungsbeamten mit. Allerdings nur vor höfischem Publikum. In Weimar übernahmen Goethe, der Kanzler von Knebel und die Fürstin Amalie verschiedene Rollen.

Vorsichtige Versuche in Bremen ein Theater zu etablieren, gehen auf den hannoverschen Freiherrn Adolph von Knigge zurück. Als hannoverscher Oberhauptmann gründete er in der Domschule ein Laientheater. 1791 brachte er dort sein erstes Stück auf die Bühne. Er selbst spielte ebenso mit wie Tochter Philippine, hannoversche Beamte, Juristen und Lehrer an der Domschule. Knigge orientierte sich an dem literarischen Zirkel um den Oldenburger Kanzleirats von Halen. Im Sinne der Aufklärung sah man das Theater als Mittel der Volkserziehung. Knigge wie auch die Oldenburger propagierten ein Theater für jedermann. Dort hatte man bereits Lessings „Minna von Barnhelm“ und Auszüge von Klopstocks Dichtungen aufgeführt. Der liberale und allgemein beliebte Herzog Peter Friedrich Ludwig förderte die Bestrebungen. Diesen Vorzug hatte Knigge nicht. Er nutzte seine eigene hannoversche Enklave rund um den Dom für sein Theaterexperiment. Das Entrée-Billet vom 16. April 1791 ist erhalten geblieben. Aufgeführt wurde damals „Ariadne auf Naxos“, ein Drama von Brand sowie ein Flöten- Konzert von Stamitz. Knigge nutzte das Billet zu erzieherischen Anregungen. So mögen doch die Damen gefälligst einen niedrigeren Kopfputz tragen, um anderen nicht die Sicht zu nehmen. „Die Zuschauer werden gebeten, sich bei dem Eingange nicht zu sehr zu drängen, damit der Einnehmer Zeit gewinne, die Billets nachzusehen“.

Knigges Experiment machte Schule. Auf sein Betreiben hin erhielt der Theaterdirektor Wilhelm Großmann 1792 vom Rat die Erlaubnis zum Bau eines hölzernen Komödienhauses auf der Junker-Bastion am Osterdeich. Goethes Briefpartner Nikolaus Meyer, der regelmäßig über kulturelle und andere bremische Entwicklungen berichtete, fand für das Bremer Theater wenig Lobenswertes. Außer Stücken wie „Rosenresli“ oder andere naive Volksstücke seien kaum ernsthafte Nummern im Programm. „Von Klassikern wurden nur Auszüge gegeben“, berichtete Nikolaus Meyer ärgerlich nach Weimar. Das 1843 am Bischofstor am Tempelberg in den Wallanlagen erbaute Theater hatte ein anderes Format. Eine geschickte Regie zog namhafte Schauspieler an. Hinter dem neuen Theater stand ein „Theater-Aktien-Verein“. 1856 übernahm die Stadt das Theater am Tempelberg, heute Theaterberg, ein Mehrspartenhaus, das den Namen Stadttheater erhielt. 1911/12 entstand eine weitere, nur dem Schauspiel gewidmete Spielstätte am Altenwall/Contrescarpe als Privatunternehmen. Die Gründer und Direktoren Eduard Ichon und Johannes Wiegand förderten das Haus, das sich bald durch Uraufführungen einen Namen machte. Hier gaben sie vor allem Schauspielern eine Chance, die von den politischen Zensoren abgelehnt wurden.

Geschickt gelang es Ichon und Wiegand, sich vom Einfluss der Ideologie der Nationalsozialisten frei zu halten. 1937 brachten sie das Stück „Das lebenslange Kind“ von Robert Neuner auf die Bühne. Hinter dem Pseudonym verbarg sich Erich Kästner, dessen Bücher von den Nazis verbrannt wurden. Von 1925 bis 1940 wohnte Wiegand in der Villa Ichon. Wiegand starb dort 1940, Ichon aus ungeklärter Ursache 1943. Ihr Theater wurde 1944 ebenso wie das Stadttheater durch Bomben zerstört. Das Stadttheater wurde aufgegeben. 1949 wurde am alten Platz das Theater am Goetheplatz wieder aufgebaut. 1950 begann die erste Spielzeit im neuen Haus.

Für die Ausgabe DIE WOCHE - MEIN VEREIN schreibt Ulf Fiedler regelmäßig Texte über Wissenswertes aus der Historie der Region. Lob, Anregungen und Kritik senden Sie bitte an ulffiedler@yahoo.de .

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