Musik Buhrufe und Beifall bei Stölzls «Rienzi»-Premiere

Berlin - Philipp Stölzl hat sich an Winifred Wagner gerächt. Die damalige Herrin am Grünen Hügel in Bayreuth hatte ihrem Duzfreund Hitler zu dessen 50. Geburtstag die - seitdem verschollene - Originalpartitur der Oper «Rienzi» geschenkt, ein 1842 in Dresden uraufgeführtes Frühwerk von Richard Wagner.
25.01.2010, 12:40
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Berlin - Philipp Stölzl hat sich an Winifred Wagner gerächt. Die damalige Herrin am Grünen Hügel in Bayreuth hatte ihrem Duzfreund Hitler zu dessen 50. Geburtstag die - seitdem verschollene - Originalpartitur der Oper «Rienzi» geschenkt, ein 1842 in Dresden uraufgeführtes Frühwerk von Richard Wagner.

Dass die Oper über Aufstieg und Fall eines römischen Volkstribuns und Revolutionsführers im 14. Jahrhundert Hitlers Lieblingsoper war und die Ouvertüre zu den NS-Reichsparteitagen gespielt wurde, tat wohl ein übriges, um Regisseur Stölzl zur platten Analogie und Hitler-Mussolini-Faschismus-Parabel zu verleiten, die er wie viele andere auch in Rienzi verkürzt sieht.

Obwohl ihm dazu teilweise überzeugend stringente Bühnenbilder (mit Ulrike Siegrist) und Massenchoreographien gelangen, stieß Stölzl bei der Premiere seiner Neuinszenierung am Sonntag an der Deutschen Oper in Berlin auf zum Teil heftige Ablehnung im Publikum. Für die musikalische Seite des Abends unter der Leitung von Sebastian Lang-Lessing gab es viel Beifall.

Souverän führte er den Stab am Dirigentenpult bei den oft pathetisch-bombastischen Klängen Wagners, der damals noch an die französische Grand Opera anknüpfen wollte. Die Sänger - in der Titelrolle Tenor Torsten Kerl, besonders überzeugend die Mezzosopranistin Kate Aldrich in der Hosenrolle des Adriano - und der oft dominierende und vorzügliche Chor der Deutschen Oper (Leitung William Spaulding) kamen zu ihrem Recht.

Stölzl war früher mit Madonna- und Rammstein-Videos und zuletzt mit dem Kinofilm «Nordwand» bekannt geworden, im Herbst kommt sein neuer Film «Goethe!» in die Kinos. Für seine Einheitsidee vom Rienzi- Hitler-Untergang fand er beeindruckende choreographische Lösungen und verkürzte die ursprünglich rund fünfstündige Oper auf etwa die Hälfte. Manche Facetten des vielschichtigen Charakters des aus dem Volk aufsteigenden Revolutionsführers, der zwischen Adel, Kirche und den Volksmassen schließlich zu Fall kommt und gelyncht wird (hier mit Holzkreuzen erschlagen wird), bleiben dabei auf der Strecke.

Stölzl gibt die ganze Marschrichtung schon mit der Ouvertüre vor (bis heute ein Ohrwurm sogar bei «Spiegel TV»-Folgen), die er bei offenem Vorhang spielen lässt - mit Blick in Hitlers Berghof am Obersalzberg mit der riesigen Fensterwand und dem Ausblick auf das mächtige Alpenpanorama. «Hitler-Göring», der spätere Rienzi, tanzt auf dem Schreibtisch, Charlie Chaplins «Der große Diktator» und Helge Schneiders «Mein Führer» lassen grüßen.

Der Untergang des Volkstribuns spielt sich Stölzls fixer Idee folgend natürlich im «Führerbunker» ab, Rienzi mit Eva Braun an seiner Seite (hier Camilla Nylund als Irene) und zuletzt noch im Keller mit der «Wunderwaffe» spielend, die allen Rettung bringen soll. Die Zeichnung des schillernden Volkshelden Rienzi als «Hitler- Vorläufer» ist zu kurz gegriffen, auch wenn eigene Verführbarkeit, Realitätsblindheit und Machtrausch in der Vorlage enthalten sind («Rienzi, heil dir!»). Aber es hätte Stölzl zum Beispiel zu denken geben sollen, dass sogar der 20-jährige Friedrich Engels, selbst Vertreter revolutionärer Ideen im 19. Jahrhundert, sich differenzierter mit dem Stoff befasste und für einen befreundeten Opernkomponisten ein Dramenfragment entwarf.

Die großformatigen Videoeinspielungen im Hintergrund zeigen Stölzls Handschrift und Meisterschaft im Umgang mit diesem Medium. «Das neue Rom» heißt hier die an frühere NS-Ufa-Propaganda- Wochenschauen angelehnte Vision mit Berliner Siegessäule, Reichstag und der von Hitler/Speer geplanten monströsen «Halle des Volkes» (höher als der Petersdom in Rom) für die «Welthauptstadt Germania».

Der «Rienzi»-Stoff basiert auf einem damaligen Bestseller des britischen Autors Edward Bulwer-Lytton (1803-1873), der vor allem mit «Die letzten Tage von Pompeji» bekannt geworden war. Wagner distanzierte sich später von seinem Frühwerk, mit dem er allerdings seinen Durchbruch als Komponist erzielte und das zu seinen Lebzeiten seine meistgespielte Oper war.

Nach 1945 verschwand sie - eben wegen der Hitler-Affinität - weitgehend von den Bühnen im deutschsprachigen Raum. Erst in letzter Zeit gab es wieder Aufführungen in Leipzig und - von der neuen Bayreuther Festspielchefin (und Rammstein-Verehrerin) Katharina Wagner - in Bremen. In Berlin hatte Opernintendantin Kirsten Harms, die 2011 gehen muss, «Rienzi» für die gegenwärtigen Wagner-Wochen an der Bismarckstraße eingeplant.

Nirgendwo sonst übrigens außer in Bayreuth werden so viele Wagner- Opern gespielt wie an den drei Opernhäusern der Hauptstadt. Götz Friedrichs «Ring des Nibelungen» steht im Frühjahr wieder auf dem Spielplan. (dpa)

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