Musik Buhgewitter und Beifall für Bayreuther «Lohengrin»

Bayreuth. Hans Neuenfels beschwört den Untergang: Der Schwanenritter in einem Heer von Laborratten - das konnte nicht gutgehen. Der 69-jährige frühere «Skandalregisseur» («Idomeneo») hatte sich viel vorgenommen für sein Bayreuth-Debüt.
26.07.2010, 11:24
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Bayreuth. Hans Neuenfels beschwört den Untergang: Der Schwanenritter in einem Heer von Laborratten - das konnte nicht gutgehen. Der 69-jährige frühere «Skandalregisseur» («Idomeneo») hatte sich viel vorgenommen für sein Bayreuth-Debüt.

Mit der «Lohengrin»-Inszenierung wurden die 99. Richard-Wagner-Festspiele - die ersten nach dem Tod Wolfgang Wagners am Sontntag eröffnet. Am Ende musste Neuenfels das ihm gewohnte Wechselbad von Buhgewitter mit Beifall und auch Bravorufen aushalten, denn der Mummenschanz mit Chorratten ließ viele im Publikum und auch unter den Kritikern eher ratlos.

Auf die zu erwartenden heftigen Reaktionen auf seine Inszenierung angesprochen, meinte Neuenfels schon vorher, der sogenannte Jahrhundert-Ring von Patrice Chereau und Pierre Boulez von 1976 sei zunächst teilweise ein Publikums-Desaster gewesen und später mit 80- minütigem Schlussapplaus gefeiert worden. Da greift der Regisseur wohl etwas hoch, sein «Lohengrin» dürfte kaum die Halbwertzeit des Jahrhundert-Rings erreichen.

Neuenfels hat sich mit seiner zentralen Frage, ob der Mensch noch zu retten ist, einfach zuviel vorgenommen und so eher eine Kopfgeburt statt einer spannenden Sicht auf Wagners beliebteste Oper geschaffen. Immerhin erschien wenigstens der Schwan in mehreren Variationen (sogar Elsa trägt mal ein Schwanenkleid), der Schwanenritter selbst blieb in moderner Alltagskluft mit offenem Hemdkragen als Bühnenfigur eher blass und gesichtslos.

Überwiegenden Jubel gab es für die sängerischen Leistungen der meisten Solisten, allen voran die Bayreuth-Debütanten Jonas Kaufmann als Lohengrin und Annette Dasch als (von Pfeilen durchbohrte) Elsa, deren Liebe am mangelnden Vertrauen scheitert. Die Ortrud sang Evelyn Herlitzius, den Telramund der kurzfristig eingesprungene Hans- Joachim Ketelsen. Eine Glanzleistung bot Georg Zeppenfeld als König Heinrich. Ein Sonderlob verdient der von Eberhard Friedrich gewohnt souverän geleitete Festspielchor mit einer sängerischen Bravourleistung unter den erschwerten Kostümbedingungen (zum Teil mit Rattenköpfen).

Neben Beifall gab es auch einige unverdiente Buhrufe für den erst 31-jährigen lettischen Dirigenten Andris Nelsons, der das Orchester mit sensibler Hand und äußerst «sängerfreundlich» auch durch die lauteren Klangpassagen führte und damit auch als «Youngster» am Dirigentenpult bewies, dass er den berühmt-berüchtigten Graben im Bayreuther Festspielhaus bespielen kann. Bühnenbild und Kostüme entwarf Reinhard von der Thannen, der für Neuenfels ein meist in strengem Weiß gehaltenes klinisches «Labor» mit kahlen Wänden und die pittoresken Kostüme schuf.

Zu den Premierengästen gehörte das halbe Bundeskabinett mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) an der Spitze, die auf dem anschließenden Empfang im Neuen Schloss von Bayreuth hell begeistert war von der Aufführung: «Das war wunderbar, das hat uns gefallen, das haben Sie toll gemacht.» Sie erinnerte daran, dass Neuenfels noch von dem im März gestorbenen Wagner-Enkel Wolfgang Wagner engagiert worden war. Die Entscheidung hatte aber auch das Wohlwollen der Töchter Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier gefunden, den neuen Chefinnen auf dem Grünen Hügel, die sich bei den Buhrufen nach der Premiere demonstrativ an die Seite des Regisseurs stellten. Im Parkett saß auch Wagner-Urenkelin Nike Wagner, die sich vergeblich um die Nachfolge Wolfgang Wagners beworben hatte.

Die größten Irritationen beim Publikum lösten die Ratten aus, in die Neuenfels den Chor in wechselnden Verkleidungen («Häutungen») verwandelte als Symbol für den «letzten Weltenentwurf im Versuchslabor», in dem sich die Ratten rund um das scheiternde Liebespaar Lohengrin und Elsa tummeln. Damit entfernte sich der Regisseur ganz bewusst sehr weit vom Idealbild der beliebtesten und lange Zeit auch meistgespielten romantischen Oper des Bayreuther Meisters. Der berühmte Brautchor aus «Lohengrin» («Treulich geführt») von schwarzen, weißen und rosafarbenen Ratten gesungen - da war die Geduld so mancher treuer Bayreuth-Anhänger dann doch fast am Ende.

Neuenfels wollte ausdrücklich mit «Lohengrin» kein Märchen aus uralten Zeiten erzählen, sondern seine apokalyptische Sicht auf das angebliche Wunder um den «Heilsbringer» und seine unmögliche Liebe zu Elsa darstellen mit dem warnenden oder auch resignierenden Fazit, dass es in der Welt kein Vertrauen und keine Liebe mehr gibt. Auch Elsa hält den Befehl «Nie sollst du mich befragen» (sondern mir vertrauen) nicht aus - «Mir schwankt der Boden»... Lohengrin fällt unter die Menschen und scheitert.

Der historische Hintergrund, das Deutsche in der Sage oder gar Nationalistische, was Hitler so liebte («Führer von Brabant»), interessierte Neuenfels nicht, auch wenn er den Aufprall dieses «Phänomens Deutsch» in «diesem Kaff Bayreuth» (wo Hitler Stammgast war) spannend findet, wie er kurz vor der Premiere vor Journalisten in Bayreuth sagte. «Das ist Wagner!»

Als neuen «Führer von Brabant» lässt Neuenfels ein embryoähnliches Kleinkind aus einem Schwanen-«Überraschungsei» steigen, das sich die Nabelschnur demonstrativ ab- und in Stücke reißt. Also doch ein Neuanfang? Neuenfels gibt nicht auf - und möchte gerne am nächsten «Ring des Nibelungen» auf dem Grünen Hügel 2013 mitwirken, wie er vor der «Lohengrin»-Premiere bekundete. Katharina Wagner, die sich schon für Christoph Schlingensief stark machte, scheint nicht abgeneigt. Immerhin sieht sie in Neuenfels eines ihrer großen Regie-Vorbilder, auch wenn der Berliner Regisseur nicht für den gesamten «Ring», sondern in einem Team mit anderen Regisseuren im Gespräch ist. «Ich komme auf jeden Fall wieder - wenn man mich holt», sagte Neuenfels.

Die am Sonntag eröffneten ersten Bayreuther Festspiele nach dem Tod Wolfgang Wagners, des langjährigen «Patriarchen» auf dem Grünen Hügel, dauern noch bis zum 28. August und bieten noch den «Ring des Nibelungen» (Regie Tankred Dorst) sowie «Die Meistersinger von Nürnberg» (Katharina Wagner) und «Parsifal» (Stefan Herheim). An diesem Dienstag steht «Rheingold» auf dem Programm. (dpa)

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