Eine Kritik von Markus Wilks

Britten-Oper "A Midsummer Night's Dream" in Oldenburg

"Wie ein großer Drogentrip" klingt Benjamin Brittens Oper "A Midsummer Night's Dream", findet Regisseur Tom Ryser. So hat er das Stück im Oldenburger Theater auch umgesetzt - und das durchaus überzeugend.
11.04.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Markus Wilks

"Wie ein großer Drogentrip" klingt Benjamin Brittens Oper "A Midsummer Night's Dream", findet Regisseur Tom Ryser. So hat er das Stück im Oldenburger Theater auch umgesetzt - und das durchaus überzeugend.

Ist es ein Traum? Ein Albtraum gar? Oder Wirklichkeit? Benjamin Brittens unterhaltsame Oper „A Midsummer Night’s Dream“ ist nun im Oldenburgischen Staatstheater aufgeführt worden und zeigt, dass das Chaos einer Sommernacht eigentlich sehr schön sein kann – trotz Liebeswirrungen, Mülls auf den Straßen und Ehezwists beim Elfenkönig.

Allzu häufig wird Brittens dicht an Shakespeare gehaltene Oper hierzulande nicht gespielt, obwohl sie sehr publikumswirksam sein kann und kreativen Regisseuren eine Steilvorlage für eine anregende Bühnenshow bietet. So zuletzt vor zehn Jahren in Hamburg und Bremen mit ganz unterschiedlichen, bildgewaltigen Inszenierungen. Diese Interpretationen werden nun durch die neue Oldenburger Produktion um eine weitere atemberaubende Bühnenlösung erweitert.

Da die Welt wegen des Ehestreites zwischen Elfenkönig Oberon und seiner Frau Titania auf dem Kopf steht und die menschlichen Liebespaare quasi ihren Verstand verlieren, erblickt man auf der Bühne bekannte Oldenburger Gebäude auf dem Kopf: Sie hängen vom Bühnenboden herab, während den Geisterwesen die Haare buchstäblich zu Berge stehen. Dass der Boden mit Papierresten zugemüllt ist, ergibt mit der geschickten Beleuchtung und den vielen kleinen Lichtern die wundervolle Atmosphäre einer Sommernacht. In einem Interview hat Regisseur Tom Ryser berichtet, dass er gemeinsam mit Ausstatter Stefan Rieckhoff die Sterne unten und die reale Welt oben haben wollte, ohne das Publikum jedoch komplett zu verwirren. Das ist ihm geglückt.

Regisseur Tom Ryser: "Klingt wie ein großer Drogentrip"

Bezogen auf die Musik gab Ryser zu verstehen, dass „A Midsummer Night’s Dream“ für ihn wie „ein großer Drogentrip klingt – ein sehr schöner, aber es müssen heftige Drogen sein, die die Ecken sehr rund machen“. Diesen Eindruck kann man von der Produktion insgesamt gewinnen. So führt Kapellmeister Vito Cristófaro das Oldenburgische Staatstheater mit aller Süße und Detailversessenheit durch Brittens Klangwelt. Als ob er in den Klängen badet und sie sensibel auskostet, legt Cristófaro einen benebelnden Schleier über die Musik. Und auch Tom Ryser lässt das Ensemble ohne jede Aufregung und Provokation spielen, als ob die Drogen Brittens Bühnenfeuerwerk zu einem angenehm wärmenden Funkeln verändern.

Selbst wenn die vier liebenden Menschen (Lysander, Demetrius, Hermia, Helena) ihren hormonellen Zustand durch das Abstreifen von Kleidung ausdrücken und in Unterwäsche spielen, oder wenn Titania sich mit dem zum Esel verwandelten Bottom zum Austausch von Körperflüssigkeiten in einen gelben Müllcontainer begibt, bleibt alles gesittet. Man merkt, dass es Britten und Shakespeare um Sex und Leidenschaft ging, doch wird dieser Aspekt in Oldenburg sehr brav umgesetzt. Man hätte sich bei den Vorgängen im Wald weniger „Hänsel und Gretel“-Atmosphäre und mehr „Käfig voller Narren“ gewünscht.

Dass die Vorgänge in dieser Sommernacht aus Sicht der handelnden Figuren wohl nur ein Traum oder ein Rausch waren, wird im diesseitigen dritten Akt deutlich, in dem Oldenburg wieder richtig herum zu sehen ist, einschließlich Bierdosen auf den Mauern und überfüllten Papierkörben in der schönen Stadt. Obwohl – am Ende scheint doch wieder der Zauber aus der Feenwelt einzuziehen und die Fantasie den Zuschauern einen Streich zu spielen.

Ensemble-Besetzung überzeugt

Wenngleich Britten keine Gesangsoper im Stile Verdis oder Puccinis geschrieben hat, in der man von den Stimmkünsten der Sänger überwältigt wird, können sich in Oldenburg viele Solisten profilieren. Und es überzeugt insgesamt das hervorragend besetzte, hörenswerte Ensemble. Es wurde stimmlich angeführt von dem in der Höhe starken Koloratursopran von Alexandra Scherrmann (Titania) sowie von Valda Wilson (Helena), die ihren apart timbrierten lyrischen Sopran differenziert und sehr musikalisch einsetzte. Tadellos auch Hagar Sharvit (Hermia) und Yulia Sokolik (Hippolyta) sowie Philipp Kapeller (als Lysander oft tenoral auftrumpfend), Daniel Moon (als Demetrius mit kräftigem Bariton), Paul Brady (als Theseus souverän mit einer herzöglichen Ausstrahlung) und Leandro Marziotte (als Oberon mit grundsolidem Countertenor).

Aus dem Handwerkersextett ragte Thomasz Wija (Bottom/Zettel) heraus, sein markanter, klangvoller Bassbariton wurde im Laufe der Aufführung immer stärker. Souverän auch Klanghelden, der Kinder- und Jugendchor des Oldenburgischen Staatstheaters (Leitung: Thomas Honickel). Schließlich agierte ein recht prominenter Gast im Ensemble: David Bennent, der vor allem als Oskar Matzerath aus der Verfilmung der „Blechtrommel“ bekannt ist. Er setzte seine nicht große, raue Sprechstimme kraftvoll ein und sorgte als quirliger clownartiger Kobold Puck für die Liebeswirrungen. Ungetrübter Beifall und etliche Bravorufe für eine wunderschöne, aber manchmal auch langatmige Produktion.

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